Mhmmm … Cupcakes!!!


Sooo appetitlich! Zugreifen oder nicht?

Du sollst keinen Zucker essen, sagen die Ärzte; Zucker macht übergewichtig und diabetisch

Du sollst kein Fett essen, sagen die Ärzte, denn Fett macht fett

Du sollst übrigens auch kein Fleisch essen, sagen die Tierschützer, denn Massentierhaltung ist entsetzlich

Du sollst das Leben geniessen, sagt Tante Dora, Du wirst sonst krank

Du sollst keine Milchprodukte, kein Weizenmehl und keine Südfrüchte essen, sagt der Heil-Guru, dann bekommst Du Deine Menière-Erkrankung in den Griff

Du sollst möglichst wenig Salz zu Dir nehmen, sagen die Ärzte, auch das hilft gegen Menière

Du sollst übrigens einmal pro Woche Fisch essen, wegen der Omega-3-Säuren, sagt der Experte

Du solltest das Leben geniessen, sagt Tante Dora, Du wirst sonst krank

Du sollst Heidelbeeren essen, sagt der Ernährungs-Experte, die sind gesund

Du sollst nur saisongerechtes Gemüse und saisongerechte Früchte essen, sagt der Bio-Freak, – Heidelbeer-Saison ist im August

Du sollst keinen Fisch essen, die Meere sind überfischt, sagt der Ökologe

Du solltest das Leben geniessen, sagt Tante Dora, Du wirst sonst krank

Du sollst genug Eiweiss zu Dir nehmen, sagt die Diät-Expertin. Kein Wunder, dass Du immer müde bist, wenn Du nur Gemüse und Reiswaffeln isst

Eiweiss hin oder her – so lange ich in diesem Haushalt etwas zu sagen habe, sollst Du sollst keins von diesen widerlichen Soja-Produkten kaufen, sagt Herr T

Du sollst nicht so viel über das Essen nachdenken, das ist doch dekadent.

Das hier ist mein Beitrag zum Projekt *txt. Danke für die Inspiration, Dominik! Das vierzehnte Wort lautet „Gewissen“. Quelle für das Bild oben: kinsalegourmetacademy.com)

Wie weiter mit Assad?

Den ersten Beitrag dieser Syrien-Erinnerungen schrieb ich spontan – vor meinem geistigen Auge stand das entsetzliche Bild jenes Lastwagens an der österreichischen Grenze, in dem kurz zuvor 71 Flüchtlinge jämmerlich erstickt waren. Als ich zu schreiben begann, war das Syrien meiner Erinnerung noch sehr westlich, das Arabische an den Städten nicht viel mehr als touristische Kulisse. Aber dann las ich meine Tagebücher von 1998 wieder. Und ich kam zur Einsicht: Es war dort eben doch sehr anders als bei uns.

Das ändert nichts an meiner Überzeugung, dass wir den Flüchtlingen helfen müssen. Aber es warf Fragen auf. Ich begann zu lesen wie verrückt. In diesen Büchern fand ich Antworten, die mich überzeugten. Auch, weil sie zu dem passten, was ich damals sah und notierte.

Dieses Buch ist hoch aktuell, leicht lesbar und beschreibt die Zustände von Afghanistan bis Tunesien. Autor Michael Lüders kommt mir als ehemaliger Nahost-Redaktor der „Zeit“ glaubwürdig vor. Seine Antworten auf meine Fragen plausibel:

Was war das in Syrien für eine Gesellschaft, bevor der Krieg begann?
Es gab in Syrien eine dünne, städtische Mittelschicht – zu dünn um eine Demokratie nach westlichem Muster aufzubauen. Stammesdenken spielte eine wichtige Rolle und wurde beim Überlebenskampf im Krieg noch wichtiger. Assad ist ein typisch arabischer Despot: Diese betrachten den Staat im Allgemeinen als Selbstbedienungsladen für sich und ihre Familien. Gibt es Widerstand, so antworten sie mit Gewalt. Assad senior und junior konnten sich als Vertreter der alawitischen Minderheit an der Macht halten, weil sie mit den sunnitischen Händlern in den Städten ein Bündnis eingingen. „Der Deal lautete: Ihr stellt nicht die Machtfrage, und wir stören euch nicht bei euren Geschäften“, so Lüders.

Warum brach der Krieg aus?
Im Januar und Februar 2011 gab es in einigen kleineren Städten spontane Proteste gegen die Korruption im Land. Die Polizei reagierte derart brutal, dass die Protestwelle aufs ganze Land übergriff. Eine Massenbewegung wie etwa in Kairo gab es aber nie, so Lüders. Weder die religiösen Minderheiten noch die sunnitische Geschäftswelt schloss sich dem Aufstand an. Und doch wurde die Revolte bald zum blutigen Krieg zwischen Alawiten und Sunniten. Sunnitisches „Rückgrat der Rebellion“ seien „Bauern und Landflüchtlinge gewesen, die als Folge von Dürre und Verelendung im Bandenwesen der Milizen eine Alternative sehen“ – und „einen Lebensunterhalt“, schreibt Lüders.

Ist der Westen mitschuldig?
Oh ja, sagt Lüders. Es ist eine seiner Hauptthesen, dass die Interventionen des Westens massgeblich zur Krise im Nahen Osten beigetragen hat. Der Westen habe Freiheit und Demokratie gepredigt und dabei immer knallhart seine eigenen Interessen durchgesetzt. Viele Muslime, auch gemässigte, hätten den Eindruck, der Westen führe einfach Krieg gegen den Islam.

Was soll jetzt passieren?
Inzwischen sei der Krieg in Syrien stark „metastasiert“, schreibt Lüders. Es gäbe geschätzte 1000 Banden, Milizen und Grüppchen – viele kämpften raubend und plündernd um ihr nacktes Überleben. Der Westen müsse aufhören, in dieses Chaos auch noch eigene Kämpfer zu schicken. Die Freie Syrische Armee, die ‚gemässigte“ Opposition, hält er für eine Phantasie des Westens. Kommt noch das Gerangel mit Russland dazu: Der Westen müsse akzeptieren, dass Putin hier auch ein Wörtchen mitzureden habe, sagt Lüders.

Wie weiter mit Assad?
Vor ein paar Wochen habe ich ja noch zur Ansicht geneigt, Assad sei ein Mörder und müsse weg. Aber die Lektüre des Buches hat meine Meinung geändert. Klar sei Assad brutal, schreibt Lüders. Dennoch greife die offizielle westliche Lesart zu kurz, nach der Assad die alleinige Verantwortung für die Zerstörung Syriens trage. Und, so Lüders: „Einem Grossteil der Bevölkerung ist die Pest von Assads Herrschaft immer noch lieber als die Cholera einer ungewissen Zukunft, die radikale Islamisten an die Macht spülen dürfte.“ Die würden dann das Morden einfach auf einer höheren Liga weiterführen.

Wer sich noch ein bisschen tiefer reinknien möchte, sollte das hier lesen:

Albert Hourani schrieb es vor 9/11 und auf sehr zurückhaltende Art – er war Oxford-Dozent der alten Schule. Doch er analyisiert punktgenau die Probleme der arabischen Welt – etwas die Krämpfe um die Frage, welche Rolle der Islam im Staat zu spielen habe. Ich las es schon 1998 – erst als ich es neulich wiederlas, verstand ich: Er hatte die Sprengkraft dieser Krämpfe glasklar vorhergesehen.

Dienstbarer Geist in Damaskus

Auf dem Soukh von Damaskus, 15. Oktober 1998

Das Bild bringt auf den Punkt, wie sich die Stadt Damaskus damals anfühlte: ein bisschen westlich. Oder sie versuchte wenigstens, es zu sein, für die Touristen – oft mit fast schon parodistischer Unbeholfenheit. Denn Damaskus war zuallerserst eine Stadt im Orient, viel mehr als Aleppo. Was man auf dem Bild nicht sieht: Es war eine riesige Stadt, „ein Drittweltmoloch“, schrieb ich ungnädig in mein Tagebuch; eine Stadt, die unter ihrem ungeheuren Alter zu ächzen schien.

Wir Touristen waren in einem Viersternhotel untergebracht – wir sollten im Dschungel der Grossstadt einen Rückzogsort mit westlichem Standard haben. Schon bald zeigte sich jedoch, dass dieser Plan nicht aufging. Bei der Ankunft begrüsste man uns mit einem Geschenk – einer lokaltypischen Dose mit Intarsienarbeiten (Bild unten). Massenware, dachte ich und legte sie auf ein Tischchen. Dann ging ich duschen.

Die Handtücher im Bad waren weiss – auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen sah man sandbraune Krusten zwischen den Frotteemaschen. Man konnte die Tücher beinahe hinstellen, so steif waren sie. Sie kratzten beim Abtrocknen.

Wir blieben nur eine Nacht. Am nächsten Morgen trat ich mit gepacktem Koffer auf den Korridor und erblickte vis à vis die offene Tür einer Wäschekammer. Sie war voller unbeschreiblich schmutziger Wäsche. Und, weiss Gott, ich bin puncto Hygiene nicht pringelig. Aber selbst ich sah, dass auch dem Korridor eine reinigende Hand gutgetan hätte. Ich schluckte leer, schloss mein Zimmer ab und ging zum Lift. Auf dem Weg begegnete ich einem Mann mit knittriger Livree und geöltem Schnurrbart. Wie ein Gespenst irrlichterte er durch den Korridor. War er betrunken? „Er sieht jedenfalls nicht aus, als ob er demnächst zum Besen greifen würde“, dachte ich.

Kaum hatte ich den Liftknopf gedrückt, tippte mich jemand auf die Schulter. Es war der Mann mit dem geölten Schnurrbart. Mit einer schiefen Verbeugung überreichte er mir meine Intarsien-Dose. Ich hatte sie im Hotelzimmer vergessen. Mir wurde leicht übel. Diese merkwürdige Gestalt verfügte also über einen Schlüssel zu meinem Zimmer – er hätte mich jederzeit im Schlaf überraschen können. Er krächzte etwas auf Arabisch. Ich fragte nach, bis ich es verstanden hatte: „Bakschisch, bakschisch!“ Er wollte wahrscheinlich ein Trinkgeld.


Ungefähr so sah die Dose aus, die man uns im Hotel gab. Ich habe sie heute noch (Quelle: hanaweb.de).

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