Der Melancholiker


Alan Rickman in seiner wohl berühmtesten Rolle – als Severus Snape in Harry Potter. (Quelle: Twitter / @JelenaPopovic_E)

Im Herbst 1985 schleppte mich jemand ins Barbican-Theater in London. Ich wohnte damals in der Nähe von London und ging öfter ins Theater. Alles andere habe ich vergessen, aber nicht jenen Abend. An jenem Abend wurde „As You Like It“ von William Shakespeare gespielt – „Wie es Euch gefällt“. Und da stand ein Mann auf der Bühne und lispelte: „All the world’s a stage, and all the men and women merely players; They have their exits and their entrances, and one man in his time plays many parts.*“


Rickman als Jacques in „As You Like It“, 1985 (Quelle: pinimg.com)

Das war Alan Rickman. Er sprach mit einer Traurigkeit, die ich erst heute verstehe. Es war die Traurigkeit darüber, dass nicht einmal wir selber uns wirklich kennen. Die Traurigkeit über die Möglichkeiten, die uns das Leben – vielleicht – versagt. Er war unvergesslich.

Gut, vielleicht erinnere ich mich auch nur deshalb noch so genau, weil ich Rickman später so oft im Kino gesehen habe. Als zweifelnden Ehemann in Tatsächlich … Liebe. Als älteren Verehrer eines ganz jungen Mädchens in Sinn und Sinnlichkeit. Als den düsteren Zauberlehrmeister Severus Snape in Harry Potter. Wir erinnern uns: Severus liebte Harry’s verstorbene Mutter Lilly, kam aber bei ihr nie zum Zug. Und so ist er seinem ahnungslosen Schüler Harry in einer bitteren, zuweilen aber auch fast zärtlichen Hassliebe verbunden. Niemand hätte das besser spielen können als Alan Rickman.

Heute hat Alan Rickman seinen letzten Abgang gemacht. Wer wird jetzt unserer Traurigkeit eine Stimme geben?

* „Die ganze Welt ist Bühne, und Männer und Frauen nur Spieler. Sie treten auf und wieder ab und ein jeder hat in seiner Zeit so manche Rolle.“ (Übersetzung ungefähr nach August Wilhelm Schlegel).

3 Gedanken zu „Der Melancholiker“

  1. REPLY:
    Ja, das war tatsächlich mal eine Idee von mir – ich hatte ja eine Zeitlang den „Economist“ abonniert und oft war die einzige Seite, die ich dann wirklich las, die letzte mit dem obituary, ein Nachruf pro Woche. Ich liebe Nachrufe.

    Aber mit Nachrufeschreiben habe ich mich im letzten Jahr zurückgehalten, obwohl das ein obituary-reiches Jahr gewesen wäre (es starben etliche Schauspieler und Musiker weltweit, aber auch verdiente Künstler und Kunstförderer in meiner Heimatstadt). Aber ich habe es mir dann doch verkniffen. Man will dem Tod doch nicht zu viel Raum geben …

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