Trump und die Medien

Zwei Tage nach dem Trump-Sieg haben die Medien in den USA mit der Selbstgeisselung begonnen – das habe ich hier gelesen. Man habe in den grossen Städten in einer Blase gelebt und das Desaster nicht kommen sehen, wehklagen sie. Gut so, sollen sie sich bessern, und ich hoffe, das schwappt dann auch auf die Schweiz über. Ich sage das als Leserbriefredaktorin einer mittelgrossen Zeitung in einem konservativen Teil der Schweiz (grosses Geständnis, aber ich muss jetzt mal Dampf ablassen).

In der Schweiz haben wir ja reichlich Erfahrung mit Volksentscheiden, deren Ausgang „alle“ schockiert. Zum Beispiel das Minarett-Verbot. Oder die Masseneinwanderungsinitiative. Nur ich als Hüterin der Leserbriefspaltenn habe die Dinge jeweils kommen sehen. Als meine Stammkunden bis weit in die politische Mitte hinein über die angebliche Unverschämtheit der Muslime oder zu viel Zuwanderung zu klagen begannen, wusste ich: Da ist etwas im Busch. Bei der Minarettinitiative lag ich mit meiner Prognose besser als unser landesweit bekannter Umfragen-Guru Claude Longchamp.

Mein Problem ist: Die Leserbriefschreiber wiederholen in aller Regel auch nur die ewig gleichen Argumente. Ich habe mich deshalb schon hundertmal, schon tausendmal gefragt: Steckt eine authentische Erfahrung dahinter, wenn dieser oder jener nicht mal so ungebildete, wahrscheinlich nicht mal so schlecht situierte ältere Herr plötzlich das Klagelied von der Überfremdung anstimmt? Und was für eine Erfahrung ist das?

Hundertmal, tausendmal habe ich mir geradezu inbrünstig gewünscht, irgendjemand könnte es mir erklären. Ich kann ja nicht mit den Absendern dieser Leserbriefe diskutieren, das würde mir als Parteilichkeit ausgelegt. Und nur schon der Verdacht der Parteilichkeit ist Gift für eine Leserbrief-Redaktion.

So hoffe ich nun, dass die Amerikaner herausfinden, wie man die Probleme des unteren Mittelstandes versteht. Nur: Sogar wenn die Medien ein Phänomen wie den Trump-Sieg dereinst ohne Rückgriff auf die üblichen Klischees erklären können – was genau würde das verändern? Und: Die meisten Menschen machen politisch prägende Erfahrungen am Arbeitsplatz – und nichts ist vor der Öffentlichkeit so gut abgeschirmt wie die Vorgänge in den grossen und kleinen Firmen dieser Welt.

Und noch etwas: Dass man nicht mehr wisse, was im ländlichen Amerika vor sich gehe, habe auch mit dem Niedergang der Lokalmedien zu tun. „Nachrichten kosten Geld“, sagt eine amerikanische Journalistin im verlinkten Bericht. Und Geld ist genau das, was heute den meisten Medien fehlt.

9 Gedanken zu „Trump und die Medien“

  1. … macht mich dieser Beitrag, frau frogg. Ich meine: Man sollte doch von Stimmbürgern erwarten dürfen, dass sie für einen Fünfer denken!

    Beispiel: Vor der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative traf ich in einer Bergbahn einen sympathischen älteren Herrn. Er erzählte mir, dass er nahe der Autobahn in einem Vorort eine Wohnung besitze, und dass die innert kürzester Zeit zweimal ausgeäumt worden sei, vermutlich von Kriminaltouristen aus dem EU-Raum. „Ich werde für die Initiative stimmen“, sagte er – weil es ihm am liebsten gewesen wäre, dass an der Schweizer Grenze wieder Zollbeamte stünden. Dabei war so etwas gar nicht Gegenstand der Masseneinwanderungsinitiative – die forderte lediglich Einwanderungskontingente. Das sagte ich dann dem Mann, worauf die Stimmung in der Kabine merklich sank. Er wollte es nicht hören – lieber wollte er denen in Bern oben einmal sagen, was Sache ist.

    Und so ist es doch: Wegen der kleinsten Unsicherheit aktivieren die Leute irgendwelche Vorurteile, am liebsten rassistische. Da labern sie dann alle dasselbe: „… und die Flüchtlinge bekommen alles vom Staat“, und „… und jedem Ausländer wirft man eine IV-Rente nach“, „… denen geht es doch blendend, die laufen ja immer mit den neuesten Handys herum“ laber laber laber und von nichts eine Ahnung.

    Die wirklich vergessenen Leute in unserem Land sind die Migranten, die hier ohne zu mucken unglaublich viel arbeiten, wenig verdienen, unverhältnismässig viel Miete zahlen und dem Staat nicht einmal den Stinkefinger zeigen können, weil sie nämlich kein Stimmrecht haben!

  2. »Nachrichten kosten Geld. Und Geld ist genau das, was heute den meisten Medien fehlt.« – Natürlich haben Sie recht, aber gerade umgekehrt tritt ja das Dilemma zutage: Nachrichten sind es, was heute in den meisten Medien fehlt. Warum also sollte der Konsument für allenthalben wiedergegebenen Copy&paste-Schmarrn noch Geld bezahlen. Nicht der Gast ist schuld, wenn die dünne Suppe die Zeche nicht wert ist, sondern der Koch.

  3. REPLY:
    für Blätter, Herr Nömix?! Also, mein Blatt hat täglich Nachrichten, sogar ganz viele. Und bei weitem nicht alle sind solche, die in anderen Blättern auch zu haben sind.

    Anders gesagt: Ihnen ist sicher klar, dass ich mit so einer pauschalen Verurteilung „der Medien“ nur bei mir selber etwas anfangen kann, bei anderen weniger 🙂

    Aber sie haben insofern recht, als das Grund-Dilemma ein verzweifeltes ist: Wer eine so genannte Vollzeitung macht, muss immer alles haben, was die anderen auch haben. Daran kann die Eigenständigkeit leiden – die Suppe wird wässrig. Will man aber fokussieren, dann leidet die Vollständigkeit. Man macht dann nicht mehr eine Gemüsesuppe mit ein bisschen von allem, sondern vielleicht nur noch Selleriesuppe. Dann hat man aber all jene Gäste nicht mehr, die Sellerie nicht mögen. Es wird dann auch jeden Tag Selleriesuppe geben, und auf die Dauer dürfte das dem Gast etwas zu einseitig sein.

    Zeitungen suchen sehr unterschiedliche Wege aus diesem Dilemma hinaus. Bei manchen funktioniert’s. Bei anderen weniger.

  4. REPLY:
    … anmerken, dass es keine kleinste Verunsicherung ist, wenn einem die Wohnung zweimal ausgeräumt wird. Mir wurde vor zwei Jahren am Bahnhof das Portmonee geklaut. Bis heute nehme ich es dort nur noch aus der Tasche, wenn ich unbedingt muss.

    Natürlich habe ich deswegen bei den nächsten Wahlen nicht den Namen eines rechten Pöbelpolitikers auf den Stimmzettel geschrieben. Aber meine Reaktion war durchaus eine politische. Ich war noch unzufriedener mit der Sparpolitik meines Wohnkantons – weil nämlich die Polizei bei der Bearbeitung des Falls eine gewisse Lethargie an den Tag legte, dachte ich mir: Die sind einfach zu wenig gut ausgerüstet, um sich dieser Sache anzunehmen. Ich wurde auch wütend auf den Staat und bin deswegen ein wenig weiter nach links gerutscht.

    Wer die echten Unterprivilegierten sind, kann ich nicht beurteilen – es liegt auch daran, dass die Gesellschaft tatsächlich auseinanderdriftet und wir nicht mehr wissen, wie es dem Cousin auf dem Lande, der Putzfrau der Frau in der Krippe wirklich geht.

  5. viele denken wohl, dass sich die menschen allgemein hin zu mehr weltoffenheit und toleranz entwickeln. dem ist leider nicht so. der zeitgeist der z.b. siebziger/achtziger jahre war weit mehr von weltoffenheit geprägt. zeitgeister kommen und gehen. man kann sich fragen, wieso heute intoleranz, fremdenfeindlichkeit und dumpfbackener nationalismus salonfähig wurden.
    mir kommt es so vor, als wäre heute die welt ein einziger sumpf. auch früher war es sicher schon kompliziert, aber es war einigermaßen klar, was rechts und links ist. sehr viele menschen haben orientierungsschwierigkeiten. und in dieses durcheinander der werte stoßen die populisten und demagogen mit ihren platten, einfachen reden, mit ihren phrasen, die man wie einen gassenhauer nachjodeln kann.
    von der schweiz weiß ich nicht genug, aber ich kann allgemein sagen, warum die landbevölkerung mehrheitlich konservativ, rechts bis ultrarechts wählt. dazu gehören der bäuerliche aberglaube, die von der kirche geprägten werte, dass man dort noch in eingeschworenen, in sich abgeschlossenen sozialen gruppen lebt, welche per se dem fremden sehr skeptisch bis feindlich gegenüberstehen. man empfindet ein ausgeprägtes „wir-gefühl“, weil ein zusammenstehen in der gruppe in schlechten jahren oder im unglück ungeheuer wichtig ist. manche dorfgemeinschaft ähnelt einer sekte. in der urbanität existiert eine ganz andere gruppendynamik.
    die medien spielen für die aufklärung eine ungeheuer wichtige rolle. allerdings ist es heute schwierig geworden, (in diesem sumpf) an gehaltvolle informationsquellen zu kommen. wir sind inzwischen geradezu abgesumpft, äh, abgestumpft. gehört werden vor allem jene, die am lautesten schreien, die sich am besten verkaufen können, wobei es so gut wie gar nicht mehr auf den wahrheitsgehalt ankommt. so kann es geschehen, dass menschen ihre eigenen ausbeuter wählen, minderheiten den wählen, der sich über sie lustig macht, frauen ihre eigenen vergewaltiger wählen…
    allein ein riesenangebot an medien und informationen erzeugt eben noch keine aufgeklärtheit. viele menschen verspüren eine große sehnsucht nach einfachheit und übersichtlichkeit, und die trumps und rattenfänger dieser welt machen es uns einfach.

    wir werden sehen, wie weit amerikas trump geht…

  6. REPLY:
    … eine sehr lesenswerte Analyse, Herr BoMa! Gerade die Beschreibung des Lebensgefühls auf dem Lande zeugt von viel Erfahrung. Es erklärt manche Dinge, die politisch auf dem Land abgehen. Beunruhigend ist ja aber, dass gewisse politische Entwicklungen, die wir sehr bedenklich finden, bis weit in die Vorstädte hinein populär sind.

  7. Es ist natürlich billig, am Trump-Desaster den Medien die Schuld zu geben, allenfalls stimmt, dass sie ein zu elitäres Verhalten an den Tag legen und eine Kumpanei mit der herrschenden Elite betreiben, die immer wieder augenfällig wird.
    Viele Menschen nehmen wahr, dass vor ihren Augen die Wellt umgebaut wird, dass sie dazu nicht mehr gebraucht werden und dass ihr Platz in der Gesellschaft marginalisiert wird, dass ihnen und ihren Kindern also eine gesellschaftliche Teilhabe auf Dauer versagt bleiben wird. Was derzeit unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ bekannt ist, wird dieses Problem dramatisch verschärfen. In Deutschland fallen sie auf eine Partei herein, die das Wort „Alternative“ im Namen führt, in Wahrheit aber keine Alternative ist, weil sie einen ebenso neoliberalen Umbau der Gesellschaft anstrebt wie die Regierungsparteien. Alle betreiben die Verschlankung, mithin Verarmung des Staates, die Privatisierung öffentlichen Eigentums und die Verschlechterung sozialer Standards. In der Politik herrrscht die Wahnidee vor, man müsse die Notwendigkeit den Leuten nur besser erklären, dann würden sie sich mit ihrem eigenen Ausverkauf schon arrangieren. Doch so dumm sind die Menschen nicht. Je bockiger sich hier der Bürger anstellt, desto mehr trommeln die Medien dagegen an, was ihnen den Glaubwürdigkeitsverlust besorgt. (Das kann ich nur für Deutschland belegen. Die Situation in der Schweiz kenne ich nicht.) Denn es ist kein Kommunikationsproblem, sondern es geht um die Frage einer anderen Vision von Zukunft. Wenn hier kein Umdenken stattfindet, werden wir in Europa einen Rechtsruck erleben, der das Problem Trump in den Hintergrund rückt, da sei Marine le Pen (FR), Geert Wilders (NL), Frauke Petry (D) vor und und (bitte beliebig für (A) und (CH) erweitern.

  8. REPLY:
    des Rechtsrutsches in Europa betrifft, gehe ich mit Ihnen vollkommen einig, Herr Trithemius. Nur scheint mir jener, der sich letzte Woche in den USA vollzogen hat, monumental – weil die USA die Weltmacht sind und nicht nur sich selber jede Menge Ärger einbrocken könnten, sondern auch dem Rest der Welt.

    Dass die Medien nicht (allein) schuld sind an dem was passiert ist, ist richtig. Aber ich würde mir von den Medien erhoffen, dass sie in der Lage wären, die Stimmungslage in der Bevölkerung zu analysieren und mit guten Storys zu dokumentieren. Nicht blind in ihrer Blase zu leben. Vielleicht wünschen wir uns da etwas Ähnliches, Sie und ich.

    Was mich einfach erschreckt ist: Warum wählen die Leute, die sich von der classe politique (wie es bei uns heisst) im Stich gelassen fühlen, Parteien, die nebst etwas Heimattümelei vor allem noch mehr vom selben (Umverteilung von unten nach oben, Verschlankung des Staates, Neoliberalismus) versprechen?

    Dass sie es tun, ist nicht (allein) schuld der Medien. Es fehlt eine gesellschaftliche Vision, eine echte Alternative (oder ist das Wort in Deutschland schon ein Schimpfwort?), eine Analyse der Probleme und eine glaubwürdige Lösung. Früher hatten die Linken so etwas (in meinen Augen). Aber die Linke ist leider extrem schwach.

    Das Problem ist übrigens in der Schweiz genau dasselbe – eine grosse, rechtspopulistische Partei hat in der Schweiz derart Zulauf, dass sie mittlerweile breite Teile des öffentlichen Diskurses dominiert. Es gibt bei uns aber auch Zeichen der Hoffnung – eine Bewegung, die entdeckt hat, wie man in einer Volksabstimmung die politische Mitte erreicht. Bald kommt für sie die nächste Herausforderung. Man darf hoffen.

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