Darf man Trübsal blasen?

Soll man in seinem Blog Trübsal blasen? Soll man über seine Schwerhörigkeit, seine Schwindelanfälle, seine Depressionen, seine Krampfadern, seine Schwierigkeiten mit dem Arbeitsamt bloggen? „So etwas will doch kein Mensch lesen!“ sagen Bekannte von mir – typischerweise solche, die meinen Blog nicht lesen. Sonst wären sie wohl zu höflich, um so etwas zu sagen. Aber sie sind Vertreter der Haltung: Man soll andere nicht mit seinem Elend herunterziehen. Oder: Man zeigt anderen besser nicht, wie schwach man ist. Oder: Über so etwas zu schreiben, das ist Befindlichkeitsprosa – wobei Befindlichkeitsprosa ein Schimpfwort ist. Ich weiss aber nicht genau, warum.

Wenn ich über diese Frage nachdenke, dann fällt mir immer eugene faust ein. Sie war eine ideenreiche Bloggerin, witzig, verspielt. Ich las sie gerne, aber unaufmerksam, konnte sie nicht recht einordnen. Erst kurz vor ihrem Tod 2013 schrieb sie ihre Autobiorafie. Die las ich wie gebannt, und erst ab da wusste ich mit Sicherheit, dass sie Multiple Sklerose hatte. Plötzlich begriff ich ihre Blogbeiträge als die Flaschenpost, die sie auswarf, um am Leben teilzuhaben. Hätte ich es früher gewusst, so hätte ich mich ihr verbundener gefühlt. Für mich als Menière-Patientin war und ist das Internet auch in mehreren Hinsichten die beste Art, mit Menschen in Kontakt zu bleiben. Das heisst ja nicht, dass man zu jener oft belächelten Spezies gehört, die keine anderen Freunde hat. Ich fühlte mich um etwas Wichtiges über Eugene Faust betrogen.

Heute verstehe ich, dass sie wohl gute Gründe für dieses Vorgehen gehabt hat. Dennoch werde ich weiterhin den Weg der Offenheit gehen. Ich werde – nicht nur, aber auch – über meine Krankheit schreiben:

– Weil ich glaube, mit der Sprache das Elend nicht nur beschwören, sondern auch bewältigen zu können
– Weil das hier mein Weblog ist – und ich verstehe ihn als öffentliches Tagebuch (ein im Moment zu sporadisch geführtes Tagebuch, zugegeben).
– Weil andere wissen sollen, dass sie mit ihrer Menière-Erkrankung nicht allein sind
– Weil endlich ein paar Ärzte merken sollten, dass man dieser Krankheit mehr Aufmerksamkeit widmen sollte

Falls ich auf dem Holzweg bin, erhebt bitte Einspruch!

Dies ist mein Beitrag zu Dominik Leitners grossartigem Projekt *txt. Das vierte Wort lautete: „trüb“.

Bergsteigen verboten


Der Pilatus bei Luzern. Heute ist er eine gut besuchte Tourismus-Destination. Aber das war nicht immer so.

637861 Besucher beförderten die Pilatusbahnen 2014. Wie viele dieser Fahrgäste ganz auf den Berg hinauf fuhren, weiss ich nicht. Aber ich weiss: An einem sonnigen Tag herrscht dort oben ziemlich Betrieb. Asiatische Touristen, einheimische Wanderfreunde, der obligate Alphornbläser, Familienausflügler – und die meisten ersteigen auch die höchste Stelle des Berges – den Esel (2182 müM).

Heute nennen ihn manche Luzerner bieder unseren Hausberg. Aber unsere Vorfahren mochten ihn nicht. Im Mittelalter verbot der Stadtrat sogar, ihn zu besteigen. Und das wurde auch geahndet: Als 1387 sechs Geistliche hinaufkraxelten, warf man sie danach ins Gefängnis.

Warum? Nun, im Mittelalter war diese Beschäftigung ohnehin suspekt, sogar subversiv. Als der Dichter Petrarca anno 1336 auf den Mont Ventoux stieg, war das ein Wendepunkt in der Kulturgeschichte. Petrarca ging da hinauf, um selber zu sehen. Er machte eine Entdeckungsreise. So etwas wurde damals von der Obrigkeit nicht ermutigt. Wer würde noch glauben, was irgendein Pfaffe sagte, wenn er jederzeit selber hingehen und sich ein Bild machen konnte?

Beim Pilatus begründete man das Verbot mit einer gruseligen Geschichte. Es hiess, dort oben liege die Leiche von Pontius Pilatus – jenes römischen Statthalters also, der Jesus einst ans Kreuz geliefert hatte. Den Magistraten hatte danach Gewissenspein geplagt, und er fand auch im Tod keine Ruhe. Er wurde ein bösartiges Gespenst. Wo man ihn auch begrub, er brachte Pest und Cholera und Unwetter. Also suchte man für ihn ein abgelegenes Plätzchen – fand den fraktus mons und warf die Leiche des Pontius dort in einen kleinen See. Doch auch hier soll er keine Ruhe gegeben haben. Wenn naseweise Leute auf den Berg stiegen und Steine in den Tümpel warfen, geriet seine arme Seele wieder in Aufruhr – er schickte Blitz und Donner und liess die Bäche über die Ufer treten.

Alte Sage oder Erfindung der Luzerner Obrigkeit? Möglicherweise letzteres. Erst gegen 1600 glaubte auch der Luzerner Stadtrat nicht mehr an den Hokuspokus mit dem Pilatusseeli. Die Ironie daran ist: Heute locken die Pilatusbahnen ausgerechnet mit dieser Story (hier Reisende aus aller Welt auf den Berg.

Das ist mein Beitrag zu Dominik Leitners wunderbarem Projekt *txt. Das zweite Wort in diesem Jahr lautete „Berg“.

Elf Fragen

In hohem Bogen hat mir frau tikerscherk aus Berlin ein Stöckchen zugeworfen. Es flog geraume Zeit, dann habe ich es aufgefangen und eine Weile freudig daran herumgenagt. Hübsches Stöckchen! Vielen Dank, Frau Tikerscherk!

Ich werfe vier Stöckchen – je an katiza (obwohl ich mich zunächst nicht traute, es ihr zuzuwerfen – ich bin ihr selber noch eins schwach), die Testsiegerin, la-mamma, Herrn Steppenhund und an den Herrn T. Meine Fragen dann unten.

Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?

Noch vor wenigen Tagen träumte ich davon, meinen vierten Roman zu schreiben. Was für andere Klettern am Kilimandscharo, meditieren im tibetischen Kloster oder Paris-Roubaix ist, ist für mich das Schreiben von Romanen. Jetzt aber muss ich zuerst meine Instagram-Sucht besiegen, bevor ich damit anfangen kann.

Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?

Ganz gewiss eine gute Hilfsorganisation, die den Syrien-Flüchtlingen in der Türkei, in Jordanien und im Libanon vor dem Hunger bewahrt. Weil ich dort gereist bin. Weil mir nahe geht, was dort passiert.

Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?

Ich würde mit meiner Kollegin Wanda tauschen – weil ich nicht verstehe, warum sie ihre Internet-Dating-Probleme nicht lösen kann und ihr helfen möchte (wenn jemandem beim Internet-Dating überhaupt zu helfen ist). Die Bedingung wäre: Sie muss einen Tag in meine Haut schlüpfen. Damit mal jemand anderes sich einen Tag lang meinen Tinnitus anhören muss.

Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?

Ein Delfin – denn wie sagte Douglas Adams: Sie haben unglaublich viel Spass. Sie sind die intelligentesten Tiere, die es gibt. Und Douglas Adams ist in solchen Fragen eine hohe Autorität. Laut Adams wissen Delfine auch die Antwort auf die Frage, was das alles soll (die Welt, das Leben etc.). Sie lautet „4“. Oder war es „42“ – Na, egal, wenn ich ein Delfin wäre, wüsste ich es. Und: Sie wissen, wann man sich absetzen muss. (Hier alles über Delfine).

Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?

In diesen Nächten träume ich lebhaft, hänge in Kneipen herum und habe ganz allgemein viel Spass. Das ändert nichts an meinem Wachleben. Aber es hilft, wenn ich mich tagsüber zuweilen etwas isoliert fühle.

Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?

­Soll ich die gebüldete Antwort geben? Dann wäre es die „Blechtrommel“ von Günter Grass. Wegen dieses Buchs habe ich sogar Germanistik studiert (was vielleicht nicht die beste Entscheidung in meinem Leben war, aber schön war’s trotzdem). Aber vielleicht war es auch „One Day“ von David Nicholls – weil eine hinreissende Liebesgeschichte. So geweint!

Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?

Hmm … mein Leben ist schon sehr sprachlastig, fürchte ich. Salat pikieren kann ich. Auch Tabak pflücken. Wenn die Schrift dieselbe wäre: Briefe sortieren. In einem Bibliotheksmagazin Bücher versorgen. Kleinen Kindern ihre Nöte und Freuden von den Augen ablesen.

Verraten Sie uns ihr Lieblingskuchenrezept?

Da müssten Sie den Herrn Kulturflaneur fragen – der kocht und backt das meiste, was ich gerne esse. Auch die Spinattorte mit Pinienkernen, die ich so heiss liebe.

Unter Ihrem Balkon soll jemand ein Ständchen singen. Sie dürfen sich Sänger und Lied wünschen. Also, wen und was wünschen Sie sich?

Puh … ich passe. Ich darf das – ich würde ihn eh nicht hören.

Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?

Kaffee, Käse, Kirschen, Kartoffeln – und, ja, Schokolade.

Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Als auffallend unauffälliger Herr im Trenchcoat – unter dem Hut lugt eine lange, neugierige Nase hervor – vielleicht bin ich vom NSA, vielleicht vom Staatsschutz, kommt ganz auf die jeweilige Aktualität an.

– Eine Abenteuerreise wartet auf Sie. Was wäre für Sie das absolute Abenteuer?
– Wie halten Sie es mit Geld: Ausgeben oder horten? Opulent oder asketisch?
– Sie dürften bestimmen, wer eine Spende von 10000 € bekommt. Wer wäre das und warum?
– Für einen Tag dürften Sie in die Haut eines anderen Menschen schlüpfen. Von wem wüssten sie gerne, wie sich sein Leben anfühlt?
– Und welches Tier wären Sie gerne, wenn das möglich wäre?
– Hat schon mal ein Traum Ihr Leben beeinflusst?
– Lieblingsbücher liest man gerne mehrfach. Welches haben Sie am häufigsten gelesen?
­- Wenn Sie in ein anderes Land fliehen müssten, dessen Sprache sie nicht sprächen und wo Ihre Berufsausbildung nicht anerkannt würde, mit welchen Fähigkeiten könnten Sie sich den Lebensunterhalt verdienen?
– Welcher Song müsste an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
– Auf welche fünf Lebensmittel können Sie nicht verzichten?
– Die Elf ist die Zahl des Narren. Wenn Sie sich denn verkleiden würden, als was würden Sie zum Karneval gehen?

Die neue Sucht


Mein bisher erfolgreichstes Bild auf Instagram

Vor einigen Monaten eignete sich Herr T. eine merkwürdige Gewohnheit an. Schon früh morgens lag er im Bett und starrte auf sein Handy. „Was machst Du denn?!“ fragte ich. „Instagram“, antwortete er einsilbig. Eine Zeitlang versuchte er mich für die Bildchenfluten zu begeistern, die über sein Handy flackerten. Aber ich lächelte nur – zunächst liebevoll desinteressiert. Später wurde mein Lächeln etwas gereizt. Ich bemerkte, dass er abends wegen Instagram sogar unseren Lieblingskrimi, den Bestatter, verschmähte. Und dass man ihm in den Skiferien gut zureden musste, damit er endlich das Handy wegsteckte und sich auf die Piste machte.

Am letzten Samstag bekam ich selber ein neues Handy. Ich muss hier anmerken, dass mich Handys bislang wenig interessiert haben. Für SMS unentbehrlich – aber sonst?! Nö, nicht nötig. Doch jetzt bekam ich ein richtig schönes Teil – und Herr T. installierte mir einen tauglichen Internet-Zugang und ein paar Apps. „Soll ich Dir Instagram installieren?“ fragte er. Ich schüttelte den Kopf.

Aber ich mochte das Handy. Die psychedelischen Farben auf dem Display. Das Format. Ich streichelte es oft. Am Montagmorgen machte ich mein erstes Bild damit.


Die Wildnis auf meinem Arbeitsweg

Am Mittag schaute ich das Bild nochmals an. Und dann wieder. Noch nie hatte ein Medium das glücksverheissende Leuchten an einem blassblauen Vorfrühlingshimmel so gut wiedergegeben. Schien mir. Kann man so einem Handy-Bildschirm süchtig machende Farbpixel mitgeben? Am Montagabend installierte Herr T. Instagram für mich.

Schon am Dienstagmorgen sah ich die Welt in quadratischen Bildausschnitten. Am Dienstagabend lud ich mein drittes Bildchen hoch. Und dann musste ich anderer Leute Bildchen anschauen. Viele. Ständig. Sie wirbeln an meinen Augen vorbei und fiepen vielstimmig auf mich ein – in einer Grammatik, die ich noch nicht wirklich verstehe. Herr T. sass neben mir schaute gelassen den Bestatter.

„Sag mal, wie bist Du eigentlich diese Instagram-Sucht wieder losgeworden?“ fragte ich. Herr T. lächelte: „Ich habe sie einfach weitergegeben.“

Im Indianerkleid


Silberpfeil-Comics hatten wesentlichen Einfluss auf Frau Frogg’s kindliche Vorstellung von cooler Frauenbekleidung (Bildquelle: lambiek.net)

Manchmal durften mein kleiner Bruder und ich in Grossvaters roten Opel Rekord steigen. Dann fuhr er mit uns zum nächsten Kiosk und kaufte uns einen Stapel Andy und Bessy- und Silberpfeil-Comics. Wir wussten, dass das ein anrüchiges Vergnügen war. Comics galten als Schundliteratur – andere schenkten ihren Enkeln gewissenhaft richtige Bücher. Was unser Vergnügen an Andy und Bessy & Co. aber eher befeuerte. Und unseren Grossvater liebten wir gerade deshalb, weil er sich um gewisse Konventionen überhaupt nicht scherte. Er traute uns offensichtlich Dinge zu, vor denen bravere Leute ihre Kinder schützen zu müssen glaubten. Darauf waren wir sogar ein bisschen stolz.

Als ich neulich auf Herrn Wortmischers Kleider-Alphabet als zweitletzten freien Buchstaben ein „I“ vorfand, fiel mir dazu spontan das Wort „Indianergwändli“ ein – und die Episode mit meinem Grossvater. Und dass ich als Kind immer ein Kleid wollte wie Mondkind, die Heldin und einzige weibliche Identifikationsfigur in Silberpfeil. Das karminrote, sehr beinfreie Stück ist im Bild oben links gut sichtbar.

Hat mir die Lektüre dieser Comics irgendwie geschadet? Wahrscheinlich nicht. Tatsache ist: Vor zwei drei Jahren habe ich entdeckt, dass meine Eltern sie sogar aufbewahrt haben. Offenbar war ihnen die Erinnerung an unser Lesevergnügen wichtiger als ihr literarischer Wert. Jedenfalls gaben sie sie meinen Nichten zu lesen. So sah ich sie auch wieder mal – und hatte einen sehr tantenhaften Reflex: Ich fand die Bilder für Kinder sinnlos übersexualisiert und das Frauenbild eine Katastrophe. Ich war geradezu erleichtert, dass meine Nichten das Zeug zwar zügig lasen, aber offensichtlich nicht sonderlich interessant fanden.

Eins weiss ich mit Sicherheit: Ich bekam dann ein Indianerkleid – zur Fasnacht 1976. Womit auch die Frage beantwortet ist, was ein „Gwändli“ ist: ein Karnevalskostüm eben. Ich war aber schwer enttäuscht von dem, was ich da tragen musste. So also sieht es aus, wenn man versucht, die Fiktion in die Realität umzusetzen, dachte ich.


Frau Frogg (10) an der Fasnacht 1976 – daneben der Kleine Bruder (7) in gekonnter Cowboy-Pose

Der Melancholiker


Alan Rickman in seiner wohl berühmtesten Rolle – als Severus Snape in Harry Potter. (Quelle: Twitter / @JelenaPopovic_E)

Im Herbst 1985 schleppte mich jemand ins Barbican-Theater in London. Ich wohnte damals in der Nähe von London und ging öfter ins Theater. Alles andere habe ich vergessen, aber nicht jenen Abend. An jenem Abend wurde „As You Like It“ von William Shakespeare gespielt – „Wie es Euch gefällt“. Und da stand ein Mann auf der Bühne und lispelte: „All the world’s a stage, and all the men and women merely players; They have their exits and their entrances, and one man in his time plays many parts.*“


Rickman als Jacques in „As You Like It“, 1985 (Quelle: pinimg.com)

Das war Alan Rickman. Er sprach mit einer Traurigkeit, die ich erst heute verstehe. Es war die Traurigkeit darüber, dass nicht einmal wir selber uns wirklich kennen. Die Traurigkeit über die Möglichkeiten, die uns das Leben – vielleicht – versagt. Er war unvergesslich.

Gut, vielleicht erinnere ich mich auch nur deshalb noch so genau, weil ich Rickman später so oft im Kino gesehen habe. Als zweifelnden Ehemann in Tatsächlich … Liebe. Als älteren Verehrer eines ganz jungen Mädchens in Sinn und Sinnlichkeit. Als den düsteren Zauberlehrmeister Severus Snape in Harry Potter. Wir erinnern uns: Severus liebte Harry’s verstorbene Mutter Lilly, kam aber bei ihr nie zum Zug. Und so ist er seinem ahnungslosen Schüler Harry in einer bitteren, zuweilen aber auch fast zärtlichen Hassliebe verbunden. Niemand hätte das besser spielen können als Alan Rickman.

Heute hat Alan Rickman seinen letzten Abgang gemacht. Wer wird jetzt unserer Traurigkeit eine Stimme geben?

* „Die ganze Welt ist Bühne, und Männer und Frauen nur Spieler. Sie treten auf und wieder ab und ein jeder hat in seiner Zeit so manche Rolle.“ (Übersetzung ungefähr nach August Wilhelm Schlegel).

Der Journalist

„Ein paar Jahre war ich bei den ‚Kleinstädter Nachrichten“, sagt Hörbi, mein neuer Bierbekannter. „Oh“, sage ich, „dann kennst Du all die alten Kämpfer dort – Reto Windlinger, Walter Hämmerli …?!“ Ich erinnere mich selber gut an die beiden. Ich war den früher nuller Jahren Redaktorin beim ‚Mittelstädter Anzeiger‘. Damals tauschten wir täglich Berichte mit den Kleinstädter Kollegen aus.

„Jaja, Reto Windlinger!“ Hörbi lacht vergnügt in sich hinein. Ich auch. Reto Windlinger – Kürzel „wir.“! Die Seele der Kleinstädter Nachrichten. Manchmal schob er wochenlang Dienst, fast jeden Tag, von mittags bis spät in die Nacht hinein. Füllte alles ab, setzte Titel und Bildlegenden, verhandelte mit freien Mitarbeitern und uns Mittelstädtern. „wir.“ war kein Alphatier, kein Blattmacher-Typ, mehr der stiller Schaffer. Er errötete schnell. Aber er war routiniert und verlässlich. Knurrte höchstens ein bisschen herum, wenn andere im Tohuwabohu längst die Nerven verloren hätten. Seine Berichte über die häufigen Finanz-, Spar- und Budgetdebatten im Kleinstädter Kantonsrat waren kompetent, wenn auch da und dort etwas holprig geschrieben. Das Theater liebte er – seine Kurzbesprechungen aus der Kleinstädter Kleintkunstbühne enthielten Herzblut, man merkte es. Über sein Privatleben wusste niemand etwas.

„Ja, und dann wurde Reto pensioniert“, sagte Hörbi. „Wir feierten seinen Abschied, und dann fuhr er mit der S-Bahn nach Hause. Und am nächsten Tag sass er wieder in seinem Büro und arbeitete. Und am übernächsten Tag auch. Am dritten Tag sagte der Chef zu ihm. ‚Reto, Du bist jetzt pensioniert. Du bekommst keinen Lohn mehr.‘ Nichtsdestrotrotz kam Reto am nächsten Tag wieder. Und so jeden Tag. Ab und zu schrieb er noch über Parlamentssitzungen. Er ging noch ins Theater. Und sonst – ich weiss es nicht.

Nach drei Monaten sagte der Chef: ‚Reto, Du musst jetzt Dein Büro räumen. Wir haben hier gar keinen Platz mehr für Dich.‘ Ein paar Wochen lang passierte gar nichts. Reto kam immer noch fast täglich. Erst allmählich begann er, Papierstapel aus seinem Büro hinauszutragen. Kubikmeterweise. Tage-, nein, wochenlang trug er Stapel hinaus, einen nach dem anderen. Den einen oder anderen Stapel andere stopfte er einfach in die Büchergestelle anderer Kollegen. Und manchmal sah man ihn auch mit einem Stapel wieder in sein Büro hineingehen.“

„Um Gottes Willen“, sagte ich.

„Jemand anderes bekam dann sein Büro. Aber er kam immer noch. Er arbeitete einfach an Schreibtischen von Kollegen, die gerade frei hatten. Manchmal ass er an den Schreibtischen der Kollegen und hinterliess Spuren – Brotbrösmeli oder die Ränder von Kaffeetassen. Das sorgte für Unmut, sage ich dir!“

„Und jetzt? Ist er immer noch dort?“ frage ich.

„Ich habe keine Ahnung“, sagt Hörbi. „Irgendwann bin ich weg von den ‚Kleinstädter Nachrichten‘.“

Das ist mein Beitrag zum ersten neuen Wort im Projekt *txt auf neonwilderness – „nichtsdestrotz“.

Totenstille

Für manche Leute ist gesund zu bleiben eine heikle Gratwanderung. Wer eine chronische Krankheit hat, weiss, was ich meine. Ich zum Beispiel habe Morbus Menière. Bei mir lässt das Gehör nach, sobald ich Stress habe. Habe ich starken Stress, dann bekomme ich neuerdings wieder Schwindelanfälle. Und damit wir uns richtig verstehen: Stress sind für mich zwei, drei hektische Arbeitstage. Manche Familienfeste sind für mich so viel Stress, dass ich schon mal praktisch taub an einem runden Geburtstag eingetroffen bin. Und starker Stress ist für mich zum Beispiel eine Ferienreise – auch wenn sie vielleicht nur ins Tessin geht.

Zu viel Ruhe ist aber auch nicht gut. Das musste ich feststellen, als ich letzte Woche Ferien hatte. Ich hatte mir ein paar Tage genommen, um zu schreiben. Ich traf ganz wenige Abmachungen. Über die Festtage tauchen ja oft überraschend ausgewanderte Freundinnen auf Heimaturlaub auf – da will man sich nicht zum Vorneherein alles zukleistern mit Terminen. Und ich wollte wirklich Zeit haben, an meinem vermaledeiten vierten Roman zu arbeiten. Das ist kein Stress. Dachte ich. Und tatsächlich blieb alles ruhig. Und so stieg ich stieg tief hinunter in den dampfenden Maschinenraum des Geschichtenschreibens. Fast glaubte ich, die Mechanik meiner Story endlich verstanden zu haben.

Gleichzeitig aber bohrte sich ein Gefühl abgrundtiefer Einsamkeit in meine Magengrube. Täglich tiefer. Es schmerzte. Es blutete. Es lag wohl daran, dass dann die Freundinnen aus dem Ausland doch nicht kamen. Dass Herr T. vergrippt und reizbar war. Dass zwei alte Freundinnen gerade sang- und klanglos aus meinem Leben verschwinden. Ich kann mir schon einreden, dass ja neue dazu gekommen sind. In meiner Seele herrschte dennoch Totenstille. Die Ruhe begann mir auf die Ohren zu schlagen.

Gott, was war ich froh, dass ich wieder zur Arbeit durfte! Auch wenn es dort schnell ein bisschen stressig wurde.

Besser spät als nie: Mein Beitrag zum 17. Wort des Projekts *txt auf neonwilderness. Das Stichwort: „ruhig“ – danke, Dominik!