Jungfräuliche Geburt

Neulich versuchte ich meiner kurdischen Deutsch-Schülerin eine Ahnung von Weihnachten zu vermitteln. Sie ist ungefähr ein Jahr hier und spricht ein sehr rudimentäres Deutsch, zu wenig eigentlich. Aber ich finde, man kann doch nicht hier leben, in der Stadt durch das Lichtermeer gehen und keine Ahnung haben, was das alles soll.

Vielleicht hätte ich keine grosse Sache daraus machen sollen. Schliesslich gab sie mir zur Beginn der Lektion eine kleine, in Geschenkpapier verpackte Topfpflanze. Also weiss sie das Elementare: An Weihnachten macht man Geschenke.

Auch die Sache mit der Religion hatten wir schon kurz vor dem Nikolaustag geklärt. Da hatte ich ihr erzählt, dass Sankt Nikolaus ein heiliger Mann aus er Stadt Myra gewesen sei, heute Demre, in der Türkei. Ich dachte, vielleicht interessiere sie das, schliesslich ist sie eine türkische Kurdin. Statt dessen fragte sie mich sofort: „Bist Du Christ?“ Oh Gott. Ich rechnete mit einer heiklen Diskussion mit einer Muslimin. Ich entschied mich für eine einfache Version der Wahrheit: „Eigentlich sind wir katholisch. Aber ich bin nicht religiös.“ Da nickte sie und sagte, sie glaube auch nicht an Gott. Oder nur manchmal, wenn sie die Natur sehe.

„Weihnachten aber“, sagte ich, „Weihnachten feiern hier alle, auch wenn sie nicht Christen sind.“ Ich zeigte ihr ein Bild von einem Weihnachtsbaum. „Weihnachten ist ein Fest des Lichts“, sagte ich. Obwohl sie den Genitiv noch nicht gelernt hat.

Dann zeigte ich ihr ein Bild von einer Weihnachtskrippe. „Wir feiern den Geburtstag von Jesus“, sagte ich. Ich versuchte, ihr die verschiedenen Figuren zu erklären. „Das ist das Kind, Jesus“, sagte ich und zeigte auf das Baby in der Krippe.

„Ja, ich kenne“, sagte sie, „Isa“. Der muslimische Name von Jesus. Dann zeigte ich ihr Maria und Josef. „Maria, die Mutter von Jesus. Josef, der Vater von Jesus.“

Da schaute sie mich etwas befremdet an und gab mir zu verstehen, sie habe nicht gewusst, dass Isa einen Vater habe. Sie hatte natürlich recht. Ich versuchte, ihr die Sache mit der jungfräulichen Geburt zu erklären. Hoffnungslos. Schliesslich sagte ich: „Vater von Isa ist Gott. Aber Josef ist … Josef ist wie ein Vater für Jesus.“

Später erzählte ich Herrn T. davon. Herr T. schaute streng und sagte: „Das hättest Du alles nicht tun sollen. Das grenzt ja an Missionierung.“ Aber ich kann mir nicht helfen. Ich finde einfach, ohne Weihnachtsgeschichte ist Weihnachten nichts.

Klaps auf den Hintern

Bis vor wenigen Tagen fand ich, die #metoo-Debatte gehe mich nichts an. Ich meine, man kann doch in den meisten Fällen einfach „hören Sie bitte auf“ sagen oder davonlaufen. Dachte ich.

Dann hatte ich den Kunden C. aus E. am Telefon. Ich kenne ihn schon lange. Er ist Ü70, vielleicht sogar Ü80 und schwadroniert gerne über Politik. Er ist entschieden gegen Homosexualität und entschieden für den Papst. Ich höre ihm jeweils ein bisschen zu und sage möglichst wenig, schliesslich ist er ein Kunde.

Kunde C: „Und, Frau F., wie halten Sie es denn mit dieser #metoo-Sache? Finden Sie das gut, dass diese Frauen so ein Drama machen?“
Ich: „Ach, Herr C., sie wissen doch, dass ich meine Meinung zu solchen Sachen am Morgen beim Sekretariat abgebe.“
Herr C.: „Aber Frau F., wenn ich jetzt …, also ich meine, … also, das sollte ich Ihnen eigentlich gar nicht sagen, aber … wenn ich jetzt einer Frau einfach einen Klaps auf den Hintern gebe, das kann doch nicht so schlimm sein, oder?“
Ich: „…“

Hinterher sind mir ein halbes Dutzend adäquate Antworten eingefallen, zum Beispiel: „Das hätten Sie jetzt tatsächlich nicht zu mir sagen sollen.“ Oder: „Wie wäre es denn, wenn Sie einem Mann einen Klaps auf den Hintern geben würden?“ Aber im Moment war ich einfach nur platt.

Seither wünsche ich mir, dass gewisse Männer besser auf die Stimme ihres Anstands hören würden. Dass wir in einer Welt leben könnten, in der ein „hören Sie auf damit“ nie schlecht fürs Geschäft ist. Und ich glaube, ich werde bald irgendwo ein Schlagfertigkeitstraining starten.

Vom Wünschen

„Wir müssen darauf vertrauen, dass das Leben uns schenkt, was wir uns zutiefst wünschen“, soll die Reiseschriftstellerin und -Fotografin Ella Maillart einmal gesagt haben.

Ich habe so viele Wünsche gehabt – und so viele sind mir erfüllt worden. Ich will nicht undankbar sein. Aber im Moment weiss ich nicht mehr weiter. Ich fühle mich wunschlos unglücklich. Über allem, was ich tue, schwebt eine Aura der Vergeblichkeit. Am Morgen wache ich auf und habe Angst, seit Monaten, ich weiss nicht wovor.

Vorgestern erfuhren wir in unserem Laden, dass unsere Firma mit einer anderen Firma zusammengeht. Es ist ein Rettungsversuch, die Geschäfte in unserer Branche laufen schlecht, jeder weiss es. Unsere Manager sprechen von dieser Joint Venture wie von einem besonders hübschen Weihnachtsgeschenk, das man ihnen unter das Bäumchen gelegt hat. Wie unsicher unsere Jobs sind, wissen wir nicht.

Es ist, als müssten alle in dieser Zeit immer mit aller Kraft vorwärtsstürzen, um überhaupt mitzuhalten. Nur ich stürze manchmal rückwärts, wortwörtlich, weil der Menière mich niederstreckt. Nicht mehr so oft in letzter Zeit – aber zum Vorwärtsstürzen fehlt mir das Vertrauen in meine Kräfte. Eine Ella Maillart werde ich nicht mehr.

Ihr müsst kein Mitleid mit mir haben und mir keine guten Ratschläge geben. Ich schreibe das hier einfach auf, um es einmal in Worte gefasst zu haben. Vielleicht kann ich dann besser damit umgehen.