Das Baby

Früher habe ich zwei, manchmal drei längere Blog-Beiträge die Woche geschrieben. Eine kleine Maschine in meinem Hirn arbeitete im Turbo-Modus: Noch abends vor dem Einschlafen feuerte sie reihenweise halbe Sätze heraus, die später am Computer zu ganzen Texten wurden. Aber irgendwann begann die Maschine zu stottern. Jetzt sitze ich jeweils im Abendlicht und betrachte die Welt und die Maschine steht still. Ich habe keine Ahnung, warum.

Wenigstens sind andere Dinge mir wichtig geworden. Vor zweieinhalb Wochen hat meine Freundin, die Leserin, ein Baby bekommen. Mara Eva Sophie heisst das kleine Mädchen und ist hinreissend, und die Leserin liebt sie über alles. Aber Zustände sind nicht restlos idyllisch. Der Vater tritt nur alle paar Tage für ein paar Stunden als zerknirschter Geist in Erscheinung und herzt das Baby. Dann verschwindet er wieder.

Die Leserin sagte: „Wenn das Baby klein ist, ist die Mutter voll damit beschäftigt, es zu nähren. Aber jemand muss die Mutter nähren.“ Dann bot sie Verwandte und Freundinnen auf, die sich um sie kümmern. Ich war schon dreimal da und habe gekocht. Ich habe Spaghetti Bolognese gekocht und Omeletten und Rindsplätzli à la minute mit Bratkartoffeln. Dazu gab’s Salat, Salat und nochmals Salat. Und Schokolade.

Das ist nicht einfach für mich. Erstens koche ich sonst fast nie. Zweitens kann ich nicht mehr zuhören und kochen gleichzeitig, weil ich so taub geworden bin. Ich höre es auch nicht mehr, wenn das Teigwarenwasser brodelt oder die Kartoffeln in der Bratpfanne zischen. Normale Leute kochen mit Augen und Ohren. Ich koche nur noch mit den Augen. Kochen ermüdet mich. Reden ermüdet mich.

Noch wenn ich im Laden stehe und einkaufe, stinkt mir das alles ein bisschen. „Ach, ich muss wieder kochen!“, denke ich. Aber dann kreuze ich bei der Leserin auf. Da sitzt sie in der Küche mit den Winzling im Arm. Und schon merke ich, wie der Anblick mir ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Küche, Kinder, Putzlappen – ich bin ein Leben lang vor diesem Frauenkram geflohen. Ich musste fünfzig werden um zu erkennen: Babys können zaubern. Mein Tag ist gerettet.

 

9 Gedanken zu „Das Baby“

    1. Ja, die junge Mutter macht eine beglückende, aber auch eine sehr schwierige Zeit durch. Aber im Unterschied zu ihr muss ich dem nachlässigen Kindsvater ein wenig dankbar sein. Wäre er nicht abwesend, hätte ich wahrscheinlich kaum die Chance eine Art Ersatzgrossmutterrolle für das Kind einnehmen zu dürfen.

  1. Babys können wirklich zaubern. Ich erlebe und genieße das nun als Großvater. Es ist einfach nur schön, so einen kleinen Menschen um sich zu haben.
    Liebe Grüße!
    Lo
    ………………………………
    Was das Hörvermögen anbetrifft: meine seit Jahren in der Schublade schlummernden Hörgeräte sind nun täglich im Einsatz. Es musste nun sein…
    😉

    1. Oh, das ist schön, dass Du Grossvaterfreuden erleben darfst! Und dass Du Deine Hörgeräte benützt. Wurde es nötig wegen des Babys? Oder weil das Hörvermögen schlechter geworden ist? Auf jeden Fall hoffe ich, dass sie ein bisschen was nützen (überschätzen sollte man sie nicht 🙂

  2. Auch bei mir stottert der Motor des Schreibens vermehrt in letzter Zeit. Ich schaue dann in die Welt hinaus und behelfe mir mit der Zitat: «When a writer looks out the window he is working.» Keine Ahnung, von wem es stammt – und ob es überhaupt wahr ist. Aber es hilft …

    Ja, und schon erstaunlich, was Kinder gefühlsmässig in einem auslösen können. Bei mir sind es weniger die Babys als die etwas älteren. Man ist ja berührt, gerührt von ihrem Dasein. Und man glaubt notgedrungen (wieder) an eine Zukunft der Menschheit. Allein ihr Dasein fordert uns dazu auf, unser Bestes dafür zu geben.

    Und schliesslich noch zum Hörgerät. Ich drücke mich seit Jahren darum, eines (oder zwei?) anzuschaffen. Es ist ein schleichender, altersbedingter Hörverlust, den ich erlebe, allerdings wohl etwas sehr früh mit meinen bald 62 Jahren. Der Leidensdruck muss offenbar sehr hoch sein, damit man sich für den Schritt entscheidet. Obschon ich zum Beispiel in einem Restaurant schon lange die Gespräche in einer grösseren Runde nicht mehr mitverfolgen kann – es sei denn, wir sitzen in einem Separee und es sprechen nicht alle durcheinander –, bin ich eher bereit, solche Situationen zu meiden oder mich mit der Rolle des stillen Beobachters zu begnügen, als endlich ein Hörgerät anzuschaffen oder es zumindest auszuprobieren. Seltsam! Nicht?

    1. Ja, das ist wirklich seltsam. Bei mir ist es genau umgekehrt. Von Anfang an habe ich mich nie gegen den Rat meines Arztes gesträubt, mir ein Hörgerät zuzulegen. Ich habe schon mein erstes (links) als grosse Erleichterung meines Alltags empfunden. Mittlerweile brauche ich eine sehr ruhige Umgebung, um ein Gespräch überhaupt verfolgen zu können (mit zwei Hörgeräten). Und ich habe solche Mühe mit der Rolle der stillen Beobachterin! Ich muss mich immer extrem zusammennehmen, um nicht gleich davonzulaufen, wenn ich in einem Gespräch zwei- oder dreimal den Faden verloren habe. Aber die Menschen sind wohl sehr verschieden im Umganag mit solchen Unannehmlichkeiten.

  3. Ähnlich wie die Phase des Abschiednehmens beim älteren Mitmenschen verfliegt rückblickend die erste Zeit mit Kleinkind gleichermaßen wie im Flug. Beides ist aufreibend, und beides hat ein Ende – anfangs happy, am Ende traurig.
    Ich sehe aber, Du erfährst nun daran bei aller Mühe auch für Dich noch wert zu schätzende Gesichtspunkte. 🙂

    1. Ja, da hast Du recht. Es geht schnell. Schon ist das Kindchen acht Wochen alt. Und ich fürchte, das Leben wird mir auch hier früher einen Abschied bringen als mir lieb ist. Aber man muss das Hier und Jetzt geniessen und darf nicht zu viel an später denken 🙂

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