Was wir nicht erklären können

Als 2009 mein zweites Ohr schlagartig einen schweren Gehörnachlass durchmachte, ging ich zuerst ins Spital. Als man mir dort nicht helfen konnte, flüchtete ich für ein paar Tage zu meinen Eltern. Ich hielt es bei meinem Mann nicht mehr aus. Er hatte nicht begriffen, woher der Wind weht. Er weigerte sich, mich ins Krankenhaus zu begleiten, als sie mir Cortisonspritzen ins rechte Ohr zu jagen begannen. „Wieso sollte ich?“ sagte er. „Du kannst ja noch gehen, da schaffst Du das auch allein.“ Er ahnte nicht, wie verstört ich war. Auf dem Weg ins Spital wäre ich beinahe unter ein Auto gekommen. Danach war ich sauer auf ihn. Deshalb ging ich zu meinen Eltern, die damals rüstige Endsechziger waren. Sie nahmen mich freundlich auf, tranken Tee mit mir, und wir plauderten tagelang über Gott und die Welt. Allmählich ging es mir besser, und doch blieben auch sie mir in jener Zeit merkwürdig fremd. Ich ihnen auch. „Du verstehst ja alles, wenn wir mit dir reden“, sagten sie. Sie wollten mir nicht recht glauben, dass ich wirklich schwerhörig geworden war.

Ich versuchte es ihnen zu erklären. Ich hatte ja links schon ein Hörgerät, und wir sprachen meist in deiner stillen Stube. Natürlich verstand ich sie. Ich musste mich bloss mehr anstrengen als früher. Sie sagten nichts, aber ich ahnte: Sie hatten das Gefühl, ich sei verrückt geworden oder vielleicht eine Simulantin. Sie taten trotzdem, was gute Eltern tun: Sie behandelten mich anständig und unterstellten mir nichts. Aber sie waren mit dem Herzen nicht ganz dabei, ich merkte es.

Ich glaube, das Wesen einer Behinderung ist mit Worten meist nur schwer kommunizierbar. Ganz gleich, ob wir blind oder schwerhörig oder im Rollstuhl sind – in unserem Körper und unserer Seele werden sich immer Dinge abspielen, die ein Nicht-Behinderter nicht wirklich nachvollziehen kann. Deshalb sind uns jene Nicht-Behinderten am liebsten, die einfach zuhören und uns ernst nehmen. Die sich nicht von Vorurteilen leiten lassen oder genau zu wissen meinen, was wir brauchen.

Wenn sie sich nicht von Vorurteilen leiten lassen, lernen sie im besten Fall selber etwas dazu – so war es mit meinem Mann, der mir in den letzten Jahren eine echte Stütze geworden ist.

Seither habe ich mein Gehör ein paarmal verloren und wiederbekommen und wieder verloren. Vor ein paar Jahren hörte meine Mutter dann plötzlich schlechter – es stellte sich heraus, dass auch sie eine Meniere-Patientin war, auch wenn es sie später und weit weniger heftig erwischte als mich.

Wenig später sagte sie zu mir: „Seit ich auf dem einen Ohr so schlecht höre und dieses Tinnitus habe, weiss ich was du damals durchgemacht hast. Das ist ja schrecklich.“ Das hat mich so berührt, dass ich beinahe zu weinen begonnen hätte.

26 Gedanken zu „Was wir nicht erklären können“

  1. eltern halten immer zu ihrem sohn…, und wenn der das gefühlt in jener zeit hatte, dass du eher ein psychischer fall bist, dann interpretierten sie es genauso… gerade bei solchen erkrankungen ist es für menschen, die damit keine erfahrungen haben, verständnis/empathie zu zeigen. das kann man ihnen nicht mal verübeln, finde ich.
    du hast bei alldem freilich die arschkarte gezogen. dein partner befand sich in der zwickmühle… offenbar gab es zwischen euch bereits probleme. ich nehme ihn nicht in schutz, aber ich denke, dass er sich ebenso alleingelassen fühlte. plötzlich sollte sich alles um dich drehen, – und wo blieb er dabei? männer sind eben vollidioten… außer einigen wenigen außnahmen, die den frauen schmeicheln, verständnis zeigen, um sie hernach ficken zu können. entschuldige.

    tut mir leid, dass du so viel mitmachen musstest durch deine erkrankung. mache bitte nur nicht den fehler, deine krankheit zu instrumentalisieren, um deine mitmenschen unter druck zu setzen.

  2. Hallo Frau Frogg,
    beim Lesen hatte auch ich Tränen in den Augen. Es berührt und macht weniger alleine, wenn einem nicht nur geglaubt wird, sondern darin auch Empathie zu spüren ist – sei es auch aus einem weniger erfreulichen Grund, wie dem eigenen Leiden.
    Mein Vater ist fast blind (sowie schwerhörig) und ich schwanke zwischen Unverständnis oder vielmehr Ungeduld und dem Fühlen, wie schwer es für ihn sein muss, nur irgendwie am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
    Ja, es ist in der Tat schwer, Behinderungen zu kommunizieren und auf der anderen Seite nachzuvollziehen. Da tut das Zuhören alleine mitunter auch schon recht gut….
    Alles Liebe für dich Susanne

    1. Schön, dass Dir mein Beitrag nahe gegangen ist. Das von Dir zu lesen, freut mich ganz besonders. Ich fühle mich gleich besser verstanden. Für Deinen Vater ist es ganz sicher sehr schwierig. Warum fühlst Du Unverständnis Deinem Vater gegenüber?

      1. Liebe Frau Frogg,

        danke für deine lieben Worte. Ich verstehe z.B. nicht, dass er mit seinen 80 Jahren auf unebenen Böden, mit Löchern und Steinen oder Wurzeln derart sicher geht und auf der anderen Seite das Loch vom Mülleimer nicht trifft. Das als Beispiel für mein Unverständnis.

        Einen lieben Gruß zu dir in die schöne Schweiz

        P.S. Wie ich sehe, hast du DSGVO-Anpassungen gemacht. Da muss ich wohl noch einmal recherchieren.
        Susanne

        1. Musste schmunzeln über Deinen Kommentar. Ja, wir und unsere Eltern! Nicht immer einfach, die Beziehung 🙂 Was die DSGVO betrifft, so muss ich meinem Mann danken. Er hat die gemacht. Jetzt rätseln wir noch, wie ein etwaiges Impressum aussehen könnte. Nur über meine Leiche werde ich hier Details aus meiner Krankengeschichte unter meinem eigenen Namen auffindbar machen. Und doch brauche ich den Blog, als Ventil und als Plauderstube.

          1. Hallo liebe Frau Frogg,
            haha ja nicht immer einfach. Er kann sogar eine Rosine sehen, stell dir das vor???
            Du brauchst eher kein Impressum, es wird immer fälschlicherweise so bezeichnet. Der korrekte Ausdruck ist vielmehr Offenlegungspflicht sofern es sich um eine „Kleine Webseite“, zur Darstellung des persönlichen Lebensbereiches (oder einfache Firmenwebseiten), die NICHT die öffentliche Meinungsbildung beeinflussen. Erforderliche Informationen: Name, Wohnort (nicht komplette Adresse). Ich reihe meinen Blog darunter ein und es geht mir wie dir.
            Einen lieben Gruß
            Susanne

          2. Bist Du sicher, dass es den vollen Namen braucht? Ich habe nicht vor, das zu machen (auch wenn ich nicht darauf verzichten möchte, ab und zu etwas Politisches zu schreiben). Irgendwo habe ich gestern gelesen, dass es für Privatblogger keine Offenlegungspflicht braucht. Aber ich werde mich da nochmals schlau machen müssen.

  3. Das ist bitter, wenn einem die Erkrankung nicht geglaubt wird, weil man „von außen“ ja nichts sieht oder bemerkt. Und wenn das auch noch vom engsten Umfeld ausgeht, die einen ja eigentlich am besten verstehen müssten, ist das nochmal schlimmer. Du bist tapfer!

    Eine andere Frage: Diesen Beitrag habe ich gerade nur zufällig entdeckt. Ich folge dir, aber im Reader wird mir nichts angezeigt. Siehst du, dass ich dir folge oder ist da etwas falsch gelaufen?

    1. Schön, dass Du mir folgst, Milou 🙂 Ich bekomme jeweils eine Mail, wenn mir jemand neu folgt. Später sehe ich es nicht mehr. Aber ich muss mich mal schlau machen. Kämpfe immer noch mit den Tücken von WordPress. Und nun auch noch die Dateschutzerklärung … 🙁 Ich melde mich, ok?

    2. Danke, Milou, ich bekomme jeweils eine Mail, wenn mir jemand neu folgt. Leider habe ich die Mail gelöscht – und ich weiss übrigens nicht, ob ich überhaupt in den Reader komme, weil das hier ja nicht ein vollständiger WordPress-Blog ist. Das wäre schade. Würd mich freuen, wenn Du ab und zu einfach reinschaust.

      1. Wegen „… nicht ein vollständiger WordPress-Blog …“ habe ich dich deinen Blog nur als „Favorit“ gespeichert. Das heißt, dass ich nicht automatisch informiert werde, wenn du was Neues geschrieben hast, sondern nur von Zeit zu Zeit mal reinschaue (meistens vergesse ich das)

        1. P.S:
          Du kannst meinen Blog auch nicht mehr lesen, weil der nun PRIVAT ist.
          Ich würde dir Lese-Rechte, weiß aber nicht deine Kennung. Also, wenn du VERSUCHST, bei mir zu lesen, dann müsste da ein Hinweis kommen, was zu tun ist (um Erlaubnis bitten) und wie das geht. Ich weiß aber nicht, ob das bei „nicht vollständigem WP-Nöog“ geht.

  4. „… beinahe unters Auto gekommen“. = Ich kann mir schon vorstellen, wie das im Straßenverkehr ist, wenn da plötzlich eine Tram um die Ecke kommt und die Leute achten nicht drauf. Wenn man die laute Klingel nicht hört – die Tram kann nicht so schnell bremsen.

    Mal ’ne ganz andere Frage. Ein 22Jähriger Schweizer bekauptet in seinem Blog Folgendes: „Jeder, der in meinem Alter angestellt ist und eine Lehre abgeschlossen hat, hat ein Nettogehalt vor Steuern von 3’800 – 6’000 CHF je nach Beruf/Branche“.
    Ich weiß zwar, dass die Schweiz recht teuer ist. Aber ist das realistisch? Mit 22 Jahren 6000 CHF? Und was heißt „Netto vor Steuern“? In Deutschland gibt es nur Brutto und Netto (NACH Steuern und Sozialabgaben).

    1. Lieber Rabi, Danke für Deine Nachricht. Zu Deiner Frage: Nein, das stimmt sehr wahrscheinlich nicht. Ich höre mich mal ein bisschen um, ok? Vielleicht hilft auch eine Internet-Recherche.

      1. Ich hatte mir auch schon gedacht, dass das maßlos übertrieben sei – weil das so ein Finanzmensch geschrieben hatte, der auch anderweitig ziemlich auf den Putz haut (so als ob das Geld vom Himmel fallen und jeder mit 30 seine erste Million haben würde)

    2. Netto vor Steuern heisst, dass gewisse Sozialversicherungsbeiträge abgezogen worden sind. Die gesetzliche Krankenversicherung und die Steuern aber nicht. Und dann wird es sehr kompliziert. Zieh mal mindestens 20-25% von den 3800 ab.

    3. Najaaa, 6000 Franken ist schon etwas hoch angesetzt. Ein ausgelernter Gärtner verdient im Schnitt nach der Ausbildung 4600 Franken. Davon sind die Sozialversicherungen abgezogen (Alter, Invalidität, Arbeitslosigkeit). Aber das ist vor Steuer. Und man darf nicht vergessen: Eine Zweizimmerwohnung kostet in der Schweiz schnell mal 1400 Franken Miete, die Krankenveresicherung gut und gerne über 400 Franken. Ihr Bloggerkollege hat wohl ein bisschen aufgeschnitten.

  5. Das ist ja die Spitze der Herzlosigkeit, nicht zu merken, dass die Partnerin Hilfe braucht – und sei es auch nur das Begleiten. Insofern bezieht sich mein „Gefällt mir“ selbstverständlich auf Deinen offenen Text und nicht auf Dein Leid.
    Seit vorgestern teste ich nun meine zweite Generation von Hörgeräten – die ersten lagen beinahe acht Jahre überwiegend ungenutzt in ihrer Box. Nun aber bemerken nicht nur andere, sondern auch ich, dass ich nicht immer alles verstehe, was gesagt wird: ich frage häufiger nach, und das ist ja auch nicht schön für die Menschen um mich herum.
    Da ich ja auch öffentlich lese und dazu neuerdings auch ehrenamtlich (Vor)Lesepate für Kleine & Große in der Stadtbibliothek bin, ist es mir besonders wichtig, gut zu hören.
    Wenn ich nun lese, wie es Dir ergeht, kann ich dankbar sein, dass ich nur etwas schlechter, nämlich nur die hohen Töne mehr so richtig höre.
    Alles Gute für Dich!
    Lo

    1. Ja, das Nachfragen … auch eine schwierige Sache. Die gut Hörenden haben dafür auch keine endlose Toleranz, auch wenn sie denken, sie hätten sie 🙂

      Die Vorlesepatenschaft ist ja eine sehr schöne Aufgabe! Ich habe meinen Patenkindern immer total gerne vorgelesen! Soll auch gut für Wortschatz und generell die Entwicklung sein.

      Dass Herr T. damals mit meinen Problemen etwas überfordert war, habe ich ihm längst verziehen. Er hat viel dazugelernt, und ich wüsste gar nicht, wie ich ohne ihn zurechtkäme.

      Aber ich wünsche viel Erfolg mit dem Hörgerät. Ich finde, es ist ok, spontan situativ zu entscheiden, ob sich Nachfragen lohnt oder nicht!

  6. Bei mir warst Du auch nicht im Reader. Ich hatte Dich zwar zusätzlich noch als RSS-Feed abonniert, aber leider nur bei Twoday, was ja jetzt vorbei ist. Gut, dass Schreibman irgendwie von Deinem Eintrag wusste. Hab Dich jetzt neu als RSS-Feed abonniert hier. Du schreibst echt angenehm. Ich bin von mytagebuch, dort wurdest Du schon häufiger vermisst von einigen.
    Das mit dem im-Reader-auftauchen, da hab ich mal was gehört, dass es da ein „Plugin“ braucht, wenn man ne eigene Website hat.

    1. Danke, Nell. Es rührt mich ein wenig, Euch hier alle wiederzufinden! Ich bin stolz drauf, dass Du für mich noch den guten alten RSS-Feed in Betrieb nimmst!

    2. Danke, Nell! Es rührt mich, Euch von MyTagebuch hier alle wieder vorzufinden! Und es macht mich stolz, dass Du für mich Deinen guten, alten RSS-Feed in Betrieb nimmst 🙂

  7. Hast Du derweil was geändert? Denn gestern hab ich im Reader weit zurück gescrollt, und endlich wurde wie vorher schon zwischenzeitlich ein neuer Beitrag von Dir angezeigt. Hoffe, es geht so weiter. Hab an meinem „Abo“ bei Dir nämlich selber nix geändert. Dabei hast Du mir doch neulich, also vor paar Wochen im Blog einen höchstpersönlichen Besuch abgestattet und kommentiert, woraufhin ich Dir per Antwort meine große Freude kundtat. 🙂 Überhaupt fand ich das riesig, daß Du mit mir bei myTB verbunden geblieben bist bis zum bittern Community-Ende, und zwar mit Deinem dortigen Abo. Nachträglich aus ganzem Herzen Dankeschön für all die Jahre Deiner gehaltenen Treue. ❤ Damals, als Du zu Twoday übergesiedelt bist, auch da hast Du zunächst noch bisweilen bei myTB reingeschaut – hab mich jedesmal aufrichtig gefreut. 🙂 Ach – falls mein Abo hier bei Dir unsichtbar geworden sein sollte, gib mir Bescheid, ich bemühe mich sodann, es zu erneuern. Aber ich glaub es läuft fortan reibungslos, weil Du ja nun doch wieder im Reader bei mir erschienen bist.
    Damals vor ja beinah schon zehn Jahren waren evtl Deine Eltern verunsichert, wollten es kaum wahrhaben, fühlten sich fassungslos, wollten sich zunächst beruhigen, und darum versuchten sie, Dich gesünder zu machen, als Du zu diesem Zeitpunkt gewesen bist. In dem sie meinten, Du würdest doch alles verstehen, was sie zu Dir sagten.
    Ich muß momentan häufig meine Gesprächspartner (nicht am Telefon) bitten, etwas zu wiederholen. Nur mache ich gerade eine zweimonatige Quecksilber-Ausleitungs-Kur, davon werden scheins fast alle Sinne betroffen. Nämlich auch meine Augen. Ich muß dranbleiben, ein Monat ist ungefähr um. Weißt, vor fast 37 Jahren wurde bei mir sämtliches Amalgam entfernt, aber noch nicht so sachgemäß abgesichert, wie es heutzutage der Fall ist. Jedenfalls wurden bei mir in zwei von einander unabhängigen Tests belastende Quecksilberwerte nachgewiesen, und das noch neben diversen weiteren Schwermetallbelastungen.

    1. Es ist in mir zu danken, liebe Kätzerin. Ich muss gestehen, ich habe Dich nicht so oft gelesen, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber auch Du hast mir ja die Treue gehalten, und das hat mir den Start hier enorm erleichtert. Vielen Dank dafür! Ich wünsche Dir guten Erfolg bei Deiner Amalgam-Kur. Viele Freunde von mmir haben solche Sachen gemacht, das ist gewiss richtig. Ganz herzliche Grüsse

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