Mein Evchen

Acht Wochen ist mein Evchen jetzt alt. Acht Wochen lang habe ich sie mindestens einmal die Woche gesehen und auch betreut.  Es ging alles gut. Wie alle Babys tut sie Dinge, über die wir Erwachsenen staunen und in „Jööö!“-Rufe verfallen. Wenn sie zum Beispiel auf dem Bauch in ihrem Bettchen liegt, dann beginnt sie mit den Ärmchen und Beinchen zu rudern. Sie verlangt geradezu danach, dass wir ihr die Hände unter die Füsschen legen. Tun wir das, so stösst sie sich mit den Beinchen ab und schiebt sich ein schönes Stück vorwärts. Das macht sie gut und gerne zehn- oder fünfzehnmal, robbt so vergnügt in ihrem Bettchen auf und ab. Manchmal ächzt sie beim Abstossen vor Anstrengung auf wie eine kleiner Rafael Nadal. Aber sie will es tun. Ich stehe am Bettchen, helfe ihr und frage mich: Woher kommt dieser Urdrang des Menschen, sich vom Fleck zu bewegen? Wollen wir so früh flüchten können? Oder einfach immer vorwärtskommen?

Es ist ungünstig, jetzt Abschied von  Evchen zu nehmen, auch nur für kurze Zeit. Sie wächst und verändert sich jeden Tag. Aber es geht jetzt  nicht anders. Herr T. und ich fahren in die Ferien. Drei ganze Wochen werden wir in der Westschweiz verbringen. Ich verabschiede mich für diese Zeit auch von Euch – kann mir nicht vorstellen, unterwegs zu bloggen. Allen eine gute Zeit. Wenn ich zurückkomme, werde ich viel zu erzählen haben.

 

 

 

 

 

Über das Bloggen

Die meisten von Euch kennen wohl den Marshmallow-Test. Er geht so: Eine Psychologin setzt ein Kind in einem leeren Zimmer vor ein Stück Marshmallow – eine Süssigkeit, die im deutschen Sprachraum offenbar auch unter dem faszinierenden Namen Mäusespeck bekannt ist. Dann sagt die Forscherin zum Kind: „Wenn Du es schaffst, diesen einen Marshmallow nicht zu essen, bis ich wiederkomme, bringe ich Dir nachher einen zweiten – und dann kannst Du beide essen.“ Kinder, die warten konnten, wurden also belohnt. Man liest immer wieder, dass Kinder, die warten konnten, auch später dem Leben ganz allgemein besser gewachsen gewesen seien: Sie hätten bessere Schulnoten, seien emotional ausgeglicherer, würden weniger Drogen nehmen und hätten einen tieferen BMI (hier ein Bericht dazu). Natürlich wirft der Test mehr Fragen auf als er beantwortet. Zum Beispiel: Ist die bessere Impulskontrolle bei geduldigen Kindern angeboren oder anerzogen? Oder ein bisschen von beidem?

Einerlei: Wenn ich schreibe, denke ich jetzt ständig an den Marshmallow-Test. Noch vor zwei Jahren arbeitete ich an einem Roman, vor einem halben Jahr an Kurzgeschichten. Jetzt habe ich wieder zu bloggen angefangen, simpel und ergreifend. Ich tue es in der beunruhigenden Ahnung, dass ich mir dabei vielleicht Grösseres versage: dass ich in einem Roman vielleicht tiefer schürfen, relevantere Dinge sagen, dass ich für eine Kurzgeschichtensammlung vielleicht mehr Anerkennung bekommen könnte. Aber ich kann nicht warten. Ich brauche meine Leser jetzt. Ich brauche die Kommentare jetzt. Ich brauche die Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt. Kurz: Ich brauche meinen Mäusespeck jetzt. Ich versage beim grossen Marshmallow-Test der Schriftstellerei.

Ich fühle mich etwas liederlich. Ich frage mich: Bin ich selber schuld, dass ich die Geduld für einen Romannicht habe? Oder ist das angeboren?

Als ich dem Marshmallow-Test ein wenig nachforschte, erfuhr ich dann, was ich schon geahnt hatte: Man sollte ihn nicht allzu ernst nehme.Hier ist erklärt, warum.