Über das Bloggen

Die meisten von Euch kennen wohl den Marshmallow-Test. Er geht so: Eine Psychologin setzt ein Kind in einem leeren Zimmer vor ein Stück Marshmallow – eine Süssigkeit, die im deutschen Sprachraum offenbar auch unter dem faszinierenden Namen Mäusespeck bekannt ist. Dann sagt die Forscherin zum Kind: „Wenn Du es schaffst, diesen einen Marshmallow nicht zu essen, bis ich wiederkomme, bringe ich Dir nachher einen zweiten – und dann kannst Du beide essen.“ Kinder, die warten konnten, wurden also belohnt. Man liest immer wieder, dass Kinder, die warten konnten, auch später dem Leben ganz allgemein besser gewachsen gewesen seien: Sie hätten bessere Schulnoten, seien emotional ausgeglicherer, würden weniger Drogen nehmen und hätten einen tieferen BMI (hier ein Bericht dazu). Natürlich wirft der Test mehr Fragen auf als er beantwortet. Zum Beispiel: Ist die bessere Impulskontrolle bei geduldigen Kindern angeboren oder anerzogen? Oder ein bisschen von beidem?

Einerlei: Wenn ich schreibe, denke ich jetzt ständig an den Marshmallow-Test. Noch vor zwei Jahren arbeitete ich an einem Roman, vor einem halben Jahr an Kurzgeschichten. Jetzt habe ich wieder zu bloggen angefangen, simpel und ergreifend. Ich tue es in der beunruhigenden Ahnung, dass ich mir dabei vielleicht Grösseres versage: dass ich in einem Roman vielleicht tiefer schürfen, relevantere Dinge sagen, dass ich für eine Kurzgeschichtensammlung vielleicht mehr Anerkennung bekommen könnte. Aber ich kann nicht warten. Ich brauche meine Leser jetzt. Ich brauche die Kommentare jetzt. Ich brauche die Auseinandersetzung mit dem Hier und Jetzt. Kurz: Ich brauche meinen Mäusespeck jetzt. Ich versage beim grossen Marshmallow-Test der Schriftstellerei.

Ich fühle mich etwas liederlich. Ich frage mich: Bin ich selber schuld, dass ich die Geduld für einen Romannicht habe? Oder ist das angeboren?

Als ich dem Marshmallow-Test ein wenig nachforschte, erfuhr ich dann, was ich schon geahnt hatte: Man sollte ihn nicht allzu ernst nehme.Hier ist erklärt, warum.

2 Gedanken zu „Über das Bloggen“

  1. Mir scheint, dass es ausser dieser privaten Komponente auch eine gesellschaftliche Entwicklung gibt, die dazu geführt hat, dass mehr, öfter und kürzer geschrieben wird. Auch ich hatte in jungen Jahren die Vorstellung, mein Leben möglicherweise als Romanschriftsteller zu verbringen. Ich habe dann 20 Jahre lang – aus finanziellen Gründen und wohl auch mangels Phantasie – ausschliesslich als Übersetzer gearbeitet.

    Seit ich die Möglichkeit habe, zu bloggen und Texte oder Textsammlungen ohne Umwege über Verlage oder Presseorgane selbst zu publizieren, habe ich immer weniger die Absicht, jahrelang an einem Buch oder Roman zu arbeiten, ohne zu wissen ob das letztlich auch nur zum geringsten Erfolg führen wird.

    Ausser dem zunehmenden Alter, in dem man nicht mehr so viele Jahre oder Jahrzehnte im Voraus plant, sind eben auch die unendlichen Möglichkeiten des Publizierens dazu geeignet, dazu zu motivieren, in kurzen Abständen kürzere und oft fragmentarische Texte zu schreiben und auch sofort zu veröffentlichen.

    1. Ah, Du bist also auch ein verhinderter Romancier, Herr Schreibmann 🙂 Ja, das fasst die Dinge sehr sachlich zusammen! Lustig ist ja, dass auf dem Buchmarkt immer noch „das grosse Werk“ verlangt und auch gekauft wird (wobei dieses Geschäftsmodell an seine Grenzen zu kommen scheint, die Buchverkäufe gingen letztes Jahr sprunghaft zurück, habe ich irgendwo gelesen). Dabei lesen viele Leute im Alltag Twitter oder eben Blogs.

      Ich denke auch, dass das Schwierige am Romaneschreiben ist, dass man nicht weiss, ob die Anerkennung, oder gar die Publikation, dann wirklich folgen werden.

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