Jetzt mal ganz ehrlich

„Auf was freut ihr euch 2019?“ fragte heute Morgen auf Twitter munter @RolliFräuleinelfe. Die Frage machte mich fassungslos. Sie empörte mich geradezu. Ich blickte um mich und sah, was ich eh schon wusste: Jeden verdammten Morgen wache ich auf und finde mich auf einer verdammt kleinen Insel mitten in einem verdammten Meer von Freudlosigkeit. Immer fällt mir nach und nach ein:

  • Vielleicht verliere ich 2019 meinen Job. In unserem Konzern werden Stellen abgebaut, 200 an der Zahl, das ist jede zehnte. Warum sollte es diesmal nicht mich erwischen? Ich bin über 50, und meine Abteilung war auch schon produktiver. Und selbst wenn es nicht mich erwischt, dann erwischt es jemand anderen, das Betriebsklima ist jetzt schon im Arsch. Darf ich vor all dem, was da kommt, vielleicht ein bisschen Angst haben?! Oder muss ich mich jetzt tatsächlich auf 2019 auch noch freuen?!
  • 2019 ziehen wir um. Ja, wirklich, wir haben eine neue Bleibe gefunden, urbanes Wohnen, gerade noch zahlbar (wenn ich meinen Job behalten kann). Alle sagen mir, wie toll das ist. Aber, ganz ehrlich: Mir stinkt die Zügelei und dass sie uns hier rausschmeissen, weil sie das ganze Quartier abreissen wollen.
  • Mein letzter Hörtest war so schlecht, dass mein Ohrenarzt sie Stirn runzelte und sagte: „So wie es aussieht, machen wir Ihnen rechts gar kein neues Hörgerät, sondern wohl bald ein Cochlea-Implantat.“ Ich lächle tapfer und sage: „Ja, fein, dann höre ich endlich wieder besser! Ist es nicht grossartig, was die moderne Medizin so alles kann?!“ Was ich sonst noch fühle? Ich will es gar nicht so genau wissen.
  • Andreaszwei ist zwar wieder zu Hause, aber für ihn ist nichts mehr, wie es war. Er braucht viel Hilfe und Geduld.
  • Meine Freundin Monika ist ganz tot, dahingerafft von einem Hirntumor. Hier geht’s zum Nachruf.
  • Mein Evchen (acht Monate alt) zieht weg, in eine andere Stadt. Ich werde es wohl nur noch selten sehen.

Und dann verlangt auch noch jemand von mir, dass ich mich auf 2019 freue! Nein, das mache ich nicht mit. Ich verweigere jetzt einfach mal die obligatorische Vorfreude, lasse meiner Wut etwas Raum und warte ab. Die kleinen Freuden werden sich dann schon von selbst einstellen.

10 Gedanken zu „Jetzt mal ganz ehrlich“

  1. Ich würde mich auf eine gutaussehende reife Frau freuen, die sich in mich verliebt…
    Frau Frogg,. Du bist nicht allein, da sind zwar ein paar Unsicherheiten, und da ist Deine Krankheit, aber sonst… Na ja, ich kenne Deine Situation nicht wirklich. Freue Dich doch einfach für das Jahr 2019, dass du es sehr wahrscheinlich erleben wirst. Vorhersagen kann man eh nichts, nur sich wünschen.
    Also, wenn’s Dir nichts ausmacht, können wir uns auch 2019 noch gegenseitig auf unseren Blogs schreiben. In diesem Sinne: Prost!

          1. Die man so kriegt, wenn man alt wird. Und auch die Erinnerungen werden immer dunkler. Das Fundament wird morsch. Ist halt so. Wir wahren die Fassade und freuen uns auf jedes nächste Jahr.

          2. Meine Erinnerungen werden merkwürdigerweise nicht dunkler, sondern blasser. Manche verschwinden ganz. Interessant Entwicklung. Mal sehen, was mit den Erinnerungen 2019 passiert …

  2. Bei uns sagt man „Et kütt wie et kütt“ (es kommt wie es kommt). So oder so ändern wir kaum etwas daran. Ich blicke auch mit eher gemischten Gefühle auf 2019. Lassen wir uns (hoffentlich positiv) überraschen, was das neue Jahr uns bringen wird 🙂.

  3. Hey Frau Frogg!
    Kein „Mag ich“ für diesen Beitrag aus dem Hause Filterlos. Das wäre zu banal. Aber ein „Verlier nicht den Mut“. So einen Button sollte man mal einrichten.
    Grüße
    Matthias

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