Musik hören


Jimi Hendrix, dessen Musik Frau Frogg einmal geliebt hat. Kann man als Schwerhörige seine Musik in der Erinnerung hören? Frau Frogg ist skeptisch. (Bildquelle: guardian.com)

Bald ziehen wir um. Der Termin ist zwar erst Ende Juni. Aber ich bin nervös, ich will gut vorbereitet sein. Deshalb habe ich meine Bücher schon mal in Kisten gepackt. Das dauerte ein paar Tage. Meine Bücher sind zahlreich, und sie wollen gehegt und gepflegt sein wie kleine Tiere in einem Stall. Vor dem Packen staube ich sie ab und sortiere sie – jene, die mich nicht mehr interessieren, wandern in Papiertüten. Ich werde sie ins Bücher-Brocki bringen. Auch ein paar Bücher über Musik werde ich entsorgen. Ich meine: Was soll ich noch mit „When Giants Walked The Earth“, dieser verschwitzten Monumentalbiografie über Led Zeppelin von Mick Wall? Eine Jugendsünde. Irrelevant.

Endlich sind alle Bücher gepackt, genau am Termin, den ich mir gesetzt habe. Da entdecke ich mit Schrecken ein letztes Regal im Wohnzimmer: Das Gestell mit den CDs. Die habe ich bei meiner Planung ganz vergessen. Ich ignoriere meine CDs seit Jahren, viele habe ich entsorgt. Auch die Schallplatten sind weg, der Schatz meiner Jugend, die Rolling Stones, Fleetwood Mac, das Woodstock-Album, The Beatles, Jimi Hendrix, The Clash, The Police. Mein Bruder hat sie alle bekommen, er weiss ihren Wert zu schätzen. Ich kann sie nicht mehr brauchen. Ich kann keine Musik mehr hören, ich bin zu schwerhörig geworden. Auch mit den besten Hörgeräten klingt noch der beste Song wie ein ferner Abklatsch seiner selbst. Er quietscht, gurgelt, jault, ist nur mit Mühe wiederzuerkennen.

Behalten habe ich den Kern meiner CD-Sammung. Aber wenn mich jemand fragt, was dabei ist, muss ich eine Weile überlegen. Das gehört zu meinem Umgang mit so vielem, was die Schwerhörigkeit betrifft. Ich ignoriere, was ich ignorieren kann, ich vergesse, ich tue so, als wäre alles normal. Natürlich gibt es noch genug Dinge, die man nicht ignorieren kann: zum Beispiel, dass ich nur noch mit grösster Mühe mit drei Leuten in einem Restaurant plaudern kann. Aber viel anderes hat sich still aus meinem Leben geschlichen, unbetrauert, nicht gehegt, nicht gepflegt. Meine CDs sind staubverkrustet. Ich sollte eine Flasche Putzsprit zur Hand nehmen und Adele’s „21“ sorgfältig abreiben, meine letzte Liebe. Ich sollte U2 wieder zum Glänzen bringen und die Dire Straits und den Buena Vista Social Club. Ich sollte Oasis in die Hand nehmen und dabei vielleicht versuchen, wenigstens in meinem Kopf „Don’t Look Back in Anger“ zu hören, den Song, der mich aus sehr privaten Gründen früher manchmal zu Weinen gebracht hat. Aber dass man Musik im Kopf hören kann, ist eine Illusion, die nur Hörende haben. Keine Erinnerung an das Intro von „All Along the Watchtower“ von Jimi Hendrix wird mich je so erschauern lassen wie die Akkorde, wenn sie damals, dissonant, düster, mein Innenohr erschütterten.

Der Ehrlichkeit halber muss ich aber auch sagen: Wäre ich nicht ertaubt, hätte ich vielleicht nie um die Grösse dieser Musik gewusst. Es gab eine Zeit, da hörte ich noch gut, wusste aber, dass ich ertauben würde. Nie habe ich inbrünstiger Musik gehört als damals. Alles nahm ich mir nochmals zum Ohr, aber ich merkte schnell, was mir wichtig war. Die Helden meiner Jugend – sie waren für mich nicht mehr nur Unterhaltung. Sie waren Monumente des Pop und mächtige Soundwunder. Ich verstand, dass sie mich in einem gewissen Sinne zu dem gemacht hatten, was ich war.
Was sollte ich also jetzt mit meinen CDs machen? Ich fackelte nicht lange. Ich warf sie hastig in eine Kiste, mitsamt dem Staub, der an ihnen klebte. Ich nehme sie mit in die neue Wohnung. Aber ich ignoriere sie.

Später stehe ich mit einem Papiersack voller Bücher fürs Brocki an der Bushaltestelle. Der Bus steht irgendwo im Stau, ich warte. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eines der Bücher aus der Tasche. Es ist „When Giants Walked The Earth“. Das Intro zum Buch ist eine fiebrige Rhapsodie an den Gitarrengott von Led Zeppelin, Jimmy Page. So pubertär, dass ich lachen muss. Aber es bringt etwas zurück, was ich fast vergessen habe, eine innere Weite, ein Feuer, ein Vergnügen. Ich fahre ins Bücher-Brocki und lasse alles dort, aber dieses eine Buch nehme ich wieder mit nach Hause.

Dieses Gesicht!

Neulich war ich an einem Treffen im Quartier, wo ich aufgewachsen bin. Auf dem Weg ging ein alter Mann an mir vorbei. Er war einer von vielen, die alten Leute sind hier so zahlreich. Aber ich erkannte ihn sofort und rief ihm „Grüezi Herr König“ zu. Er stutzt, ist schon fast vorbei, dann grüsst er zurück und – unglaublich – beginnt zu lächeln. Jäh durchzucken mich Glück und Wehmut zugleich. Wenn er lächelt, sieht er der Prinzessin so unfassbar ähnlich, seiner Tochter, meiner Freundin aus Kindertagen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass er mich je angelächelt hat. Als ich ein Kind war, war ich nicht die Sorte Freundin, die sich Königs für ihre Tochter wünschten. So haben mir jedenfalls meine Eltern damals Vater und Mutter Königs Reserviertheit mir gegenüber erklärt. Königs, sagten sie, hielten sich für etwas Besseres. Die hätten eben mehr Geld als wir. Mir war das damals, vor vierzig Jahren, noch nicht so wichtig. Die Prinzessin und ich waren ein Herz und eine Seele. Bis uns nach Jahren ein Zickenkrieg entzweite. Später entschwand sie ganz, ins ferne Paris. Ich sehe sie noch ganz selten auf Facebook.

Aber jetzt lächelte mich ihr Vater mit ihrem Gesicht an, ihrer Zahnstellung. Er freute sich, weil ich ihn an seine Tochter erinnerte, an das Kind, das er gehabt hat, und das weit weg ist. Ich habe in letzter Zeit viel mit alten Leuten zu tun. Ich beginne zu verstehen, was sie glücklich macht.

Später erzählt jemand, dass Königs bald wegziehen werden. Dass sie im Stadtzentrum eine kleine Alterswohnung gefunden haben. Das macht mich noch wehmütiger. Die Welt meiner Kindheit ist am Untergehen. Im Quartier, wo ich aufgewachsen bin, werde ich die Prinzessin nie wiedersehen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit bin ich froh um Facebook.

Ein atemberaubender Satz

Weil wir bald umziehen, räume ich wieder mal mein Büchergestell auf. Was ich nie mehr lesen werde, bringe ich ins Brockenhaus. Diesmal entsorge ich meine kleine Abteilung mit philosophischen Büchern. Ich musste 53 werden, bis ich es mir eingestehen konnnte, aber jetzt weiss ich: Philosophie liegt mir nicht. Es ist denkbar, dass ich zu dumm dafür bin. Früher habe ich das verdrängt und mich ab und zu mit Marx, Kant, Benjamin oder Wittgenstein abgemüht. Ich wollte die Welt so beredt zutexten können wie meine drei Studienkumpels Benedikt, Severin und Bruno, allesamt Nebenfach-Philosophen. Aber mit 53 weiss man: Einen neuen Kopf bekommt man nicht – also setzt man den alten am besten für etwas ein, was einem liegt. Ich bin Journalistin und nebenbei eine Roman-Person. Das ist ok so.

 data-recalc-dims= Ich nahm den „Tractatus logico-philosophicus“ von Ludwig Wittgenstein in die Hände und wollte ihn in die grosse Papiertüte mit den Brockenhaus-Büchern legen. Aber dann zögerte ich doch. Ich meine: Es ist ein schönes Buch, und ich erinnere mich, wie ich damals beim Pendeln zu meiner ersten Arbeitsstelle in die Lektüre kniete.

Ich las nochmals den ersten Satz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“

Ich erschauerte. Was für ein atemberaubender Satz.

Klar, sofort begannen die Fragen zu sprudeln: Was bitte ist „die Welt“? Und was bedeutet „der Fall“? Nehmen wir zum Beispiel den Satz: „Meine Freundin Ela trägt einen roten Wintermantel.“ Ist es dann „der Fall“, dass Ela meine Freundin ist? Wie weiss ich überhaupt, wer meine Freundin ist? Wie definiere ich das Wort „Freundin“? Und ist es „der Fall“, dass sie einen roten Wintermantel trägt? Ja, da würden mir die meisten beipflichten, die sie im Winter gesehen haben. Aber was würde ein Farbenblinder zu einer solchen Behauptung sagen? Nun ja. Ich bin zu dumm für Philosophie. Aber eins weiss ich immer noch: „Die Welt ist alles was der Fall ist“ bleibt ein atemberaubender Satz. Ich meine, da behauptet einer, mir die Welt erklären zu können. Die ganze. In einem Buch. Damals, vor 25 Jahren, habe ich gar nicht begriffen, was für eine Ansage das ist. Ich will das Buch behalten, ich blättere darin. Ich lese weiter. Aber ungefähr auf Seite 3 kapituliere ich und bekomme Sehnsucht nach einem Roman.

Heute habe ich das Traktat doch ins Bücherbrocki gebracht. Ich will im Moment nicht die Welt erklärt bekommen. Ich will mit vertretbarem Aufwand umziehen können. Nötigenfalls kann ich den Text auch online lesen: Hier

Forschungsreise

Mein geliebter Herr T. und ich haben uns ein bisschen auseinander gelebt. Auf dem Weg zur Vernissage fotografiert er enthusiastisch Dinge, die ich belanglos finde. Den Bahnhof, den wir schon tausendmal gesehen haben zum Beispiel. Ich beschäftige mich derweil mit Fragen, die mir fundamental erscheinen, über die ich aber schlecht sprechen kann. Zum Beispiel: Macht es Sinn, die Vernissage eines Künstlers zu besuchen, zu dem wir den Kontakt vor ein paar Jahren fast gänzlich verloren haben? Ist es ok, vor allem zum Plaudern an eine Vernissage zugehen? Wie viele soziale Kontakte braucht der Mensch? Welche sind sinnvoll? Und, die allerdringendste Frage: Wie werde ich dieses schlechte Gefühl los? Es hat etwa die Grösse einer schimmlig gewordenen Grapefruit, sitzt in meiner Magengrube, verdirbt mir den Appetit und raubt mir manchmal auch den Schlaf. Es sitzt dort, wo die Neugier sitzen sollte, das Gefühl für einen Sinn und Zweck. Das alles ist mir irgendwie abhanden gekommen.

Aber der Künstler hat uns nun mal zur Vernissage eingeladen, und so stapfen wir über die gefrorenen Trottoirs einer unwirtlichen Agglomeration. Und siehe da: Wir finden Bilder von grosser Schönheit. Bilder von in Farben versunkenen Urwäldern, Bilder voller unerwarteter Tiefen, in die das Auge hineinforschen will.

Vor einem der Gemälde komme ich mit dem Künstler ins Gespräch. Er erzählt mir von der Musik die ihn beeinflusst hat und von seinem Interesse an Forschungsreisen – und dass er sich von Joseph Conrad’s „Herz der Finsternis“ für eines der Bilder hat inspirieren lassen. Ob er denn selber grössere Reisen unternehme, fragte ich ihn. Er verneinte. Manchmal reize ihn die Vorstellung zu reisen, aber dann sei ihm die Erforschung der Malerei Reise genug.

Als wir nach Hause kommen, gehe ich ans Büchergestell und ziehe Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ hervor und beginne zu lesen. Schon die ersten Sätze berauschen mit ihrer sprachlichen Schönheit. Später merke ich: Es geht hier nicht nur um eine Expedition in den dunkelsten Teil des afrikanischen Dschungels. Es geht um die Frage, wie man überlebt, wie man ganz bleibt in einer Umwelt von tiefster moralischer Verkommenheit. Meine Neugier ist geweckt.

Fehlerteufel

Mein Vater ist ein liebenswürdiger, beinahe ängstlich konventioneller Mensch. Vielleicht ist er so vorsichtig, weil er die Klippen, an denen ein Mensch zerschellen kann, besser versteht als viele andere.

Neulich hat er eine Geschichte aus den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts erzählt. Damals war er ein junger Postbeamter in einem Städtchen auf dem Land. „Ich hatte dort einen Kollegen, er war ein feiner Mensch Mitte dreissig, verlässlich und freundlich. Er arbeitete tagtäglich am Schalter, nahm Einzahlungen entgegen und zahlte Geld aus, täglich Tausende von Franken. Eines Tages fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“

„Hat ihm jemand das Geld geklaut?“ fragte Herr T. Er hat keine Ahnung von den Ängsten, die einem Postangestellten den Schlaf rauben.

„Nein“, sagte mein Vater, „Er hatte sich irgendwann im Laufe des Tages verrechnet und wohl jemandem einen Hunderter zu viel ausgezahlt. Er hatte eine Differenz.“ Meine Eltern arbeiteten beide bei der Post. Von Kindsbeinen an habe ich gesehen, welche Unruhe nur schon das Wort „Differenz“ bei einem Postangestellten auslösen kann. Dieses „zu viel“ oder „zu wenig“, das am Abend beim Abrechnen in der Kasse ist. Diese Unruhe ist mehr als Versagensangst. Es ist die Angst davor, dass dass wir mitten in der fröhlichsten Routine ohne es zu merken etwas Schändliches tun. Dass wir gegen unseren Willen dem Geschäft und uns selber schaden. Dass der Fehlerteufel von uns Besitz ergreift.

Klar, shit happens, sagt ihr. Fehler passieren überall. Aber im Berufsleben werden gewisse Fehler streng geahndet. Auf der Post, wenn man sich verrechnet. Bei Journalisten, wenn sie zum Beispiel unter ein Bild von A den Namen von B setzen. Die Kollegen nehmen es mit Furcht und Mitleid zur Kenntnis. Der Chef weiss, dass er auch machtlos gegen den Fehlerteufel ist und wird umso wütender. Er nimmt den fehlbaren Mitarbeiter unter strenge Beochbachtung. Der fehlbare Mitarbeiter nimmt sich selber unter strengste Beobachtung.

„Am nächsten Tag arbeitete mein Kollege wieder am Schalter“, berichtete mein Vater. „Und wieder fehlten ihm am Abend 100 Franken in der Kasse.“ In den Augen meines Vaters flackerte die Unruhe des Kollegen, der nicht mehr wusste, wie ihm geschah. „Er wurde ängstlicher und ängstlicher. Am nächsten Tag hatte er noch einmal eine grössere Differenz. Und wieder und wieder. Keiner wusste, warum. Am Schluss entliess ihn der Chef vom Schalterdienst.“

Man muss wissen, dass die Angestellten der Post damals Beamtenstatus hatten. Man konnte sie also nicht entlassen. Sie wurden versetzt, mussten zum Beispiel Briefe oder Pakete sortieren gehen, was die Kollegen mit Häme oder Mitleid zur Kenntnis nahmen. Ich weiss nicht ob sie dann auch weniger verdienten. Aber die Schande war beträchtlich.