Klimawandel und wie wir im Sturm festsassen

Menschenleere Skianlagen auf Melchsee-Frutt in der Innerschweiz. Die Ruhe trügt. Es weht ein heftiger, viel zu warmer Südwind (Bild von mir, vom 15. Dezember).

Zur Mittagszeit wagte ich mich hinaus vors Hotel. Ich wollte nur schnell in den kleinen Laden, 40 oder 50 Schritte die Böschung hinunter. Auf dem Weg lag an den meisten Stellen Schnee oder Eis. Weil mein Gleichgewichtssinn nicht der beste ist, nahm ich den ersten Schritt zaghaft – wusch, riss eine Windböe mich talwärts. Ich stemmte die Beine in den Boden. Weitere Windstösse. Noch ein paar schwankende Schritte. Ich schaffte es bis zum Lädeli, wo ich an verschlossenen Türen rüttelte. Der kleine Ort war menschenleer. Man konnte es der Frau im Geschäft nicht verargen, dass sie kurz dichtgemacht hatte. Ich stellte mich bei der Ladentür in den Windschatten.

Das war die Melchsee-Frutt am Freitag. Es herrschte der Föhn. Die Gondelbahn ins Tal konnte nicht fahren. Es gab Windböen um die 150 Stundenkilometer. Wir waren von der Umwelt abgeschnitten. Schon zum zweiten Mal diese Woche.

Wir waren in den Skiferien dort, 1900 Meter über Meer. Skifahren hatte Herr T. nur an einem Tag gekonnt, spazieren ging soso lala. Eigentlich hatten wir am Freitag nach Hause gewollt. Aber die Online-Wetterdienste hatten uns schon am Mittwochabend gewarnt: Der nächste Sturm war im Anzug.

Im Hotel waren wir die einzigen Gäste, es war Vorsaison. Aber ins Restaurant im selben Haus kamen am Mittag die Männer vom Pistendienst, assen etwas und blieben lange. Sie hatten draussen nicht viel zu tun, ausser dann und wann umgewehte Pistenmarkierungen wieder aufzurichten. „So etwas haben wir noch nie gesehen“, sagten alle. Klar, Föhnstürme gehören zu den grossen Wetterspektakeln der Innerschweiz. Es ist dann ungewöhnlich warm und trocken und kann sehr stürmisch sein.

Auf der Frutt sind wir zudem in den Bergen, da kann es schon mal wettern. Wir haben hier oben auch schon Winterstürme mit heftigen Schneeschauern erlebt. Aber zwei so gewaltigen Föhnstürme in der Woche vor Weihnachten – ich kann mich nicht erinnern, dass es das je gegeben hat.

Im Restaurant diskutieren die Männer vom Pistendienst, und irgendwann fällt das Wort „Klimawandelgschtürm“ („Gschtürm“ ist ein Innerschweizer Ausdruck für unnötiges Gerede). Den Rest der Konversation habe ich nicht mitbekommen, dafür höre ich zu schlecht. Aber ich sehe den Männern an, was sie über das „Klimawandelgschtürm“ denken: Das ist wieder so ein Blödsinn aus dem Unterland. Hier oben leben wir mit der Natur. Die ist vielleicht anders als früher, aber damit kommen wir zurecht und klagen nicht. Es soll keiner von diesen ahnungslosen Städtern kommen und uns etwas über den Klimawandel erzählen.

Jaja, denke ich, aber Euch landwirtschaftliche Subventionen und Unwetterverbauungen zahlen, das dürfen wir Städter. Das kommt ganz reflexartig, so funktioniert hierzulande der Stadt-Land-Diskurs.

Jetzt stand ich im Windschatten des Ladeneingangs und dachte nach. Laut Wetterprognosen sollte der Wind gegen Abend nachlassen. Dann würde die Gondelbahn wieder hinunterfahren. „Im Konvoi“, wie die Frau im Hotel sagte. Das hiesse, mehrere Bahnen würden dicht hinter einander und in Begleitung eines der Männer vom Personal vorsichtig hinuntergelassen. Das Problem sei nicht, dass der Wind die Gondeln von den Seilen reissen, sondern, dass er sie gegen die Masten schleudern könnte. Deshalb der Konvoi. Das klingt wie im Krieg, dachte ich. Sollten wir wirklich versuchen, an diesem Nachmittag ins Tal zu kommen?

Ich machte mich auf den Weg zurück ins Hotel. Bevor ich loswankte, suchte ich am Hügelchen vor mir mit den Augen die beste Route. Als hätte ich vor, einen Gipfel ohne Wanderweg zu erklimmen. Die ersten paar Schritte gelangen gut. Aber auf halber Höhe schleuderte eine Böe mich zu Boden. Den Rest der Strecke krabbelte ich auf allen Vieren durch den Matsch. Ich begriff: Die Natur ist gross. Wenn sie will, kann sie dich mit einem Windstoss in die Knie zwingen. Das ist natürlich ein Gemeinplatz. Aber es fühlt sich nicht wie ein Gemeinplatz an, wenn Du es am eigenen Leib erlebst. Es fühlt sich an wie Todesangst.

Im Restaurant war es gemütlich. Herr T. und ich assen Tagessuppe. „Komm, wir bleiben noch eine Nacht“, sagte ich zu ihm.

9 Gedanken zu „Klimawandel und wie wir im Sturm festsassen“

    1. Ja, an einem Tag – das heisst: Ich fahre ja nicht mehr Ski, das machen mein Gleichgewichtssinn und meine Nerven nicht mehr mit. Herr T. ging aber am Mittwoch skifahren, und ich machte da einen schönen Ausflug ins föhnwarme, geradezu sommerliche Tal.

  1. Uh, das klingt sehr abenteuerlich und gefährlich. An einen solchen Wind kann ich mich nicht erinnern, den mal erlebt zu haben. Dass man sich gegenstemmen muss, ja, das gab es schon öfter, aber zu Boden bin ich nie gegangen. Heftig. Ich hoffe, ihr seid am Ende gut unten angekommen und wünsche dir/euch ein frohes Weihnachtsfest 🙂

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