Bloggen in Zeiten des Coronavirus

Heute hatte die Sonntagszeitung einen schockierenden Bericht über den Notstand in Schweizer Alters- und Pflegezentren. Das Coronavirus breite sich ausgerechnet in solchen Institutionen rasant aus, heisst es. Das liege unter anderem „an der schlechten Versorgung (der Heime) mit Schutzmaterialien“. Es herrsche akuter Mangel an Masken und Schutzkleidung. „Die Mitarbeitenden eines Berner Altersheims erhielten letzte Woche per Post je fünf einfache Hygienemasken. Sie wurden aufgefordert, nur eine pro Tag zu verwenden und sie dann zu Hause zu trocknen.“ „Wenn alle Masken gebraucht wurden, beginnt man wieder mit der ersten“, steht in einer Weisung, die der Zeitung vorliegt. Dabei sind die Masken unmissverständlich für den einmaligen Gebrauch bestimmt. Ich war entsetzt. Wie konnte es soweit kommen, dass wir ausgerechnet die Verletzlichsten in unserer Gesellschaft so schlecht schützen können?

Und ich hatte auch wieder dieses merkwürdige Gefühl der Deplatziertheit, das ich beim Bloggen in den letzten Wochen oft habe. Ich habe nie geglaubt, meine Blogbeiträge seien besonders relevant. Sie sind meine Art, der Welt meine Erfahrungen mitzuteilen. Mehr will ich gar nicht. Meistens drehen sie sich um das Thema Schwerhörigkeit, ist halt so. Bis vor zwei Monaten hatte ich dennoch selten den Eindruck, meine Postings liessen mich aussehen wie eine totale Idiotin. Doch seit das Corona-Chaos begonnen hat, habe ich dieses Gefühl ständig. Jeder Beitrag wird von den News oft schon nach Stunden mit einer derartigen Wucht überholt, dass ich nur dasitzen und den Mund aufsperren kann.

Am letzten Sonntag zum Beispiel schrieb ich einen Beitrag über das Kommunikations-Desaster, das ich als stark hörbehinderte Patientin bei einem Mundschutz tragenden Arzt erlebt hatte (hier nachzulesen). Ich schickte den Text auch meiner Freundin Angie Hagmann vom Netzwerk avanti donne für Frauen mit Behinderung. Sie räumte ein, dass Mundschutzmasken für Hörbehinderte ein Problem sind, gerade im Gesundheitsbereich. Sie mahnte aber: So vehement, wie ich die Mundschutzmaske ablehne, könne man das nicht tun. Wahrscheinlich würden die Masken eben doch helfen, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen.

Der Montag gab ihr recht: An jenem Tag rief der österreichische Kanzler Sebastian Kurz die Maskentragepflicht in den Läden Österreichs aus. Wer jetzt noch ein Problem mit Masken hatte, war renitent oder hatte den Ernst der Lage nicht begriffen. Inklusion hin oder her. Ich grummelte ein bisschen. Dann schrieb ich – eine Idee von Angie – eine Liste mit Tipps, wie man gefährliche Missverständnisse zwischen MaskenträgerInnen und Schwerhörigen vermeidet – gerade in der Pflege. Kann man hier nachlesen, ist am Freitag erschienen. Angie hat viel dazu beigetragen. Unter anderem ein lustiges Bild von einer Frau mit durchsichtiger Gesichtsmaske für den Umgang mit Schwerhörigen und Gehörlosen.

Nun, da haben wir einen akzeptablen Umgang mit der Situation gefunden, dachte ich zufrieden.

Dann kam der Bericht in der Sonntagszeitung, und ich sah mich widerlegt. Kann man angesichts solch himmelschreiender Missstände noch die Sondersituation von Menschen mit Hörbehinderung anmahnen? Ist das jetzt nicht vollkommen lachhaft?

Die Instagrammerin @joulesgent macht sehr spannende, sehr persönliche Postings zum Thema Schwerhörigkeit. Vor ein paar Tagen hat sie geschrieben, sie höre vorläufig auf damit. Sie habe das Gefühl, das sei im Moment alles kein Thema.

Am besten höre ich auch auf zu bloggen, dachte ich.

Aber das werde ich wohl nicht. Vielleicht sind die Texte später doch wieder mal nützlich – um zu dokumentieren, wie blind die meisten von uns 2020 in das Desaster stolperten. Oder als Denkanstoss, wie Inklusion funktionieren könnte, wenn wieder bessere Zeiten kommen.

6 Gedanken zu „Bloggen in Zeiten des Coronavirus“

    1. Ein Teil von mir will Dir recht geben, Herr Schreibmann. Und dann denke ich wieder: Es ist doch das Thema, das unseren Alltag so stark verändert hat, dass wir im Grunde nicht darum herumkommen.

  1. Bitte nicht mit Bloggen aufhören, Frau Frogg!

    Und ja! Das mit den Atemmasken (Mund-Nasen-Schutz) hat m.E. etwas Hysterisches – ausser im pflegerischen Bereich, z.B. in Pflegeheimen. Dort wird der/die Gepflegte geschützt, indem die Pflegenden, die ja die empfohlene Distanz oft nicht einhalten können, einen solchen Mund-Nasen-Schutz, die Hygienemaske eben, tragen. Um sich vor einer Ansteckung durch Aerosole (Tröpfchen) zu schützen, müsste man eine veritable Atemschutzmaske (FFP-3) tragen und zusätzlich die Augen schützen, da die Infektion über die Schleimhäute geschieht.

    Mir graut vor einer Hygienemasken-Tragepflicht in der Öffentlichkeit. Jeder, der ausschert, ist sofort entlarvt, sorry, entmaskt. Und der Nutzen ist alles andere als erwiesen.

    1. Lieber Walter, Danke für Deinen Zuspruch. Ich wähnte mich ja allein mit meiner Skepsis gegen Masken. Mir wäre eine Tragpflicht auch sehr zuwider (ausser in Heimen und Im Spital, dafür habe ich volles Verständnis). Aber sie wäre weiterer Eingriff in unsere Freiheiten – und für mich das Ende eines jeden Gesprächs (der Zweimeterabstand muss ja trotzdem eingehalten werden). Trotzdem: Wenn die Tragepflicht kommt, na, dann erfüllen wir sie halt und tragen zusätzlich zum Mundschutz kleine Notizblöcke mit uns herum. Man merkt ja nicht, wie wir hinter der Maske mit den Zähnen knirschen 🙂

      Und bloggen werde ich sehr wahrscheinlich auch weiterhin. Es juckt mich schon wieder in den Fingern.

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