Fünf Bücher für das Jahr 2020

Sorgfältig liste ich in meiner Agenda jedes Buch auf, das ich gelesen habe. Wenn ich alte Agenden durchblättere, staune ich manchmal darüber, wie viel ich vergessen habe. Aber 2020 ragen aus den rund 40 gelesenen Titeln fünf heraus, die meine Gedanken zum Teil auch nach einem halben Jahr noch fast täglich beschäftigen. Die fünf besten Bücher meines Lesejahres 2020.

Wenn ich lese, ist es, als würde ich ein fremdes Haus betreten und für kurze Zeit dort wohnen. Oft zur wohltuenden, kleinen Flucht aus meinem eigenen Zimmer. Manchmal aber suche ich in diesen fremden Wohnungen Antworten für mein eigenes Leben. 2020 war und ist ein Jahr wie gruseliger Science Fiction. Vielleicht deshalb spielten Dystopien in diesem Jahr für mich eine besondere Rolle. Es war, als hätte ich schreckliche Orte aufgesucht, um dort geistig für das Schlimmstmögliche zu trainieren. Aber zuvorderst auf meiner Liste steht ein Klassiker der Philosophie:

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Sören Kierkegaard: „Entweder – oder“. Warnung: Dieses Buch hat 900 Seiten. Es zu lesen ist eine Geduldsprobe. Doch mir gab und gibt es Antworten – keine endgültigen zwar. Aber solche, von denen aus ich weiterdenken kann. Es ist an sich ein Buch für junge Leute. Doch eignet es sich auch für 55-Jährige, die über ihre Lebensbilanz nachdenken und sich fragen, was noch kommt. Für die eilige Leserin drängen sich einzelne Kapitel auf, die man gut auch separat lesen kann. Pflichtlektüre für 17-jährige Frauen sollte das „Tagebuch des Verführers“ sein, ein 70-seitiges, atemberaubend spannendes Kapitel aus der Mitte des Buches. Es ist die grausamste Liebesgeschichte, die ich je gelesen habe. Der Erzähler verachtet Frauen. Aber er gefällt sich in der Rolle des Don Juan, der sich ein wohlbehütetes Mädchen ins Bett manipulieren will. Die Geschichte heilt uns Frauen auf die harte Tour von der Illusion, dass alle Männer, in die wir uns verlieben, im Grunde unser Bestes wollen. Antworten für das Krisenjahr 2020 hält das Kapitel „Ultimatum“ am Schluss des Buches bereit.

Daniel Defoe: „Die Pest zu London“ („A Journal of the Plague Year“). Während des Shutdowns im Frühling zog ich meine vergilbte Penguin-Ausgabe aus dem Gestell. Sie wurde zu meinem Vademecum für die Corona-Pandemie. Im April fand ich die Parallelen zwischen damals und heute sinnfällig: die leeren Strassen, die Obsession der Stadtbewohner mit Fallzahlen. In letzter Zeit denke ich oft an jene Sätze, die Defoe sinngemäss mehrmals wiederholt. „Niemand arbeitete mehr, es war unmöglich. Dennoch brach kein Massenelend aus, weil die Reichen und auch der Stadtrat von London äusserst spendabel waren.“ Seit Oktober vergeht kein Tag, an dem ich sie nicht unserem rechtsnationalen Finanzminister Ueli Maurer zubrüllen möchte. Vielleicht müsste man Herrn Bundesrat Maurer noch sagen, dass die grosse Stadt London schliesslich wirtschaftlich gestärkt aus der Krise hervorging.

George Orwell: „1984“. Schriftsteller sind keine Propheten und keine Profis in politischer Kommunikation. Sie sind Geschichtenerzähler. Sie bauen ihre Häuser aus den Dingen, die gerade herumliegen – und jede Lesegeneration kann sie auf neue Art bewohnen, wenn sie es denn will. Im echten Jahr 1984 sah Orwells 1948 veröffentlichte Dystopie wie ein verfallener Bunker aus vergangenen Kriegen aus. Der Stalinismus, von dem der Autor sich hatte inspirieren lassen, war im Westen nie aktuell geworden. Einen gefährlichen Überwachungsstaat gab es damals in der DDR – im Westen kannte man sowas nicht (glaubten wir jedenfalls – erst fünf Jahre später flogen die ziemlich dilettantischen „Staatsschutz“-Versuche in der Schweiz auf). Heute wandern wir im von George Orwell geschaffenen Bunker herum und sehen Bauteile, die jenen unserer eigenen Zeit verblüffend ähnlich sind. Wenn Protagonist Winston Smith etwa die „Doppelsprech“-Strategie seines Regimes analysiert, beginnen wir zu verstehen, warum Donald Trump so unverfroren lügt. Und wieder und wieder musste ich beim Lesen an das Wissen denken, das irgendwelche Computer irgendwo über mich speichern. Mir wurde klar: Wir müssen alles tun, damit dieses Wissen nie, wirklich niemals, in die Hände der falschen Politiker gerät. Oder ist es dafür schon zu spät?

Kai Strittmatter: „Die Neuerfindung der Diktatur“. Das hier ist kein Roman, sondern ein Sachbuch – es dreht sich um China unter Xi Jinping. Dort sind die Möglichkeiten der totalen Überwachung bereits in falsche Hände geraten. Und das ist nicht nur gefährlich für die Chinesen, sondern für uns alle. Schrecklich, zuweilen aber auch geradezu amüsant sind die ersten Kapitel. Darin erklärt Strittmatter, wie die Zensur der sozialen Medien in China funktioniert. Wie die Zensoren den Gebrauch von Wörtern verbieten – und wie kritische User die Zensur mit Synonymen zu unterwandern versuchen. Die lassen sich nicht so leicht unterkriegen, die Chinesen, denkt man. Aber Strittmatter zerstört auch diese Illusion: Die Mehrheit der Menschen im Reich der Mitte ist genauso unterhaltungsgeil wie wir im Westen – und die allermeisten sind gehorsam und kooperativ.

Margaret Atwood: „Die Zeuginnen“. Ebenfalls eine Dystopie, aber auch ein Buch der Hoffnung – und es liest sich wie ein Krimi. In diesem Buch sind Frauen rechtlose Kleiderständer in blauen, roten oder grauen Säcken im radikal christlichen Gottesstaat Gilead. Sie werden zwangsverheiratet, überwacht und bei Ungehorsam drakonisch bestraft. Das Buch ist die Fortsetzung von Atwood’s Roman „Der Report der Magd“, in dem eine Frau zu fliehen versucht. In „Die Zeuginnen“ erkennen drei Frauen 15 Jahre später, dass sie so nicht mehr leben wollen. Aber wird der Ausbruch gelingen? Das Buch ist nicht nur ein Beitrag zur #metoo-Debatte. Es erlaubt auch eine wohltuende, kleine Flucht aus dem eigenen Zimmer.

4 Gedanken zu „Fünf Bücher für das Jahr 2020“

  1. Spannende Lesetipps, vielen Dank dafür, drei davon werde ich mir genauer anschauen – Nr. 1,2 und 5 🙂
    Alles Gute dir für die kommende Zeit, fremde Häuser sind nicht das Schlechteste, um dem eigenen Raum zu entkommen… ich gehe auch diesen Weg, wenn es zuviel wird, liebe Grüße von zora

    1. Danke Zora! Freut mich, von Dir zu hören. Nun bekomme ich jeweils eine Mail, wenn mir jemand einen Kommentar schreibt. Das ist sehr hilfreich! Was 2) betrifft: In der Originalsprache ist es nicht ganz leicht verdaulich. Aber eine Bekannte, der ich vertraue, berichtet, es gäbe eine überraschend „geschmeidige“ deutsche Übersetzung. Ich wünsche geruhsame Festtage, besonders auch im eigenen Haus 🙂

  2. Leider konnte ich wieder mal nicht sofort aus dem Reader raus einen Kommentar schreiben, daher jetzt mit etwas Verzögerung, sofern es hoffentlich überhaupt klappt.
    Ein sehr interessanter Eintrag, toll, dass du dir die Zeit genommen hast, deine Lesehighlights noch einmal so anschaulich zu präsentieren! Und durch die konkreten Hinweise zu Kierkegard wird das vielleicht wirklich mal etwas, ich hab es mir jetzt auf jeden Fall mal vorgenommen 🙂 Defoe auch. Die Zeuginnen / The Testaments habe ich, glaube ich, noch Ende 2019 gelesen, als vielschichtiger Nachfolger von The Handmaid’s Tale hat es mich auch beeindruckt.
    Lesen ist doch immer eine Bereicherung, egal ob es als „Window or Mirror“ dient 🙂
    Danke für deine netten Kommentare!

    1. Liebe Phoebe, danke für den Kommentar, es ist angekommen. Bei mir geht das mit dem Reader auch nicht, ich bin nicht restlos glücklich mit der Form, wie dieser Blog aufgestellt ist. Aber so, wie ich mich kenne, werde ich niemals etwas tun. Viel lieber erinnere ich mich an vergangene Lesevergnügen, und es freut mich, wenn’s jemanden interessiert 😉 Ich wünsche viel Spass bei der Lektüre von Kierkegaard und Defoe und danke für den Hinweis mit dem „Window oder Mirror“. Geniess die verbleibenden Tage des Jahres 2020 und rutsch gut ins 2021!

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