Amor an der Bushaltestelle

Wenn ich im Moment überhaupt Bus fahre, warte ich oft an der grossen Bushaltestelle am Schwanenplatz. Dann sehe ich auf der anderen Strassenseite ein repräsentatives, sechsstöckiges Bauwerk aus dem vorletzten Jahrhundert. Es ist Heimat eines 170-jährigen Uhren- und Schmuckladens, der vor der Coronakrise sein Geschäft mit kostspieligen Souvenirs für Touristen aus aller Welt machte. Immer geht mein Blick zuerst zur Spitze des Gebäudes, zum kleinen Amor im Türmchen. Ich muss wissen, ob er noch steht, mit dem Rücken zum Abgrund, Sekundenbruchteile vom Sturz entfernt seit Jahrzehnten. Ob er noch um sein Gleichgewicht ringt. Ob die Girlanden noch halten, an denen er sich festhält. Ob noch immer das Lächeln eines ins Spiel versunkenen Kindes seine Lippen umspielt.

Er steht.

Ich mag ihn. Vielleicht, weil mir manchmal selbst schwindlig ist. Vielleicht wegen seines Lächelns. Ich weiss: Wenn er stürzt, werden ihm Flügel wachsen. Auch wenn wir sie jetzt noch nicht sehen.

Eine Reise im Kopf


Baum auf der Insel Korsika (Quelle: skiinfo.de)

Lasst es mich kurz und bündig sagen: Ich habe diese anders „Denkenden“ sowas von satt. In den letzten Tagen gingen hierzulande politisch wieder mal die Wogen hoch, und der Irrsinn fegte auch durch mein Büro. Grauenerregend. Wirklich, ich kann es im Körper spüren. Ich fühlte ich mich wie vor Jahren, als ich bei stürmischem Wetter an einem Strand in Korsika zeltete. Nach vier Tagen Westwind kam ich mir so verbogen vor wie der einzige Baum, der weit vorne am Meer stand.

Kurz nachdem der politische Aufruhr seinen Höhepunkt erreicht hatte, lag ich im Stuhl meiner Dentalhygienikerin. Sie schabte so sachte an meinen Zahnhälsen, dass ich Zeit zum Nachdenken hatte. Der Punkt ist: Ich kann wenig tun gegen die Narretei, die sich tagtäglich an meinem Schreibtisch manifestiert. Meistens nehme ich das alles mit Humor. Aber jetzt wird es mir zu viel. Ich brauche Strategien, um mich zu schützen.

Ich denke an meinen vom Wind verbogenen Baum auf Korsika. Ich sehe die Hügel am Strand mit dem körnigen, rötlichen Sand. Ich sehe das Flüsschen, das wenig Schritte von unserem Zelt ins Meer mündet. Ich habe es oft durchwatet damals, es war kaum knietief. Ich war keine 20 und hingerissen von den von Wind und Wetter zurechtgeschmirgelten Felsen rundum. Vom Ginsterduft der Macchia in der Nacht. Ich konnte mich an allem kaum sattsehen und -riechen. Ich sehe die Kaserne von Bonifacio im harten Nachmittagslicht. Ich sehe die Sonnenuntergänge nach dem Sturm. Für Momente sieht die Welt bei so einem Sonnenuntergang ewig aus. Ich habe mich schon viele Jahre nicht mehr an diese Reise erinnert. Aber jetzt tue ich es. Es fühlt sich gut an. Als die Dentalhygienikerin fertig ist, kann ich wieder gerade stehen.

Ist es so einfach, so banal? Das Meer, der Strand, ein Sonnenuntergang? Egal. Ich werde das jetzt öfter tun.

Szene im Kaufhaus

Bei uns sind die Läden wieder offen. Abends gehe ich jetzt oft einkaufen, ich habe Lust auf Frühling und kaufe Blusen in gewagten Farben. Am Eingang des Warenhauses in der Altstadt steht eine Frau und streckt mir ein leeres Kärtchen entgegen. Direkt nebenan ist die Parfümerie. Ein Müsterchen? Ich halte es gegen mein Gesicht, aber natürlich rieche ich nur verbrannten Kunststoff, wegen der Maske. Ich grinse die Frau an und sage „danke“. Fragen kann ich sie nichts, ich würde eh nicht verstehen, was sie antwortet. Das würde ich auch auch ohne Maske nicht, mache ich schon lange nicht mehr. Dann werfe ich das Kärtchen achtlos zu den neuen Blusen in meiner Einkaufstasche.

Als ich nach Hause komme und die Blusen auspacke, zaubert mir ein blumig eleganter Duft ein Lächeln ins Gesicht. Ich ziehe die Karte aus der Tüte. Auf ihrer Hinterseite steht das Logo einer bekannten Parfüm-Marke.

Ein wütender, alter Mann ist tot

„Hast Du gesehen, Friedel Frogg ist gestorben“, sagte Sekretärin Wilma neulich am Morgen. „Steht in der Zeitung.“

Ich schaute nach, und tatsächlich: Friedel Frogg ist tot. Jahrgang 1933. Einfach weg. Was hat hat mich dieser alte Mann in den letzten 11 Jahren irritiert! Wie musste ich alles, was ich denke und glaube aus meinem Büro hinauszwingen und dann die Tür zudrücken, um es überhaupt mit ihm aufnehmen zu können. Dass er mein Namensvetter war, war reiner Zufall. Verwandt waren wir nicht, darauf legte ich Wert. Meine Familie stammt vom Berg M. Seine aus dem Tal E.

Er war ein Leserbriefschreiber. Wenn ihn etwas wütend machte, dann nahm er einen blauen Kugelschreiber und schrieb in einer breiten Schrift ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier. Dieses schickte er uns. Ich musste den Text dann abtippen, redigieren und auf die Seite stellen. Er schrieb Sätze wie: „In Sachen Rassismus muss man fast schon jedes Wort auf die Goldwaage legen.“ Oder: „James Schwarzenbach war intelligent. Er hat in den sechziger Jahren gegen die Überfremdung gekämpft.“ Mir kräuselte sich beim Tippen die Kopfhaut. Sein rotes Tuch war die Ehe für alle: „Nur wenn Mann und Frau sich ehelichen und in der Regel Kinder kriegen, ist es eine Ehe. Gleichgeschlechtliche Paare können das nicht.“ Das wiederholte er so gerne, dass ich ihn einmal fragte, warum er eigentlich selbst nie geheiratet habe. Er lästerte über die EU, pries „unsere bewaffnete Neutralität“ und gerne auch den rechtskonservativen Churer Bischof.

Nicht selten schrieb er einen Satz, den ich ihm streichen musste. Weil es gegen das Gesetz verstossen hätte, ihn zu veröffentlichen. Oder, weil er unleserlich oder unverständlich war. Wenn ich das tat, griff Friedel Frogg zu Telefonhörer. Wenn ich nicht da war, diskutierten die Frauen vom Sekretariat mit ihm. Er hatte diesen trügerisch leutseligen Umgangston, den ich auch von anderen Männern aus dem Tal E kenne. Wie eine freundlich zum Gruss entgegengestreckte Hand, die eine Scherbe versteckt. Er rief auch an, wenn ihn ein Anglizismus in der Zeitung ärgerte oder er etwas nicht verstand.

„Legen Sie sich doch endlich einen Computer zu, Herr Frogg“, sagte ich hundertmal. „Dann können Sie alles nachschlagen. Oder gehen Sie in die Bibliothek.“ Nein, er müsse uns das sagen. Damit wir Bescheid wüssten, dass manche Leute uns nicht verstünden.

„Warum bringst Du diesen alten Sack überhaupt noch?!“ sagte einmal ein Blattmacher zu mir, dem die Leser des von ihm gemachten Blattes herzlich egal waren. Ich sagte: „Das kann ich nicht. Er hat ein Recht auf freie Meinungsäusserung und ein Abonnement unserer Zeitung.“

Mit den Jahren wurden Herr Frogg und ich milder miteinander. Zuletzt war ich es, die ihn anrief. Er hatte uns etwas geschickt, was ich unmöglich bringen konnte. Am Telefon rang er zwischen zwei Sätzen nach Atem. Das Herz. Ich war in Sorge.

Später am Tag, an dem ich von Friedel Frogg’s Tod erfuhr, brachte ich etwas ins Sekretariat. Auf einem Gestell brannte eine Kerze. „Die haben wir für Herrn Frogg angezündet“, sagte Wilma. Wir schauten sie an und waren ein bisschen traurig.

Mein schwarzes Tier

Wenn Frau Frogg telefoniert, begegnet sie Tieren die ihr nicht ganz geheuer sind. (Quelle: mixology.eu)
Wenn Frau Frogg telefoniert, begegnet sie Kreaturen, die ihr nicht ganz geheuer sind. (Quelle: mixology.eu)

Neulich hatte ich im Geschäft einen Kunden am Telefon. Sowas kommt nur noch selten vor. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Er ist ein schwieriger Kunde, ich kenne ihn schon lange. Ich konnte ihm – einmal mehr – nicht geben, was er wollte. Er wurde wütend und begann zu brüllen. Er sagte Dinge, die anfingen mit: „Sie werden schon sehen, dass…“ und: „Irgendwann wird…“, der Rest ertrank im Gedröhn seiner Stimme. Wahrscheinlich waren es düstere Prophezeiungen an die Adresse meines Geschäfts. Ich kenne die Leier. Ich sagte immer nur „Ja“. Vermutlich hatte er das Gefühl, er rede gegen Wände. Das tut er auch. Er redete gegen die Wände in meinen Ohren.

Eine Freundin von mir ist Sozialarbeiterin. In jüngeren Jahren hat sie auf Französisch eine Diplomarbeit über Schwerhörigkeit geschrieben, für das sie Frauen mit Gehörproblemen interviewt hat. Telefonieren, schreibt sie, scheine für alle „la bête noire“ zu sein. Das schwarze Tier. Eine Redensart, die ich zuerst googeln musste. Laut linguee.de heisst es so etwas wie „ein rotes Tuch“ oder „ein Dorn im Auge“.

Ich kann nicht sonderlich gut Französisch, und ich weiss nicht, wie der Ausdruck im Alltag verwendet wird. Im Zusammenhang mit dem Telefonieren scheinen mir diese Übersetzungen aber verharmlosend. Telefonieren reduziert Kommunikation auf Stimme und Laute – das ist für Normalhörende das Wesentliche und total effizient. Als ich noch gut hörte, habe ich halbe Nächte durchtelefoniert. Es war herrlich. Aber jetzt fällt für mich beim Telefonieren fast alles weg, was Kommunikation auch noch gelingen lassen kann: Mimik, Lippenbewegungen, Gestik, Situationskomik. Telefonieren konfrontiert mich mit meiner ganzen Unzulänglichkeit, und es ist dazu noch dröhnend anstrengend. Wenn ich „la bête noire“ lese, fällt mir ein, dass die Begegnung mit einem schwarzen Hund in der angelsächsischen Kultur etwas sehr Düsteres bedeutet: Der schwarze Hund gilt als Wächter am Tor zur Unterwelt, und wenn er uns auf der Strasse begegnet, begegnet uns eine Ahnung von Gefahr und Versagen. Das trifft es besser.

Mittlerweile habe ich gute Technologie zum Telefonieren, und mein neuer Computer im Büro hat eine super Akustik. Aber oft bringe ich mich mit Ausflüchten über die Runden, dann erledigen unsere Sekretärinnen das Nötigste. Man erreicht mich immer per E-Mail. Letzthin hatte ich einen Kunden, bei dem ich nach einigen E-Mails vermutete, dass er per Telefon einfach ein paar anzügliche Sprüche machen wollte. Ich liess mich ein paarmal verleugnen, bis mein Stellvertreter im Haus war. Dann sagte ich zur Sekretärin: „Wenn Herr P. wieder anruft, gebt ihm bitte meinen Stellvertreter. Ich finde, Herr P. sollte mit einem Mann telefonieren.“