Der Versicherungsagent

Der Mann, der gestern Abend unsere Wohnung betrat, war tatsächlich jener Jungpolitiker, den ich mit einer gewissen Beklommenheit erwartet hatte. Ich hatte ihn gegoogelt und erkannte ihn auch unter der Maske.

„Sie können die Maske gerne ausziehen, wir sind beide geimpft“, sage ich. Mit Maske würde ich ihn unmöglich verstehen, aber das muss ich jetzt nicht sagen. Der Versicherungsagent nimmt die Maske ab und sagt: „Ja, und ich habe es gehabt und bin seit zwei Wochen wieder gesund.“ Ich muss nicht fragen, was „es“ war. Ich frage: „Und, wie war es?“

„Wie eine heftige Grippe“, sagt er und beschreibt die Symptome und einige Verwirrung um seine Tests. So verlaufen heutzutage also Kennenlern-Gespräche. Es stellt sich heraus, dass er mich ebenfalls gegoogelt hat und weiss, dass wir schon Schriftverkehr gehabt haben, mit ihm als Kunden. Nicht durchwegs positiven, wie er sich erinnert. Es könnte sein, dass ich ihn etwas stiefmütterlich behandelt habe. Das wäre natürlich unprofessionell von mir gewesen, und ich entschuldige mich kurz. Ich kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass ihn die Situation mehr verunsichert als mich. Er ist für einen Versicherungsagenten ungewöhnlich zurückhaltend, fast mürrisch. Dafür macht er gar keine Anstalten, unsere Wohnung zu inspizieren. So bin ich etwas lockerer, und mit der Zeit hellt sich die Stimmung auf. Schliesslich werden wir handelseinig. Als ihm Herr T. noch unseren Nordbalkon mit Blick auf den sagenhaften Innenhof zeigt und wir in eine fachmännische Diskussion über ortsübliche Mietzinsen geraten, bricht so etwas wie Freundlichkeit durch.

Sanftes Erröten und ein Zigarettenstummel

Unsere Cherrytomatenstaude hat sage und schreibe 37 grüne Früchtchen angesetzt. Bei meinen täglichen Rundgängen in unserem Balkongarten suche ich jedes Mal nach einem ersten, zarten Erröten am Strauch. Jetzt habe ich eins gefunden – das Bild links stammt von heute Nachmittag.

Auf der anderen Balkonseite steht die Peperonistaude. An ihr hängen zwei winzige, dunkelgrüne Glocken. Nicht ausgeschlossen, dass es auch Früchte sind. Unter dem Strauch liegt ein Zigarettenstummel.

Ein Zigarettenstummel?! Weder Herr T. noch ich rauchen. Wie kommt ein Zigarettenstummel in unseren Blumentopf im fünften Stock? Hat Herr T. eine Geliebte, die die Spuren ihrer Anwesenheit nicht beseitigt hat? „Unsinn“, sagt er Herr T., in glaubwürdigem Ton. „Bestimmt hat der Wind das Ding von der Dachterrasse heruntergeweht.“ Unsere Dachterrasse ist riesig, und dort oben ist im Sommer jede Nacht Party. Wenn es gerade nicht regnet. Und gegenüber ist ja noch eine Baustelle. Am Abend sehen wir manchmal den Kranführer aus luftiger Höhe an unserem Balkon vorbei hinab in die Tiefe steigen.

Der Fremde in meinem Schlafzimmer

Gestern habe ich unsere Wohnung gründlicher als gewöhnlich gereinigt. In meinem Schlafzimmer pützelte ich geradezu inbrünstig alle Oberflächen und verrenkte mich, um mit dem Staubsaugerrohr auch in die hintersten Winkel zu gelangen. Grund: Am Dienstagabend kommt der Mann von der Mobiliarversicherung. Er will uns eine neue Police ausstellen. Da wird er einen Blick in all unsere Zimmer werfen und sehen wollen, was wir eigentlich für einen Hausrat haben.

Nun wohne ich in einer relativ kleinen Stadt. Der nicht allzu häufige Name des neuen Versicherungsagenten lässt mich befürchten, dass er einer meiner Kunden ist. Und noch dazu eine Nachwuchshoffnung jener politischen Partei, die ich partout nie im Leben wählen würde. Bei der Vorstellung, dass dieser Jungspund freie Sicht auf mein Schlafzimmer haben könnte, wird mir wind und weh. Falls es unumgänglich ist, wollte ich das Beste tun, damit er diesen Anblick einfach so schnell wie möglich wieder vergisst. Auf keinen Fall möchte ich, dass er mit seinen Parteikollegen jenes fette Grinsen über mein Schlafzimmer teilt, das ich auf den Gesichtern seiner Parteigänger auch schon gesehen habe. Es war peinlich genug, dass ich ihn am Telefon relativ barsch angegangen habe, weil er unfähig ist, langsam und deutlich zu sprechen.

Es kann aber auch sein, dass ich mich irre. Ich habe ihn nicht gefragt, ob er derjenige ist. Falls nicht, umso besser. Dass mein Schlafzimmer etwas sauberer ist als sonst, wird auch mir nicht schaden.

Rollende Steine

Ich sitze im Swisscom-Laden und warte auf mein neues Handy. Hier reden viele Leute durcheinander, und es klingt wie einem Aquarium. Und die Stimmen: wie rollende Steine. Rollende Steine in einem Aquarium. Bescheuerte Metapher. Ich sitze da und suche nach Wörtern, um auszudrücken, wie sich das anhört, diese Schwerhörigkeit. Später im Bahnhof: Da hat rückt jemand aber ein grosses Möbelstück herum! Ach, nein, das ist eine Lautsprecherdurchsage. Wohlgemerkt, ich trage topmoderne, leistungsstarke Hörgeräte, die mich vor zwei Jahren noch total glücklich gemacht haben.

Ihr müsst mich nicht trösten und mir keine guten Ratschläge geben. Man kann mit einer hochgradigen Schwerhörigkeit leben. Sie ist einfach ein verdammtes Ärgernis. Sie ist für mich alltäglich geworden, wenn auch nicht normal. Normal wird das nie sein. Ich habe Schwankungen, manchmal geht es so gut wie vor zwei Jahren. Aber jede Kleinigkeit lässt meine Ohren schwächeln – so eine Pandemie zum Beispiel, oder ein Hochwasser oder auch nur eine Ferienreise.

Letzten Oktober habe ich eine Abklärung für ein Cochlea-Implantat gemacht. 40 Minuten Hörtests, oft ohne Hörgeräte. Die Audiologin sagte: „Ist anstrengend, oder?“ Ich nickte: „Ja, weil es so leise ist.“ Sie: „Ja, und für mich ist es anstrengend, weil es so laut ist.“ Und das war an einem verflixt guten Tag.

Später sagte die Ärztin: „Nun jaaaa, Sie sind ein Grenzfall. Ich weiss nicht, wie viel wir wirklich herausholen können bei Ihrem Gehörverlust. Sie hören fast noch zu gut. Unterschätzen Sie nicht, dass es doch ein recht aufwändiger Eingriff ist und das alles viel Zeit braucht. Warten Sie besser noch eine Weile ab.“

Im Moment bin ich nicht sicher, ob diese Weile jetzt vorbei ist.

Den Schlüssel drehen

Es mag merkwürdig klingen, überhaut nicht so, wie wir uns einmal unser Leben vorgestellt haben. Aber manchmal bin ich einfach nur dankbar, wenn ich nach einem gelungenen Fernsehabend mit meinem Mann den Schlüssel in unserer Haustür umdrehen und mich hier oben im fünften Stock sicher und zu Hause fühlen kann.

Was die Medien falsch machen

„Ich fand schon, die Medien seien während der Pandemie nicht so ganz frei gewesen“, sagt Paulina zum Schluss. Auaa! Schon wieder hat sie einen dieser Sätze gesagt, die mich treffen wie ein jäher Zahnschmerz. Unsere Gespräche sind ein einziger Versuch geworden, solche Sätze zu vermeiden. Auf beiden Seiten. Aber manchmal kann sie es nicht lassen.

Der Satz trifft auf mindestens zwei empfindliche Stellen. Erstens ist er der quälende Refrain jener Leier, die ich bei der meiner Arbeit von Covid-Skeptikern in gefühlten 778 Varianten gelesen habe. Und zweitens arbeite ich bei einem Medienunternehmen und bekomme bei diesem Satz immer den Drang, ‚die Medien‘ zu verteidigen. Ich fange also an, die Medien zu verteidigen. Ich versuche, etwas zu sagen, was ich nicht schon gesagt habe. Aber es gibt nichts Neues.

Ich muss es anders machen, denke ich und frage: „Was hättest Du denn von den Medien erwartet?“

Sie strahlt auf, ist völlig verblüfft und sagt: „Das ist eine sehr gute Frage!“ So gut, dass sie auf Anhieb keine Antwort weiss, und so verabschieden wir uns gleich darauf. In aller Freundschaft.

„Warum habt Ihr nichts getan?“

Eines Tages werde ich vielleicht eine Grossnichte haben, nennen wir sie Ophelia. Sie wird zu mir sagen: „Ihr habt doch gewusst, dass der Klimawandel kommen wird. Warum habt Ihr nichts getan?“

Dann werde ich sagen: „Ja, wir haben es gewusst. Im Gymnasium haben wir noch vor 1985 das Wichtigste über den Treibhaus-Effekt gelernt. Gleichzeitig drohte auch das Waldsterben, und es drohte ein Ozonloch. Das alles hat mir damals grossen Eindruck gemacht. Ich beschloss, nicht Auto zu fahren und neigte politisch zu den Grünen. Aber ich hatte Kollegen, denen das alles egal war. Kaum 18, fuhren sie mit stolzgeschwellter Brust und Papas Karre auf den Parkplatz vor der Schule.“

„Wie konnten sie nur?!“ wird Ophelia sagen.

„Nun ja, sie sahen sich als Yuppies – und die zeigten gerne ihren Zaster.“

„Was ist ein Yuppy?“ wird Ophelia fragen.

„Yuppies ist eine Abkürzung für „Young Urban Professionals“. Das waren junge, karrierebewusste Anwälte, Ärztinnen, Betriebswirte“, werde ich sagen. „Sie waren hemmungslos hedonistisch. Weisst Du, später habe ich gesehen, dass es etwas Verwegenes hatte, diese ganzen Umweltbedenken in den Wind zu werfen und zu sagen: ‚Verzicht ist etwas Kleinbürgerliches. Ich habe das nicht nötig und auch gar keine Zeit dafür. Sollen sich andere darum kümmern, wenn es überhaupt ein Problem ist.‘ Aber bei mir war das nicht so, jedenfalls nicht am Anfang. In meiner WG an der Uni waren wir zu dritt und alle sehr umweltbewusst.“

„Und was ist dann passiert?“, wird Ophelia fragen.

„Ja, dann bekam ich erste Zweifel. Das Waldsterben wurde abgewendet, und das Ozonloch auch. Und viele fanden die Grünen einfach nur verschroben. Manchmal ging es mir auch so. Eines Abends diskutierten wir in der WG über die Frage, ob das Joghurt aus dem Kartonbecher oder jenes aus dem Glas die bessere Öko-Bilanz habe. Das fand ich absurd, denn wenige hundert Meter weiter tobte vierspurig der Autoverkehr. Warum sollte ich über Spitzfindigkeiten bei meinem Konsum nachdenken, wenn der Umweltschutz so vielen anderen am Allerwertesten vorbeiging?“

„Du hättest Dich nicht beirren lassen dürfen durch das, was alle anderen machten,“ findet Ophelia.

„Ja, stimmt, aber ich suchte eben meinen Standpunkt.“

„Habt Ihr Fleisch gegessen?“ wird Ophelia fragen.

„Manchmal. Damals wurde Fleisch noch nicht als Treiber des Klimawandels angesehen.“

„Seid ihr geflogen?“

„Ja“, werde ich sagen, „Wir sind sogar viel geflogen. Reisen brachten Weltwissen und Spass. Über unsere Reisen definierten wir, wer wir waren. Niemals hätten wir uns das nehmen lassen.“

„Und später hast Du dann sowieso den Klimaschutz in den Wind geworfen?“

„Nicht ganz. Aber einmal habe ich einen Job nicht bekommen, weil ich nicht Auto fahren konnte. Danach habe ich sogar das gelernt. Aber wenn Du nicht gerade in der Forschung gearbeitet hast, dann warst Du in der Arbeitswelt voll in der Logik des Konsums.“

„Du kannst mich mal mit Deiner Logik des Konsums“, wird Ophelia sagen.

Heimweg

Nachtrag zu meinem gestrigen Beitrag: Bis am Abend blieb ungewiss, ob die Feuerwehr die Seebrücke schliessen würde oder nicht. Die Pegelstände waren hart an der Grenze. Ich beschloss, lieber gleich über die St. Karlibrücke zu gehen. Der Weg führt durch Quartierstrassen, die vom Hochwasser unberührt sind – als ob nichts wäre. In den Gärten wuchert es dort in allen Farben. Wunderschön.

Für heute sind weitere Regengüsse angesagt. Am Sonntag soll dann endlich die Sonne wieder richtig scheinen.

Wasserstandsmeldung

Schwanenplatz
Schwanenplatz Luzern, heute morgen, 9.10 Uhr

Hier wartete ich auf dem Weg zur Arbeit auf den Bus. Das Bild zeigt die Bootsvermietung, die nun den zweiten touristenlosen Sommer erlebt. Ja, der Wasserpegel ist wieder gestiegen. Gestern leckte der See hier nur am Randstein. Jetzt umarmt er innig zwei Meter des Trottoirs.

Ein melancholischer Anblick – aber harmlos im Vergleich zu dem, was in der Eifel passiert ist. Ich denke an jene, die dort den ganzen Horror ausser Kontrolle geratener Wasserfluten erlebt haben.

Dann kommt mein Bus.

Was ich kurz nach neun Uhr noch gar nicht wusste: Seit 8.46 Uhr sind die Fussgängerbrücken im Stadtzentrum gesperrt: Kapellbrücke, Rathaussteg, Reussbrücke, Spreuerbrücke (Quelle: luzernerzeitung.ch). Es tröpfelt wieder. Nicht auszuschliessen, dass die Seebrücke auch gesperrt wird. Dann gibt es ein Verkehrschaos. Und ich werde mir überlegen müssen, wie ich nach der Arbeit nach Hause komme. Geöffnet sind dann noch die Geissmattbrücke und die St. Karlibrücke reussabwärts. „Die Geissmattbrücke geht immer“, sagt mein Mann, sagt auch der Pedestrian. Aber etwas mulmig ist mir trotzdem.

Vegetarisch essen

Herr T. ist von der grossen Klimaspuren-Wanderung zurück. Wir nehmen unser Alltagsleben wieder auf. Einfach gesagt: Er kocht, ich putze. Am ersten Mittag gibt es unser fleischloses Lieblingsgericht: Rote Linsen mit Süsskartoffeln.

Wir haben in den letzten Jahren eher klimabewusst gelebt, wenn auch nicht allzu konsequent: Wir fahren nicht Auto, dafür essen wir öfter mal Fleisch. 2016 sind wir das letzte Mal geflogen – nach Wien. Doch Herr T. hat sich auf der Wanderung radikalisiert. „Es ist nicht fünf vor zwölf. Es ist fünf nach zwölf. Die Klimakatastrophe passiert bereits“, sagt er immer wieder. Beim Linsengericht setzt er mir auseinander, dass er versuchen will, nur noch vegetarisch zu kochen.

Meine erste Reaktion verblüfft mich selbst total. „Nie wieder Bratwurst?!“ denke ich entsetzt.

Nie im Leben habe ich damit gerechnet, dass ich mich einmal eine geradezu kindliche Sehnsucht nach einem Stück Fleisch haben werde.