Was die Medien falsch machen

„Ich fand schon, die Medien seien während der Pandemie nicht so ganz frei gewesen“, sagt Paulina zum Schluss. Auaa! Schon wieder hat sie einen dieser Sätze gesagt, die mich treffen wie ein jäher Zahnschmerz. Unsere Gespräche sind ein einziger Versuch geworden, solche Sätze zu vermeiden. Auf beiden Seiten. Aber manchmal kann sie es nicht lassen.

Der Satz trifft auf mindestens zwei empfindliche Stellen. Erstens ist er der quälende Refrain jener Leier, die ich bei der meiner Arbeit von Covid-Skeptikern in gefühlten 778 Varianten gelesen habe. Und zweitens arbeite ich bei einem Medienunternehmen und bekomme bei diesem Satz immer den Drang, ‚die Medien‘ zu verteidigen. Ich fange also an, die Medien zu verteidigen. Ich versuche, etwas zu sagen, was ich nicht schon gesagt habe. Aber es gibt nichts Neues.

Ich muss es anders machen, denke ich und frage: „Was hättest Du denn von den Medien erwartet?“

Sie strahlt auf, ist völlig verblüfft und sagt: „Das ist eine sehr gute Frage!“ So gut, dass sie auf Anhieb keine Antwort weiss, und so verabschieden wir uns gleich darauf. In aller Freundschaft.

6 Gedanken zu „Was die Medien falsch machen“

  1. Eine echt gute, offene Gegenfrage… „Medien“ lassen sich durch alles ersetzen, und dann ist es für jedes Thema eine super Entgegnung; muss ich mir merken 😉

    1. Ja, und ich habe gemerkt, dass es auch respektvoll ist: Man bringt damit den Willen zum Ausdruck, dem Gegenüber überhaupt zuzuhören und spezifisch auf seine Kritikpunkte einzugehen.

  2. Natürlich haben die Medien Probleme in der Berichterstattung, genauso die Politiker in der Politik und die ExpertInnen in der Wissenschaftskommunikation. Das ist während einer so extremen und für unsere Generationen neuartigen Situation auch verständlich. Dennoch verstehe ich deine Reaktion auf die Bemerkung deiner Freundin. Diese Litaneien nerven, noch dazu, wenn sie im Brustton der Allgemeingültigkeit des eigenen Wissens vorgebracht werden. Vielleicht war deine Frage goldrichtig: sich nicht in die Verteidigungssituation drängen lassen, sondern nachfragen, warum das so ist, was behauptet wird.

    1. Danke, Tinderness. Ja, so habe ich das auch erlebt. Wenn ich nicht diesen Job hätte, wo jede Spaltung der Gesellschaft quasi mitten durch meinen Schreibtisch verläuft, dann hätte ich wohl etwas mehr Geduld mit solchen Äusserungen. Dann wäre ich wohl auch schneller zu einer Gegenfrage gekommen. Heute hatte ich eine sehr interessante Diskussion mit einer Impfskeptikerin, aber sie äusserte ihr Bedenken auf sehr viel überlegtere Weise. Das fand ich sehr erträglich.

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