Der Gentleman im Buchladen

Heute Morgen in der Buchhandlung hatte ich ein unfassbar peinliches Erlebnis. Nun brauche ich Ratschläge: Wie kann ich das wieder gutmachen? Muss ich es wieder gutmachen?

Es begab sich so: Auf meinem Arbeitsweg gehe ich am sehr reizvollen Schaufenster der kleinen Buchhandlung alter ego vorbei. Vielleicht zwei Wochen lang stand dort ein Buch, das ich begehrte: „Die Zukunft des Sozialismus“ von Thomas Piketty. Nach tagelangem Hin- und Herüberlegen beschloss ich: Ich werde es vor unserer morgigen Abreise in die Ferien noch schnell kaufen. Ich war aber in Eile.

Ich hastete zur Buchhandlung, sah das Buch jedoch nicht mehr im Schaufenster. Drin räumte ein junger Mann gerade die Gestelle am Fenster leer, und der Piketty lag auf einem kleinen Stoss auf dem Tisch daneben. Ich seufzte erleichtert auf. Das Buch war noch da. „Kann ich kurz einen Blick hineinwerfen?“ fragte ich. Der junge Mann nickte. Nach wenigen Minuten entschied ich mich und sagte zum zweiten Buchhändler, der daneben stand: „Ich kaufe das.“

Da richtete der andere Buchhändler tadelnde Worte an mich. Dann begann ein aufgeregtes Gerede zwischen den beiden Buchhändlern, von dem ich nur wenige Satzfetzen verstand. Ich bin bekanntlich hochgradig schwerhörig, und sie trugen beide Masken. Ich sagte das auch, und dann ging alles sehr schnell und ich stand mit dem Buch vor der Kasse.

Während der Zahlungsvorgang ablief, setzten sich einzelne Satzfetzen in meinem Kopf zusammen, die ich beim Gespräch der beiden Herren mitbekommen hatte. Ich erkannte: Verdammt, der junge Mann mit dem Stoss auf dem Tisch war kein Buchhändler, sondern ein zweiter Kunde. Und: Er hatte das Buch selbst kaufen wollen. UND: Er war vor mir dagewesen! Er hätte also Anspruch auf das Buch gehabt, hatte aber offensichtlich zu meinen Gunsten verzichtet.

Ich weiss nicht mehr genau, ob ich sehr errötete oder sehr erbleichte. Jedenfalls sprach ich nochmals kurz mit dem jungen Mann, und er bestätigte mir, dass ich die Lage nun durchschaut hatte. Ich bedankte mich herzlich und huschte davon. Aber auf dem ganzen Nachhauseweg traktierte ich mich mit den übelsten Beschimpfungen. Ich weiss jetzt nur: Ich werde dem Buch sicher die Ehre erweisen, es schnell zu lesen. Ansonsten… hm.

17 Gedanken zu „Der Gentleman im Buchladen“

  1. Oh, ich kann es gut nachvollziehen, dass da ein komischens Gefühl in Dir zurückbleibt, obwohl Du die Situation ja nicht beabsichtigt herbeigeführt hast. Um Dich von dem unguten Gefühl zu befreien, könntest Du ja noch einmal in den Buchladen gehen, und dem Verkäufer noch einmal erklären, was Dich da bedrückt. Vielleicht ist der andere Käufer dort ja ein Stammkunde, und der Verkäufer kann ihm bei nächster Gelegenheit erklären, dass Dich die Situation noch nachträglich mit Pein beschäftigt hat. Viel Glück dabei….

    1. Danke, Lo. Ja, etwas in der Art werde ich wahrscheinlich tun, wenn ich aus den Ferien zurück bin. Der Buchhändler hat wohl mitbekommen, wo das Problem lag, wir kennen uns auch vage, obwohl ich dort nicht Stammkundin bin. Aber gelegentlich wieder dorthingehen ist sowieso ok, weil der Buchladen auch sehr gut ist – und es beim nächsten Mal vielleicht Musse für ein Plauderstündchen gibt.

  2. Es ist einfach: ein Missverständnis, mehr noch: die Attraktion durch ein Buch. Es ist kein Einzelstück, sondern je mehr davon verkauft werden, desto besser für den Autor. Deshalb ist Entspannung angesagt: viel Vergnügen wird gewünscht fürs Lesen desselben. .-)

    1. Genau, eigentlich eine sehr gute Werbung für alle: das Buch, den Laden und die Manieren des anderen Kunden. Können sich jetzt alle sehr gut fühlen dank dir. Dass du dich dabei blöd fühlst, verstehe ich auf jeden Fall, aber für die anderen Beteiligten wird es vielleicht als humoristische Anekdote in ihre Erinnerung eingehen. Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Urlaub!

      1. Danke Euch beiden, Phoebe und Tinderness. Stimmt, humoristische Anekdote würde ich verkraften. Als ich drüber nachgedacht habe, ist mir eine Künstlerin in den Sinn gekommen, die früher in unserer Stadt lebte. Ich glaube, sie ist gestorben. Aber sie war ein schräger Vogel, etwas schrill und sehr eigen. Alle kannten sie, sie hatte wehende, schwarze Haare. Sie war immer kompromisslos sich selbst, das hat mir mitunter auch ein wenig imponiert. Ich glaube, es bleibt mir nichts anderes übrig, als es auch zu werden.

    1. Ja, mache ich vielleicht. Ich hab’s mir jetzt überlegt, und ich denke: Wenn ich aus den Ferien zurückkomme, werde ich etwas Nettes aus Schokolade im Buchladen vorbeibringen. Für den anderen Kunden. Sah so aus, als wäre er ein Stammkunde. Und sonst kann’s ja dann der Buchhändler essen.

        1. Ja, habe ich mir auch überlegt – das wäre ja dann schon gelebter Sozialismus. Aber ich glaube, er hat das Buch gleich für sich selbst bestellt. Wobei ich sehr gerne wüsste, was er darüber denkt.

  3. Die Verwechslung selber kann wahrscheinlich Jedem passieren. Nur dass Du es halt nicht sofort gemerkt hast und hättest sofort aufklären können. Ich stelle mir schon vor, dass der junge Mann es Dir gerne überlassen hat als echter Sozialist. Außerdem ist es einfach lustig. Also, so als Außenstehender. Und Bücher sind ja keine Mangelware, bestimmt lässt sich das Buch schnell irgendwo nachkaufen. Es war einfach ein lustiges Missverständnis, was Jedem passieren kann.

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