Ein magisches Tal

Berge wie himmlische Beisszacken im Bergell: Ganz rechts wie ein Hausdach der Piz Badile (3308 m. ü. M.), links davon der Cengalo (3369 m. ü. M.), .

Im Herbst 2013 besuchte ich das Bergell zum ersten Mal und beschrieb es hier höchst ungnädig als wahres Jammertal – damals war es düster und verhangen. Während unseres Aufenthaltes auf dem Maloja Ende September haben wir es nochmals besucht, diesmal bei schönem Wetter – ein veritables Hammertal. Wir stiegen auf der Passhöhe ins Postauto, dessen Chauffeurin es geduldig die zahlreichen Serpentinen in den Talgrund hinunterlenkte. Als wir in Promontogno ankamen, lagen rund 1000 Höhenmeter hinter uns. Wir stiegen aus, und schon umfächelte uns die milde Luft des Südens.

Was mir beim letzten Mal weniger aufgefallen war, sah ich diesmal mit umso grösserer Begeisterung: Die Dörfer im Bergell haben eine eigene Architektur, eine Mischung aus Engadiner Robustheit und italienischer Liebe zu verspieltem Beiwerk (links im Bild ein Erker in Promontogno). „Man könnte im Bergell in jedem Dorf aus dem Postauto steigen und losfotografieren“, sagte mein Kumpel, der Pedestrian später. Ich kann nur sagen: Er hat recht. Herr T. und ich nahmen den Bus nach Soglio, wo wir 2013 bei düsterem Nebel nächtigten. Diesmal hatten wir schon bei der Bushaltestelle Aussicht auf die nur leicht umwölkten Bergspitzen im Süden, je nach Licht mal finstere Beisszacken, mal lichtumflorte Säulen, die hoch oben den Himmel trugen.

Wir wanderten durch den Wald, und Herr T. zeigte mir auf der gegenüberliegenden Talseite den Cengalo. Ja, er ist schön. Aber der Klimawandel hat ihn zum Monster gemacht. Weil es wärmer ist, hat sich der vereiste Nordhang aufgeweicht und ist instabil geworden. Am Mittwoch, dem 23. August 2017, um 09:30 Uhr, lösten sich dort oben 3 Millionen Kubikmeter Gestein und donnerten mit einer Geschwindigkeit von 250 Stundenkilometern hinunter ins Tal. Als gewaltige Schlammlawine verschütteten sie wenig später das Dorf Bondo, direkt neben Promontogno. Hier ein sehenswerter Beitrag des Schweizer Fernsehens über das Unglück, das acht Menschen das Leben kostete.

Das machte mir Eindruck, und ich blieb kurz stehen, dann wanderten wir weiter. Als wir im Bus zurück auf die Passhöhe sassen, hatte ich Kraft und Begeisterung für düsterere Tage getankt.

Salecina – woran die Liebe scheiterte

Seit zwei Tagen überlege ich, wie ich meine verfrühte Abreise aus Salecina kurz und bündig erklären kann. Mir fehlt die Zeit, jede Einzelheit des ereignisreichen und für mich sehr ungewohnten Lebens dort oben aufzuzeichnen. Schliesslich habe ich gemerkt, dass es im Grunde einfach ist. Es lag zu einem sehr beträchtlichen Teil an meinem Ohrenleiden – am Paradox der Schwerhörigkeit.

Und zwar aus folgendem Grund: Die schönsten Momente in Salecina sind die Mahlzeiten. Meistens essen die Gäste alle auf zwei grosse Tische verteilt in einem Raum mit einer gewölbten Decke. Man geniesst die Gelegenheit, mit Leuten zu plaudern, deren Bekanntschaft man sonst nie im Leben gemacht hätte. Die Gespräche waren immer angeregt und herzlich. Früher hätte ich diese Tischrunden geliebt. Die halbe Nacht lang hätte ich mit den neuen Bekannten die Wahlen in Deutschland erörtert, oder die Abenteuer der soeben absolvierten Wanderung. Für solche Abende hätte ich Salecina das dünne Bettzeug in den Zimmern verziehen. Ich hätte problemlos weggesteckt, dass ich hier ein WC mit schlimmstenfalls über zehn Leuten teilen musste, und sowieso, dass ich dieses WC auch noch selbst putzte*. Ich hätte sogar Spass daran gehabt, dass am zweiten Tag eine italienische Schulklasse einfuhr und für noch mehr Betrieb sorgte.

Aber in einem Raum, in dem mehr als zwei Leute gleichzeitig sprechen, bin ich verloren. Erst recht in einem Raum, in dem gleichzeitig auch noch alle mit ihren Essbestecken hantieren. Ich bekam von all diesen angeregten Gesprächen im Speisesaal immer nur Fragmente mit. Natürlich ergaben sich dann und wann trotzdem schöne Begegnungen. Doch insgesamt fühlte ich mich beim Warten auf diese intimeren Momente zunehmend gequält und erschöpft, und alles andere störte mich schliesslich auch.

Muss ich aus dieser Erfahrung die Kritik ableiten, dass Salecina sich zu wenig um die Inklusion von Menschen mit Behinderung kümmert? Nein, ich glaube nicht. Salecina bietet vielen Menschen Unterkunft, die sich sonst keine Ferien in den Bergen leisten könnten. Ich glaube, das ist ein Verdienst, das erst einmal von anderen Pflichten entbindet. Salecina ist ein kleiner Versuch der Utopie – einer, der schon seiner Lage wegen wohl nicht alle Träume verwirklichen kann. Aber ich diskutiere gerne darüber.

Und, trotz allem: Die drei Tage dort waren eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

* Dem Aspekt der Mitarbeit im Salecina werde ich nach Möglichkeit noch einen eigenen Beitrag widmen.