Mein schwarzes Tier

Wenn Frau Frogg telefoniert, begegnet sie Tieren die ihr nicht ganz geheuer sind. (Quelle: mixology.eu)
Wenn Frau Frogg telefoniert, begegnet sie Kreaturen, die ihr nicht ganz geheuer sind. (Quelle: mixology.eu)

Neulich hatte ich im Geschäft einen Kunden am Telefon. Sowas kommt nur noch selten vor. Aber manchmal lässt es sich nicht vermeiden. Er ist ein schwieriger Kunde, ich kenne ihn schon lange. Ich konnte ihm – einmal mehr – nicht geben, was er wollte. Er wurde wütend und begann zu brüllen. Er sagte Dinge, die anfingen mit: „Sie werden schon sehen, dass…“ und: „Irgendwann wird…“, der Rest ertrank im Gedröhn seiner Stimme. Wahrscheinlich waren es düstere Prophezeiungen an die Adresse meines Geschäfts. Ich kenne die Leier. Ich sagte immer nur „Ja“. Vermutlich hatte er das Gefühl, er rede gegen Wände. Das tut er auch. Er redete gegen die Wände in meinen Ohren.

Eine Freundin von mir ist Sozialarbeiterin. In jüngeren Jahren hat sie auf Französisch eine Diplomarbeit über Schwerhörigkeit geschrieben, für das sie Frauen mit Gehörproblemen interviewt hat. Telefonieren, schreibt sie, scheine für alle „la bête noire“ zu sein. Das schwarze Tier. Eine Redensart, die ich zuerst googeln musste. Laut linguee.de heisst es so etwas wie „ein rotes Tuch“ oder „ein Dorn im Auge“.

Ich kann nicht sonderlich gut Französisch, und ich weiss nicht, wie der Ausdruck im Alltag verwendet wird. Im Zusammenhang mit dem Telefonieren scheinen mir diese Übersetzungen aber verharmlosend. Telefonieren reduziert Kommunikation auf Stimme und Laute – das ist für Normalhörende das Wesentliche und total effizient. Als ich noch gut hörte, habe ich halbe Nächte durchtelefoniert. Es war herrlich. Aber jetzt fällt für mich beim Telefonieren fast alles weg, was Kommunikation auch noch gelingen lassen kann: Mimik, Lippenbewegungen, Gestik, Situationskomik. Telefonieren konfrontiert mich mit meiner ganzen Unzulänglichkeit, und es ist dazu noch dröhnend anstrengend. Wenn ich „la bête noire“ lese, fällt mir ein, dass die Begegnung mit einem schwarzen Hund in der angelsächsischen Kultur etwas sehr Düsteres bedeutet: Der schwarze Hund gilt als Wächter am Tor zur Unterwelt, und wenn er uns auf der Strasse begegnet, begegnet uns eine Ahnung von Gefahr und Versagen. Das trifft es besser.

Mittlerweile habe ich gute Technologie zum Telefonieren, und mein neuer Computer im Büro hat eine super Akustik. Aber oft bringe ich mich mit Ausflüchten über die Runden, dann erledigen unsere Sekretärinnen das Nötigste. Man erreicht mich immer per E-Mail. Letzthin hatte ich einen Kunden, bei dem ich nach einigen E-Mails vermutete, dass er per Telefon einfach ein paar anzügliche Sprüche machen wollte. Ich liess mich ein paarmal verleugnen, bis mein Stellvertreter im Haus war. Dann sagte ich zur Sekretärin: „Wenn Herr P. wieder anruft, gebt ihm bitte meinen Stellvertreter. Ich finde, Herr P. sollte mit einem Mann telefonieren.“

Jungsein und die Pandemie


Frau Frogg (hier 17jährig). Ich mag mir gar nicht ausdenken, wie eine Quarantäne damals für mich gewesen wäre. Bild: Louis Brem

Die Jungen leiden am meisten in der Pandemie, heisst es jetzt immer wieder. „Was soll das Gejammer?!“ sagte ich (55) lange Zeit und klang dabei wie meine eisenharte Grossmutter selig. Aber dann fiel mir ein, dass ich selbst einmal jung gewesen bin. Und wie das damals war.

Schwierig wurde es, als ich zu studieren begann. Ich zog möglichst weit von zu Hause weg, in eine andere Stadt, und die ersten zwei, drei Wochen waren eine bodenlose Lese- und Denkorgie, ein einziges Freiheitsfest. Aber dann kam diese Angst. Ich kannte niemanden in der fernen Stadt, meine Schulfreundinnen studierten anderswo. An der Uni hatte ich nur 16 Stunden Präsenzzeit, das war damals normal. Ich war viel allein, und manchmal bekam ich panikartige Zustände. Später nannte ich sie „das gelbe Grauen“ – weil diese Zustände bei Sonnenschein, wenn man heiter und fröhlich hätte sein sollen, besonders besonders bedrohlich waren. Manchmal sass ich lange Zeit da und versuchte zu lesen. Aber kein einziger Satz fand den Weg durch diese Angst in mein Gehirn.

Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, nicht zuletzt, weil mir eine verständliche Sprache dafür fehlte. Noch heute ringe ich nach Worten, wenn ich diese Angst beschreiben soll. Vielleicht geht es so: Ich hatte panische Angst vor mir selbst. Ich hatte Angst vor etwas, was in mir drin sass und nicht normal, vielleicht nicht einmal menschlich war. Ich hatte Angst, dass es aus dem Versteck in mir drin herausspringen und für jede und jeden sofort sichtbar würde. Dass dann niemand mehr mit mir sprechen wollen, dass ich gänzlich von diesem Strudel des Wahnsinns verschlungen würde. Wie irr suchte ich die Gegenwart anderer Menschen, nur um diesem Strudel zu entkommen.

Wahrscheinlich hatten diese Ängste auch mit den Umständen zu tun, unter denen ich aufgewachsen bin. Mein Vater hatte damals erhebliche psychische Probleme. Seine Zustände prägten meine Teenagerjahre waren in den schlimmsten Zeiten während jedem Mittagessen Thema. Es waren Mahlzeiten voller innerer Loyalitätskonflikte. Hatte ich mehr Verständnis mit meinem leidenden Vater? Oder musste ich zu meiner Mutter halten, die oft nichts als Irritation über meinen Vater empfand und doch den Laden zusammenhielt? Man konnte meinem Vater gut zureden, dann verschwand der Irrsinn für eine Weile. Aber am nächsten Tag war er wieder da. Es waren Zustände, die sich nicht in diesem Rahmen lockerer Konversation spannen liessen, den wir zu Hause gegen jeden Wahnsinn der Welt kultivierten. Ich hatte Angst, die Verletzlichkeit meines Vaters geerbt zu haben und umso mehr Angst vor mir selbst.

Vielleicht aber hatte ich einfach Zustände, wie die meisten jungen Erwachsenen sie haben, wenn sie von zu Hause wegziehen. Denn wer ist schon in einer funktionalen Familie aufgewachsen? Für wen ist andauerndes Alleinsein nicht schwierig? Und wer hat manchmal nicht das Gefühl, dass da etwas sehr Bedrohliches in ihm drinsitzt? Bei mir dauerte es viele Jahre, bis ich mich sicher vor mir selbst fühlte.

Was aber wäre passiert, wenn ich in jener Zeit pandemiebedingt noch mehr alleine gewesen wäre? Was, wenn ich wieder zum meinen Eltern hätte ziehen müssen? Ich weiss es nicht, und ich weiss auch nicht, wie mein Leben dann verlaufen wäre. Sicher hätte mir der Kontakt mit Gleichaltrigen gefehlt.

Können wir als alte Säcke etwas tun? Das Leben der jungen Leute ist heute so viel anders als unseres es war. Aber vielleicht hilft es, wenn wir zugeben: Ja, es ist schwierig, es ist vielleicht auf eine unaussprechliche Art schwierig. Wenn ihr könnt, sprecht darüber. Wenn es halbwegs möglich ist, trefft Euch irgendwo. Sucht Hilfe, wenn es nicht mehr geht. Aber seid zuversichtlich: Die allermeisten von Euch werden einen Weg finden und einmal beinharte Grosseltern werden.

Im Bus

Heute nahm ich kurz den Bus. Ich hatte volle Einkaufstaschen und kam von der anderen Stadtseite. Noch drei Haltestellen, da beginnt die Frau neben mir zu husten. Sie steht ziemlich genau 1,5 Meter von mir entfernt, und das ist kein trockenes Maskenhüsteln, es ist ein richtiger, verdammter Hustenanfall.

In meinem Kopf beginnen zwei Personen laut zu streiten.
Mein Vor-Corona-Ich: „Jetzt schau diese alte Frau doch nicht so böse an! Sie ist bestimmt über 80. Wahrscheinlich hat sie Asthma. Die arme Frau!“
Mein neues Ich: „Denkste! Die Welt ist voller Covidioten. Mit einem solchen Husten hat sie in einem Bus nichts verloren.“
Mein altes Ich: „Wahrscheinlich ist sie allein und hat niemanden, der für sie einkauft und kein Auto. Nun mach doch nicht so einen Terror!“

Ich gehe diskret einen Schritt vorwärts und drücke den Halteknopf. Der Bus steht, aber vor einer Ampel, und zwar lange. Die Frau ist immer noch höchstens zwei Meter von mir entfernt und hat einen zweiten Hustenanfall. Mein neues Ich sieht Millionen von Viren an den Rändern ihrer Maske vorbei in meine Richtung dampfen.

Mein altes Ich: „Du wirst diese Frau jetzt nicht beschämen, indem Du im Bus nach hinten gehst!“
Mein neues Ich: „Doch, genau, das werde ich jetzt tun. Man nennt es Selbstschutz.“

Es ist ein Gelenkbus. Ich trage meine Taschen nach hinten. Genau in dem Moment, als ich auf dem Gelenk stehe, setzt sich der Bus in Fahrt und geht in die Kurve. Ich fliege mit meinen zwei Einkaufstaschen fast auf die Schnauze.

Mein altes Ich: „Geschieht Dir recht.“

Vorne hustet die Frau immer noch, als ich hinten aus dem Bus steige. Die letzten beiden Haltestellen lege ich zu Fuss zurück.

Königin, Sklavin, Siegestrophäe

Im Sandalenfilm „Troy“ (2004) wird die Beziehung zwischen Briseis und Achilles als Romanze dargestellt. Man kann das auch anders sehen.

Wir sitzen im Lockdown und wenden uns nach innen. Frau Frogg hat zum Glück genügend Lesestoff und vertieft sich in eine der ältesten Geschichten überhaupt.

Abends lese ich „Die Stille der Frauen“ von Pat Barker, einen Roman über den Trojanischen Krieg. Barker (78) hat preisgekrönte Romane über den Ersten Weltkrieg geschrieben. Man glaubt ihr, wenn sie über Kriegstraumata schreibt. Hier stützt sie sich auf die Iljas von Homer (800 vor Christus), erzählt die Geschichte aber weitgehend aus der Sicht der Sklavin Briseis. Die 18-Jährige war Königin einer Stadt nahe Troja, bevor Achilles mit seinen Leuten kam, die Mauern stürmte und alle Männer abschlachtete. Die Frauen nehmen sie als Siegestrophäen mit. Achilles bekommt Briseis. Was folgt, wird oft als Romanze dargestellt, eine handlungstreibende Romanze dazu, auch im Monumentalnepos „Troy“ von 2004 mit Brad Pitt. Aber für Briseis ist es keine Romanze. Für sie sind Achilles und seine Kumpanen Schlächter und sie deren Sexspielzeug und, für kurze Zeit, Statussymbol. Doch sie wahrt ihre Würde als wäre ihr Innerstes eingehüllt in einen undurchdringlichen Panzer. Ich weiss nicht, ob ich das könnte. Ich weiss nicht, ob ich in der Lage wäre, mich der Komplizität mit den neuen Herren zu enthalten. Es braucht dafür eine starke Persönlichkeit.

Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, denke ich mich nach Troja zurück, ich sehe die blassgrünen Wiesen, die Felsen und uns auf dem Schiff über die Dardanellen. Ich war dort 2008. Hier habe ich darüber gebloggt. Die Erinnerung fühlt sich traumartig an und leicht melancholisch. Über die Ausgrabungsstätte, die heute von den meisten für den Standort des antiken Troja gehalten wird, habe ich nicht geschrieben. Ein Steinhaufen halt. Ich erinnere mich nur, dass wir mit einem klapprigen Sammeltaxi voller Schafskot hinfuhren, und dass die Mauerreste gut beschriftet waren. Davor stand ein hölzernes Pferd. Ausser uns war niemand da.

Tags kämpfe ich mit Zielkonflikten. Das Virus prägt unseren Alltag. Soll ich zu Fuss zur Arbeit gehen? Ja, das wäre gut, dann muss ich nicht busfahren. Der Bus ist mir nicht ganz geheuer zurzeit. Aber ich muss auch mein Mittagessen von zu Hause mitnehmen, denn unsere Betriebskantine ist wegen Ansteckungsgefahr geschlossen. Soll ich wirklich jeden Morgen mein Kübelchen voller Essen die 40 Gehminuten über den Hügel tragen? Mein Arbeitsweg kommt mir jetzt vor wie eine Odyssee. Ist unsere Welt so klein geworden? Nun gut, das ist keine Katastrophe, James Joyce hatte für seinen Roman „Ulysses“ auch nicht das ganze Mittelmeer zur Verfügung, sondern nur die Stadt Dublin. Nur? In „Ulysses“ ist sie ein ganzes Universum.

Als ich den Fluss überquere, beginne ich erste Ideen zu wälzen. Davon aber später.

Trostfernsehen

Amateur-Archtitekt Basil Brown (Ralph Fiennes) wird in diesem Erdhügel einen phantastischen Fund machen – Szene aus „The Dig“.

Wir sitzen wieder mal im Lockdown und sehen uns epische Filme an. Trostfernsehen, nenne ich es. „The Dig“ (auf Netflix) passt besonders gut in diese Sparte.

Früh ihm Film hält ein Arzt Mrs. Pretty (Carey Mulligan) das Stetoskop an die Rippen und sagt: „Sie sollten sich nicht so viele Sorgen machen, Mrs. Pretty, sonst holen Sie sich noch ein Magengeschwür.“ Dann fügt er vorwurfsvoll hinzu: „You’re a worrier, Mrs. Pretty.“ Ich lachte gleich zweimal. Zuerst, weil wir das Thema doch eben erst hatten: Sonnige Gemüter werden nicht krank, Ihr erinnert Euch. Dann wegen des Wortes „worrier“. Ein nordenglisches Wort, das mein Freund, Herr Hooligan, mir beigebracht hat. „He’s a wurrier“, sagte er über einen Bekannten (das „u“ verdankte sich Herrn Hooligan’s Liverpooler Dialekt). Ich verstand unmittelbar, was er meinte: eine Person, die durch ständiges Grübeln die Lösung für ein Problem findet – und dann unverzüglich das nächste Problem, zum Weitergrübeln. Das ist lange her. Herr und Frau Hooligan sitzen jetzt in der Nähe von Cambridge, auch im Lockdown. „Es geht uns ganz gut“, schrieb er am 8. Januar.

Mrs. Pretty ahnt, dass es etwas Schlimmeres sein könnte als ein Hang zum Grübeln. Sie geht nach Hause, wo sie noch etwas Wichtiges zu erledigen hat. Da sind diese seltsamen Hügel auf ihrem Land. Etwas muss unter ihnen vergraben sein. Sie holt den Amateur-Archäologen Basil Brown, der es ausheben soll. Basil Brown wird gespielt von Ralph Fiennes, dem Schauspieler mit diesem hellen, schillernden Blick, der mich ein halbes Filmliebhaberinnenleben lang begleitet hat. Eine lange Reihe von Kameraleuten muss nach dem genau richtigen Licht für diese Augen gesucht haben, zuerst in „The English Patient“ (1996), später in den Harry Potter-Filmen, wo er den bösen Lord Voldemort spielte. Jetzt ist Fiennes merklich gealtert (huch, er ist ja nur drei Jahre älter als ich!) und meistens völlig verdreckt vom Graben. Aber da sind diese Augen. Unverkennbar.

Fiennes gibt oft den archetypischen Engländer, und „The Dig“ ist ein archetypisch englischer Film. Er fährt mit einer ganzen Armada anglophiler Klischees auf: diese noble Zurückhaltung, mit der man Demütigungen erträgt. Oder diese dicht unter der Oberfläche mottende Erotik. Das alles wird hier etwas zu dick aufgetragen, scheint dafür aber dem Untergang geweiht: Während Mr. Brown das archäologische Erbe Englands erforscht, donnern Flugzeuge über seinen Kopf und künden den drohenden Zweiten Weltkrieg an.

Die Engländer haben diesen Krieg immer als unerschöpflichen Fundus für grosse Heldenmythen gesehen. Ihre kollektive Erinnerung an diese Zeit des nationalen Zusammenhalts ist so positiv, dass sie sich dorthin zurückgewünscht und dafür den Brexit in Kauf genommen haben – ein furchterregendes Abenteuer mit Lastwagenstaus und Papierkriegen ohne Ende. Kinderkrankheiten nennt die britische Regierung all das, aber wir ahnen: Das Kind erholt sich vielleicht nie und steckt womöglich noch andere an. Vielleicht deshalb bringt der Flugzeuglärm in diesem neuen Film nichts Heroisches, sondern Angst und Tod und Behördenversagen. Ach, Gott, wie wir das alle kennen, nicht nur im Vereinigten Königreich.

Und dann fördert Basil Brown dieses phantastische, 1300 Jahre alte Schiff zutage – oder jedenfalls die Reste davon. Es ist die Grabstätte eines angelsächsischen Kriegers. Leider gibt es keine Filmstills davon – aber die Geschichte beruht auf einer archäologischen Sensation, die sich tatsächlich zugetragen hat, der Grabung von Sutton Hoo im Jahre 1939. Hier ein Bild von der echten Ausgrabungsstätte.

Das Schiff von Sutton Hoo. (Quelle: deutschlandfunk.de)

Es gibt im Film starke Bilder von diesem Schiff – ein filigranes Gefäss in der Erde als Symbol zugleich für unsere Vergänglichkeit und für etwas, was uns alle umfasst und birgt. Es ist sehr zerbrechlich, erhebt sich nur schwach aus dem Dreck, und ständig fällt Regen darauf. Ja, wir dürfen uns Sorgen machen, und am Schluss werden wir ein wenig weinen um Mrs. Pretty’s Gesundheit. Und trotzdem sind wir getröstet.

Über das Sterben

In der Schweiz starben in den letzten Monaten über 7000 Menschen an Covid-19. Wir denken hierzulande jetzt öfter über den Tod nach, auch ich. Aber ich habe darüber nichts als ein paar Fragmente.

Als meine Grossmutter Mitte achtzig war, hatte sie ein Schlägli*. Sie merkte es, weil sie den rechten Arm nicht mehr bewegen konnte. Sie lebte allein, Grossvater war lange tot, aber sie hatte eine liebevolle Beziehung zu Onkel Eugen. Sie nahm mit der linken Hand den Telefonhörer, klemmte ihn zwischen dem linken Ohr und der Schulter ein, tippte Eugens Nummer und schilderte ihm die Situation. Sofort schickte Eugen die Ambulanz vorbei.

Grossmutter überlebte, war aber halbseitig gelähmt. Ins Heim wollte sie auf keinen Fall. Sie blieb in ihrer vertrauten Wohnung, die sich innert weniger Jahre in ein übelriechendes Loch voller Fliegen verwandelte – trotz Spitex, Putzfrau und endlosen Waschtagen meiner Mutter. Wenn ich meine Grossmutter besuchte, sagte sie immer: „Weisst Du, damals wäre ich ganz leicht gestorben. Sterben ist ganz einfach.“ Sie sagte es ohne Bedauern. Sie wollte mir nur sagen, dass ich keine Angst haben solle. Sie wollte mich immer beschützen, Gott hab sie selig. Sie starb 2010, fast 90-jährig. Die letzten Tage verbrachte sie dann doch im Heim. «Ich will noch nicht sterben», soll sie zu Eugen gesagt haben, als die Pfleger sie in das Fahrzeug hievten, das sie dorthin brachte.

Meine Grossmutter war eine starke Frau, und wenn ich Angst hatte, habe ich mich manchmal mit dem Gedanken an diesen einen Satz beruhigt: «Weisst Du, Sterben ist ganz einfach.» Heute denke ich: «Aber wenn es so einfach war, warum hat sie dann den Telefonhörer in die Hand genommen und Rettung geholt? Warum hat sie nicht den Weg ins grosse Unbekannte gewählt, sondern das Vertraute, das Leben? Ich weiss es nicht, aber ich ahne: Ich würde dasselbe tun.

Gestern sass ich meinen Eltern gegenüber. Wir diskutierten über das Coronavirus. Ich bin für weitreichende Massnahmen. Meine Mutter, 79, wird etwas laut und sagt: «Also, ich will nicht streiten mit Dir. Aber meiner Meinung nach gehen die mit diesen Massnahmen einfach zu weit! Jetzt machen sie wieder die Läden zu! Ich meine: Immer sagen sie am Fernsehen, die Leute in den Altersheimen würden sterben wie die Fliegen, und das könne man nicht dulden. Aber schau doch mal, was diese alten Leute zum Teil noch für eine Lebensqualität haben!»

Ich sass verlegen da. Ich meine: Am Tisch sass auch mein Vater, bald 82. Seit Juni hat er abartige Schmerzen, er hat Krebs. Schon zum zweiten Mal versucht er sich an einer Chemotherapie, diesmal nützt es vielleicht.

Die Situation war merkwürdig surreal. Ich wusste nicht einmal, was ich denken, geschweige denn, was ich sagen sollte. Fast jede Aussage wäre besetzt gewesen mit Tabus oder Streitpotenzial, alles ungeeignet für den Krankenbesuch bei Kaffee und Kuchen. Ich schielte nachdenklich in die Maske, die ich bei ihnen jetzt immer trage und vertrat meine Meinung zur helvetischen Corona-Politik mit Beispielen, die nicht direkt die Lage im Hause Frogg tangierten.

Mein Vater ist immer ein fügsamer Mensch gewesen. Seine Lebensqualität ist im Moment bescheiden, um es vorsichtig auszudrücken. Und trotzdem: Wenn es ernst wird, tut er, was die Ärzte sagen. Er macht noch eine Therapie. Er wählt das Leben.

Ich zog ein stilles Fazit. Dass unsere Gesellschaft den Tod verdrängt? Ach Gott, das halte ich für ein albernes Klischee. Fakt ist: Sterben ist meist qualvoll, kein Wunder, dass niemand daran denken will. Vielmehr ist es so: Wenn der Tod naht, lügen wir uns in die Tasche. Die anderen dürfen sterben, ja. Wir nicht, auch wenn wir etwas anderes behaupten. Wir mögen unsere Würde verlieren, aber die allermeisten von uns wählen dennoch das Leben. Solange es irgendwie geht.

*Schweizerdeutsch für Hirnschlag.

Was dumme Leute über Schwerhörige sagen

Die Schriftstellerin Susan Sontag entlarvte unfaire Metaphern über Kranke und Krankheiten (Bild: Richard Avedon)

Jede chronisch kranke Person in der westlichen Hemisphäre kennt das Problem. Dumme Leute denken über sie: „Sie ist krank, weil sie eine negative Lebenseinstellung hat.“

Sie sagen auch: „Sie ist krank, weil sie zu wenig stark ist, ihr Leben zu ändern, um die Krankheit zu besiegen.“ Mit anderen Worten: Sie ist selbst schuld. Früher habe ich noch regelmässig über meine chronische Krankheit gebloggt. Damals habe ich solche oder ähnliche Statements oft in meinen Kommentaren lesen dürfen. Unterfüttert wurden sie auch mal mit Verweis auf das Buch „Krankheit als Weg“ von Rüdiger Dahlke und Thorwald Dethlefsen. Die beiden schreiben zum Beispiel: „Taub wird nur der, der für seine Innere Stimme schon lange taub ist.“

„Bin ich selbst schuld? Kann ich etwas an mir ändern, damit es mir besser geht?“ Mit diesen Fragen habe ich mich jahrelang beschäftigt. Ich habe Therapien gemacht und intensiv auf jede erdenkliche Regung gehorcht, die möglicherweise meine ungehörte innere Stimme hätte sein können. Nach zehn Jahren und fast vollständiger Ertaubung kann ich zusammenfassen: Solche Theorien sind Bockmist. Sie haben mein Leben wahrscheinlich schwieriger gemacht als es ohnehin schon war.

Seit wenigen Tagen kann ich den „Autoritäten“ Dahlke und Dethlefsen nun eine äusserst glaubwürdige literarische Stimme entgegenhalten. Ich habe „Krankheit als Metapher“ von Susan Sontag gelesen. Sontag war eine Ikone der New Yorker Kulturszene des ausgehenden 20. Jahrhunderts und erkrankte in den siebziger Jahren selbst an Brustkrebs. Über die Psychologisierung von Krankheiten findet sie klare Worte: „Theorien darüber, dass Krankheiten durch mentale Zustände ausgelöst und durch Willenskraft überwunden werden können, sind immer ein Gradmesser dafür, wie wenig man über das physische Terrain einer Krankheit weiss.“ Im 17. Jahrhundert habe man noch geglaubt, dass ein glücklicher Mensch die Pest nicht bekommen könne. Als man dann mehr wusste über Bakterien und Viren, seien solche Theorien verschwunden. Beziehungsweise: Sie hätten sich auf Krankheiten wie Krebs verlagert, über die man noch wenig wusste. Chronische Krankheiten wie Morbus Menière darf man sicherlich zu diesen Krankheiten zählen – auch wenn Susan Sontag sie nicht explizit erwähnt.

Sontag erforscht dann die Metaphern, die mit den Krankheiten wie Krebs einhergingen. Das ist inspirierende Lektüre und verleitet dazu, einen Blick auf die Metaphern der Taubheit zu werfen. Nehmen wir zum Beispiel den Satz von Dethlefsen: „Taub wird nur der, der für seine Innere Stimme schon lange taub ist.“ Das ist nur eine leicht gekünstelte Art zu sagen, dass der schwerhörige Mensch ein zerstörerisches Verhältnis zu sich selbst hat. Also das, was die Autoren über jeden kranken Menschen sagen, einfach ausgeschmückt mit etwas Poesialbumssprache.

Schauen wir eine andere, häufig verwendete Metapher von Taubheit an: „Er stiess mit seinem Anliegen auf taube Ohren.“ Sie ist in den Medien gebräuchlich, wenn einfache Bürger berechtigte Anliegen bei Machthabern nicht durchsetzen können. Diese Machthaber sind politische Amtsträger oder Journalistinnen, die sich verstecken, keine Zeit haben, desinteressiert oder rücksichtlos sind. Machthaber also, die ein ignorantes, ja, tyrannisches Verhältnis zum in der Regel hörenden Untertanen haben (verbreitete Redensarten werden ja vom Mainstream gemacht, und dieser besteht aus mehrheitlich gut hörenden Menschen).

Taubheit wird also nicht als Zumutung für die von Taubheit betroffene, sondern als Knechtung der hörenden Person verstanden.

Das offenbart zwar ein überraschend gutes Verständnis des Mainstreams für die Natur einer kommunikationsbehindernden Krankheit. Denn, ja: Taubheit behindert nicht nur die taube Person, sondern auch ihre Gesprächspartnerin. Nur finden sich schwerhörige Menschen selten in einer Machtposition. Meist hecheln sie in Gesprächen vielmehr angestrengt hinterher, voller Angst, etwas Wichtiges zu verpassen oder ganz den Faden zu verlieren. Ausserdem ist es ein Affront gegenüber meinen schlecht hörenden Kolleginnen und Kollegen, die ich grossmehrheitlich als sehr empathische Menschen erlebe.

Und: Es hat nach meiner Erfahrung auch schon geholfen, wenn sich von Machthabern übergangene Bürger mal gefragt haben: „Was könnte ich anders machen, damit ich gehört werde?“ Dasselbe gilt auch für Hörende, wenn sie mit schlecht Hörenden sprechen.

Susan Sontag: „Krankheit als Metapher und Aids und seine Metaphern“, Fischer Taschenbuch, 2003. Die Zitate hier im Blog habe ich aus der englischen Originalausgabe selbst übersetzt.

Fassungslos am Dreikönigstag

Auf einem Winterspaziergang fand ich am 6. Januar meinen glücklichsten Moment und mein eigenes, kleines Capitol.

Am Dreikönigstag hatte ich Streit mit meinem Mann – und sah kurz vor dem Zubettgehen eine der schlimmsten Nachrichten der letzten zwölf Monate.

Der Dreikönigstag ist ein Feiertag für Herrn T. und mich. Am Dreikönigstag vor 21 Jahren wurden wir ein Paar, weshalb wir den Dreikönigskuchen jedes Jahr auch in verschmitzter Erinnerung an unseren ersten Kuss verzehren. Nicht diesmal. Ich hatte den Kuchen zwar schon am Vorabend eingekauft. Aber am Morgen musste Herr T. früh aufbrechen. Er war bei der Serenissima zum Mittagessen eingeladen. Die Serenissima ist fast neunzig Jahre alt, die Seele einer jeden Party und fit wie ein Turnschuh. Auch ich war eingeladen, und ich wäre im Prinzip mitgegangen. Die Regel des Bundesrates für die Festtage lautete ja: „Maximal zehn Personen aus zwei Haushalten, Abstand halten und häufig lüften.“ Ich finde schon das fahrlässig, quasi die oberste Grenze. Aber die Serenissima hat meinen Schwiegervater in seinen letzten Lebensjahren sehr glücklich gemacht. Deshalb halten wir sie in Ehren und treffen sie ein- oder zweimal im Jahr.

Kurz vor dem Treffen sagte sie am Telefon zu Herrn T.: Nein, sie werde sich nicht gegen Covid-19 impfen lassen. „I bi doch kai Versuechskaninchen. I ha mis Leba glebt. Wenn’s vorbi isch, isch’s vorbi.“* Mir sträubten sich die Nackenhaare über so viel Ignoranz. Von früheren Diskussionen mit ihr weiss ich: Sie denkt, Krankheiten seien die Folge einer negativen Lebenseinstellung – mich als Menière-Patientin hat das schon früher gallig gemacht. Jetzt finde ich es geradezu lebensbedrohlich. „Bestimmt hat sie über die Festtage Dutzende von Leuten getroffen“, sagte ich zu Herrn T., „Vergiss es, ich komme nicht mit.“ Ich zog mich höflich aus der Affäre, aber Herr T. wollte gehen. Er versteht das Prinzip der exponentiellen Ausbreitung einer Krankheit sehr wohl. Aber wenn er zum Essen eingeladen wird, stellt er auf Durchzug.

Ich liess ihn gehen und machte einen Spaziergang. In einer leicht verschneiten, fast menschenleeren Landschaft fand ich Ruhe und ein liebliches Gartenhäuschen mit einer Kuppel.

„Und, wie war es? Habt Ihr Abstand gehalten?“ fragte ich ihn, als er gegen 18 Uhr zurückkam.

„So gut es eben ging“, sagte er. Es seien noch zwei weitere ältere Damen zu Besuch dagewesen.

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Also Personen aus vier Haushalten?“ fragte ich. Herr T. nickte.

„Was hätte ich denn tun sollen?“ fragt er. “ Etwa Davonlaufen?“

Bei mir brach das leicht cholerische Temperamt meines Grossvaters, Eugen Walholz, durch. „Klar doch!“ sagte ich heftig. „Diese Kuh bringt ja alle ihre Gäste in Lebensgefahr! Du gehörst jetzt in Quarantäne, und ich bin einfach nur dankbar, wenn Du in zehn Tagen gesund bist.“

Die Quarantäne sah dann so aus: Herr T. sass im Wohnzimmer und sah fern. Ich sass in meinem Zimmer ein und schaute „Bridgerton“ auf Netflix. Ich konnte etwas Eskapismus gut gebrauchen. Dazu chattete ich kurz mit meiner Freundin Helga. Kurz vor 22 Uhr trat ich nochmals aus meinem Zimmer, um gründlich durchzulüften und Herrn T. gute Nacht zu sagen. Da sah ich auf der Mattscheibe die Bilder aus dem Capitol in Washington. Herr T. und ich diskutierten aufgeregt, aber mit Abstand. Richtig einordnen liess sich das alles noch nicht. Ganz unerwartet kam es nicht, ausser offenbar für die Polizei in Washington. Und doch fühlte ich, wie mir die Welt um die Ohren flog.

Um 21:55 Uhr schrieb ich im Chat an meine Freundin: „Hast Du gesehen, Washington??!!“ und drei fassungslose Emojis.

Dann ging ich ins Bad, machte ein zweites Zahnglas bereit, um unsere Zahnbürsten zu trennen, und weinte ein bisschen.

*“Ich bin doch kein Versuchskaninchen. Ich habe mein Leben gelebt. Wenn’s vorbei ist, ist’s vorbei.“