1000 Seiten Hannah Arendt

Ich habe viele Winterstunden damit verbracht, „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendt zu lesen. Das Buch hat in meiner Ausgabe* 1014 Seiten. „Warum liest Du so etwas?“ fragt ihr mich. Nun, ich habe es gelesen, weil ich Angst hatte und habe. Ich habe Angst, dass die USA aufhören könnten, ein Rechtsstaat zu sein. Ich hatte Angst davor, dass die Covidskeptiker in der Schweiz die demokratischen Institutionen überrennen. Ich fragte mich: Wird es jetzt wie damals, in den dreissiger Jahren? Und in diesem Buch suchte ich Antworten, denn Hannah Arendt fragte unmittelbar in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg: „Was war geschehen? Warum war es geschehen? Wie konnte es geschehen?“ (S. 630) Sie hatte die Zeit des Nationalsozialismus als Deutsche, als Jüdin, als Geflüchtete, als Staatenlose und als Intellektuelle erlebt. 1949 war die erste Fassung des Buches fertig. Man liest so etwas heute, um die Zeichen an der Wand zu sehen, falls sie denn da sind. Um mit verhindern zu können, dass „es“ wieder geschieht.

Arendt wird oft als Philosophin bezeichnet. Aber diesem Buch fehlt die formale Stringenz eines philosophischen Textes. Sie schreibt vielmehr als beredte Zeitzeugin, „mit dem rückwärtsgerichteten Blick des Historikers und den analytischen Eifer des Politologen“ (630). Sie schreitet ins Feld der Rechtsphilosophie und bedient sich bei Literaten von Rudyard Kipling bis Franz Kafka, um das Lebensgefühl der Menschen früherer Jahrzehnte zu schildern. Ihr Stil ist selbstbewusst, gar herrisch, zuweilen bitterböse sarkastisch und ziemlich anschaulich (wenn man den einen oder anderen 15 Zeilen langen Satz nicht fürchtet).

Und? Wie totalitarismusgefährdet sind wir tatsächlich? Gibt es darauf Antworten? Jein. Wenn man das Buch so liest, sieht man durchaus Zeichen an der Wand, sehr beunruhigende sogar. Aber ihre Genauigkeit ist auch eine ständige Ermahnung, aus ein paar unzusammenhängenden Zeichen an der Wand nicht wirre Sätze abzuleiten.

Wer das Buch zum ersten Mal liest, einfach so drauflos, wie ich das mache, dann fühlt sich der Leseprozess an wie der Weg durch ein langes, tiefes Dickicht. Kaum bin ich auf der anderen Seite herausgekommen, möchte ich dieses Dickicht nochmals durchdringen. Ich möchte das Gestrüpp am Weg sorgfältig auseinandernehmen und mir die Früchte einverleiben, die ich dort beim ersten Lesen lediglich gesehen habe. Damit ich gestärkt die Zeichen an der Wand interpretieren kann.

Früher habe ich episch über meine Reisen in ferne Länder geschrieben. Jetzt nehme ich Euch ein bisschen mit auf den Weg durch das Dickicht dieses Buches. Ich weiss nicht, ob Ihr mitkommen wollt. Aber für Euch hat es den Vorteil, dass ihr schon eine Ahnung habt, worauf ihr Euch einlasst, falls ihr Euch mal selbst auf den Weg durch dieses Dickicht machen wollt. Und falls ihr es zwar gerne lesen würdet, aber zu dick findet: Dann habt ihr wenigstens eine ungefähre Ahnung, was darinsteht.

Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft“, Serie Piper, ungekürzte Taschenbuchausgabe, 7. AUflage, 2000.

8 Gedanken zu „1000 Seiten Hannah Arendt“

  1. Hannah Arendt habe ich (zufällig?) gerade letztes Jahr mal wieder quergelesen und war fast erschrocken, wie aktuell viele Fragestellungen und Gedanken sind, wie wenig sich im Grunde seither bewegt und verändert hat… wenn ich dieses Jahr, gerade vor dem Hintergrund der letzten Wochen, noch mal mehr bei ihr einsteige, wird sich das Erschrecken bestimmt noch mal deutlich verstärken… viele liebe Grüße von zora

    1. Oh, dann habe ich ja schon eine Leserin auf sicher (wobei ich gar noch nicht sicher weiss, ob ich das hier wirklich durchziehen kann, es ist ja doch ein gewaltiges Gebilde, dieses Buch)! Doch, ich glaube, es hat sich vieles verändert. Wir hatten riesige, positive Umwälzungen seither und in den EU-Staaten ja auch mehrheitlich demokratische Regierungen. Und: „Wir haben daher allen Grund, mit dem Wort ‚totalitär‘ sparsam umzugehen“, schreibt Arendt selbst auf Seite 363.

      Aber diese Vorliebe für die Lüge, wie wir sie bei Trump und auch bei vielen rechten Parteien in Europa beobachten, ist schon sehr beunruhigend.

      1. Ich hatte letztes Jahr vor allem ihre pädagogischen Schriften gelesen (und bei meinem Kommentar im Sinn); über ihr Verständnis von Autorität und die Voraussetzungen für die Entwicklung zum mündigen Bürger in einer demokratischen Gesellschaft… und da steckt vieles drin, von dem man sich heute noch wünschte, es würde sich mehr dahingehend entwickeln. Adorno ist diesbezüglich ja noch viel konkreter geworden… und im Grunde sind wir in dieser Hinsicht eben nicht viel weiter gekommen.

        Das Interview https://m.youtube.com/watch?v=J9SyTEUi6Kw kennst du bestimmt… falls nicht: was zum Genießen 😉

        1. Danke herzlich für den Link! Das ist grossartig (ich bewundere auch den Interviewer, der ihren verschlungenen Gedankengängen immer folgen oder ihnen jedenfalls adäquat begegnen kann). Arendt: „Männer wollen immer furchtbar gerne wirken. Ich will verstehen.“ Das spricht sehr unmittelbar zu mir. Ich gebrauche es für meine nächste Lebensbilanz.

          Was ihre pädagogischen Schriften betrifft: Damit bin ich leider gar nicht vertraut. Ich sehe schon: Je mehr ich von ihr lese, desto mehr müsste ich von ihr lesen. „Vita activa“ wäre eigentlich mein nächstes Ziel. Wie lautet der Titel der pädagogischen Schriften?

  2. Sie hat im Grunde nur wenig direkt Pädagogisches geschrieben; geht mehr um ihr Autoritätsverständnis und was positive Autorität ist. Dafür greift sie auf die griechische polis als Matrize zurück und entwickelt vor deren Kulisse ihren Autoritätsbegriff und was es braucht, damit der Mensch im öffentlichen Raum mündig werden kann.
    Dazu wirst du vor allem in den ersten Reden der „Vita activa“ fündig; ich fand das sehr spannend.
    Ansonsten gibt es noch „Die Krise in der Erziehung“, wo es ausnahmsweise mal konkret um pädagogische Fragen und Erziehungskonzepte geht.

    1. Danke für den Hinweis. Dann geht’s ja mit „Vita activa“ in die richtige Richtung. Aber zuerst schaue ich mir nochmals das Gespräch im Link von Dir fertig an. Es ist wirklich ganz wunderbar, und man versteht auch, wieso alle sagen, diese Frau sei ein so freundlicher Mensch gewesen.

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