Klappe halten

Hiermit künde ich an, dass ich nun mal eine Weile die Klappe halten werde. Ich meine: Es gibt im Moment rein gar nichts zu sagen. Soll ich etwa Entsetzen über das bekunden, was Putin mit der ukrainischen Bevölkerung macht? Natürlich bin entsetzt, aber diese Entsetzensbekundungen sind doch längst zum Feigenblatt der Putin-Versteher geworden. Sobald sich diese feinen Damen und Herren ihre Entsetzensbekundung gut sichtbar montiert haben, entblössen sie sich rundum mit „Ja, aber…“-Sätzen. Also: Ich trage lieber Kleider und bin einfach froh, dass die Schweiz jetzt unbürokratisch Flüchtlinge aufnehmen will.

In den sozialen Medien oder hier irgendwas über den Krieg schreiben? Närrisch, wir haben ja alle keine Ahnung.

In den sozialen Medien oder hier irgendwas anderes schreiben? Idiotisch.

Demonstrieren? Das mag uns guttun. Aber Putin lacht.

11 Gedanken zu „Klappe halten“

  1. Bitte nicht verstummen, werte Fröggin, angesichts des Schrecklichen, das gerade abgeht. Krieg ist voll bescheuert und dumm. Kein zivilisierter Mensch kann Krieg befürworten. Es gibt nur Verlierer und viel Leid.
    Ich war selbst an einer Friedensdemo (in Basel). Es kamen sehr viele. Und ob Putin darüber lacht oder nicht, ist mir völlig egal. Wichtig ist, dass wir ein Zeichen dagegen setzen – wie viele andere auch – weltweit. Auch in Russland gehen unzählige Menschen auf die Strasse. Sie wurden zu Tausenden verhaftet …
    Und ja, wir haben in unserer Komfortzone hier ja keine Ahnung, was Krieg bedeutet. Ich muss, ehrlich gesagt, meinen Erfahrungshorizont diesbezüglich auch nicht unbedingt erweitern … Drum werde ich alles tun, was Frieden und Leben fördert. Im Kleinen, klar! Doch das hat Bedeutung.
    Was, wenn wir alle verstummen? Ist das besser?

    1. Das Argument, dass wir uns mit den Russinnen und Russen, die gegen diesen Krieg sind und einiges riskieren, solidarisieren sollten – ja, das finde ich gut. Das habe ich so noch nicht mitbekommen. Liegt wohl auch daran, dass die Diskussionen der letzten Tage ein wenig an mir vorbeigegangen sind. Bei mir sind vor allem Putin-Versteher(innen) zugange, was per se eine rechte Nervenbelastung ist.

      Aber irgendwann werde ich hier schon wieder herumzusalbadern beginnen. Ich hatte nur gestern restlos die Hucke voll, auch von den Herumspekulierereien auf Twitter. Wirklich, ich lese dort zum Teil derartigen Schwachsinn, dass es mir den Hut lupfte (während der Pandemie war Twitter meine Rettung, ich redete oft vom „Trost-Twittern“, aber das hat sich jetzt geändert).

      Gestern Abend war ich dann auch noch kurz an einer Kundgebung, es waren ebenfalls viele Leute da. Ich kam etwas zu spät und konnte mich nicht mehr in die Nähe der Redner begeben. Nach einer halben Stunde, während der ich reingarnix verstand, hatte ich diesen schwerhörigentypischen Fluchtreflex, habe meinen Bekannten gute Nacht gesagt und bin nach Hause.

      1. Ich glaube nicht, dass Twitter bei diesem Thema ein gutes Informationsmittel ist. Schließlich kann sich auf diesem Kanal jeder anmelden und seine Meinung kundtun.
        Ganz zu Beginn des Internets hatte ich auch noch geglaubt, dass es ein Zeichen von freier Meinungsäußerung und funktionierender Demokratie sei, wenn jeder überall alles sagen kann, und das dann von jedem gelesen werden kann. Inzwischen bin ich da aber nicht mehr so sicher.

        1. Doch, Twitter ist ein gutes Medium für Experten-Informationen. Man muss nur wissen, wie man sie findet. Ich folge dort zum Beispiel vielen Schweizer EpidemiologInnen, und Schweizer Journalistinnen und Journalisten, die etwas zu sagen haben (und nicht immer nur ihre Berichte in Zeitungen verlinken, die ich sowieso lese). Ich war mit ihnen immer gut informiert und teils auch getröstet, weil ich nicht die einzige war, die sich über die Schweizer Coronapolitik ohne Ende aufregte. Nun muss ich noch herausfinden, welche Rüstungs- und Strategieexpertinnen eine Ahnung von Russland/der Ukraine/dem Krieg haben. Vielleicht finde ich dann etwas Sinnvolles. Eine oder zwei Personen habe ich schon gefunden, bin aber noch nicht sicher, ob sie mich überzeugen.

          1. Naja, das mit den Twitter-Experten ist so ähnlich wie Zeitung-Lesen oder Nachrichten-Hören. Da wird ja auch vorher alles doppelt und dreifach recherchiert und verifiziert, bevor es gedruckt und gesendet wird (mal von den Hitler-Tagebüchern und den Stories von Claas Relotius abgesehen).
            Es ist ja meistens so: wenn der Mensch von einem Thema überhaupt keine Ahnung hat, dann glaubt er zunächst einmal alles (oder auch gar nichts), was man ihm darüber erzählt. Die nächste Frage ist dann: Was erscheint glaubwürdig / wahrscheinlich?

          2. Ja, genau, da muss man auf Twitter zuerst herausfinden, wen man vertrauenswürdig findet. Und in dieser Phase bin ich jetzt. Bei der Pandemie war das ja noch verhältnismässig einfach – da kann man sich auf die namhaften Infektiologen verlassen. Bei einem Krieg dünkt es mich sehr viel schwieriger. Im Zweifel lese ich dann meine Zeitung, den „TagesAnzeiger“,die „NZZ“ oder den „Guardian“ (wobei deren Kriegsberichterstattung nichts für zarte Gemüter ist. Dort habe ich zum ersten Mal einen Text über Thermobarische Bomben gelesen, da wird Dir auch ohne Menière schwindlig). Aber zu diesen Blättern habe ich Vertrauen. Es können dort auch Fehler passieren, und sie sind alle auf irgendeine Art voreingenommen, das liegt in der Natur der Sache. Aber man weiss, was man hat.

          3. Ich habe gerade mal gegoogelt „Nirgends wird soviel gelogen wie…“ Ich vermutete „im Krieg“ – und hatte Recht.
            Weitere Treffer waren übrigens „vor der Wahl“, „nach der Jagd“ und „während des Bewerbungsgesprächs“.

          4. 😀 „nach der Jagd“ finde ich köstlich! Ja, das sagen sie immer: „Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit“. Ich habe mich auch schon gefragt, was das für uns jetzt heisst. Aber wenn ich so ein Foto von einer weinenden Babuschka in Mariupol in meiner Zeitung sehe, dann bricht es mir das Herz, und ich glaube nicht, dass ich es da mit irgendwelchen Deep Fakes zu tun habe. Mich empört am meisten die Tatsache, dass wir eigentlich sehr wenig tun können.

          5. Wenn das alles nicht so traurig wäre, könnte man es schon fast witzig finden, dass Despoten mehr Angst vor Worten als vor Waffen haben. Warum werden sonst Menschen mit Plakaten verhaftet und gewisse Berichterstattungen unter hohe Strafen gestellt?

  2. Ich weiß nicht, ob Putin nicht schon längst das Lachen vergangen ist. Er mag vielleicht militärisch gewinnen, aber ich wüsste nicht, wo er sich in Zukunft noch außerhalb von Sibirien blicken lassen kann. Für ihn und seine Entourage dürfte das „schöne Leben“ wohl vorbei sein.

    1. Ja, das habe ich mich später auch gefragt, ob er noch lacht. Der Beitrag gestern ist wohl auch am ehesten einer Stunde der Demoralisiertheit gestern Abend geschuldet. Heute sehe ich das wieder etwas anders.

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