Aperol Spritz intravenös

Chemotherapie sieht irgendwie ganz entspannt aus: Man sitzt in einem Lehnstuhl und von oben werden einem verschiedene Flüssigkeiten aus Beuteln in die Venen geträufelt. Ich bekomme Epirubicin und Cyclophosphamid und, nein, ich habe beide Medikamente nicht gegoogelt. Ich google nur das Nötigste, das ist eine Art Selbstschutz vor zu viel Krankheit. Eine der Flüssigkeiten ist orange. „Die Farbe von Aperol Spritz“, sagte Herr T., der neben mir auf der Fensterbank sitzt und zuschaut. Aperol Spritz trinken wir jeweils freitags, ein fröhliches Ritual zum Wochenabschluss. Im Moment geht das nicht, im besten Fall genehmigen wir uns ein Cüpli.

Herr T. unterzieht sich seinen Pflichten meist ohne zu motzen. Er kommt mit mir mit ins Spital, wenn es nötig ist – fast immer. Er hilft mir, die Ärztinnen und Ärzte zu verstehen. Aber ich beginne mich zu fragen, ob ein Mann eine Frau lieben kann, die ihren Aperol Spritz schon am Mittwoch und intravenös verabreicht bekommt.

Ich bin jetzt viel zu Hause und arbeite im Homeoffice. Meinem Chef, der mir das verdammte Schneckenhaus aufgesetzt hat, bin ich jetzt dankbar. Es läuft recht gut hier. Bei der Arbeit muss ich meine Kräfte vorsichtig einteilen. Meist fühle ich mich tiptop, aber manchmal kommt die Müdigkeit wie eine Wand. Wenn schwierige Kunden sich melden oder ein mühsamer Vorgesetzter, wird mir kurz ein bisschen übel. Noch habe ich meine Haare, es fallen mir nur auffallend viele Augenbrauen aus. Am Nachmittag kommen oft Freunde vorbei, und wir haben Spass.

Der Duft meiner Strasse

Balkon im ersten Stock eines Nachbarhauses, stets sorgfältig geschmückt, aber darunter müffelt es oft ein wenig.
Am Mittwoch gegen Mittag ging ich kurz in den Coop, einkaufen. Es war ein strahlender Maitag, und ich ging durch meine Strasse als wäre es zum letzten Mal. Beim Hofausgang, fiel mein Blick wie immer zuerst auf den Balkon im ersten Stock des gegenüberliegenden Hauses. Dort wohnt eine vermutlich ältere Person. Unter ihrem Balkon mieft es manchmal ein wenig, nach ungelüfteten Zimmern oder stehengebliebenem Essen. Oder sogar nach Kehricht, von der Sammelstelle gleich hinter mir. Aber die Person, die dort oben wohnt, lässt sich davon nicht beeindrucken, sondern verpasst ihrem Balkon zu jeder Jahreszeit einen neuen, fröhlichen Schmuck.

Schräg links liegt das trendige, tunesische Restaurant, heute umweht von einer Ahnung Hautpflegecreme. Interessante Note.

Jetzt erreiche ich die Bundesstrasse und muss mich entscheiden, ob ich sie überquere oder nicht. Ich beschliesse, auf der olfaktorisch vielversprechenderen Seite zu bleiben. Ich weiss nicht, ob ich morgen noch etwas riechen werde. Überhaupt weiss ich nicht, was morgen mit mir sein wird. Am Mittwochnachmittag werde ich meine erste Dosis Chemo bekommen, und das fühlt sich an, als würde mein Körper danach nicht mehr mir gehören. Als würde er eine Fabrik, in der giftige Flüssigkeiten mehr oder weniger wohldosiert von einem Gefäss zum anderen geträufelt werden. Manchmal werden ein paar heisse Tropfen über einen Gefässrand zischen und grünlichbraune, stinkende Blasen werfen. Niemand kann mir sagen, wie sich das genau anfühlen wird.

Das erste Haus ist die Nummer 24, wo es immer duftet, als wäre dort die Küche eines indischen Restaurants. Heute: wahrscheinlich Lime Chutney. Noch nie bin ich der Frage nachgegangen, woher dieser Duft kommt, denn Restaurant steht hier keines – aber auf den Klingelschildern des einen Hauses sehe ich die Namen zweier vermutlich tamilischer Bewohnerinnen oder Bewohner. Ich bin ihnen dankbar, dass sie hier etwas Stimmung machen. Ich hatte solches Fernweh in den letzten paar Wochen, aber daraus wird jetzt nichts – meine Strasse muss mir die Welt bleiben, in einen vollgestopften Zug werde ich mich nicht setzen, siehe reduzierte Immunnabwehr.

Nach 100 Metern überquere ich die Bundesstrasse dann doch. Schon auf dem Zebrastreifen werde ich vom Gurkenaroma in der Luft überrascht. Bietet die Bäckerei als schnelle Mittagsverpflegung auch Gurkensalate an? Oder ist es einer der neuen Läden in der 17 und 19, von denen ich nie sicher weiss, ob sie Boutiquen oder Cafés sind?

Im Helvetiagärtli haben die Kastanienbäume rote und weisse Kerzen dicht an dicht auf ihre Kronen gereiht. Duften die Blüten auch? Ja, ich glaube schon, ein ganz klein bisschen wenigstens. Erst wenn man näherkommt, merkt man es richtig, dann sticht der Blütenstaub sogar ein bisschen, fast zuoberst in der Nase.

Im Coop an der Habsburgerstrasse liegt der Geruch von aufgebackenem Blätterteig in der Luft. Der Lunch für die im Quartier arbeitenden Dienstleister und Studentinnen liegt schon auf den Wärmeplatten: Spinat- und Fleischweggen und Schinkengipfeli.

Auf dem Rückweg, zwischen Winkelriedstrasse und Helvetiagärtli, rieche ich nichts. Einfach nichts. Aber ich frage mich: Wenn jemand aus einem anderen Land hier durchkäme, würde er dann riechen, dass er in der Schweiz ist? So, wie ich immer gerochen habe, dass ich in England angekommen war – an dieser unverwechselbaren Mischung aus hölzernen Eisenbahnbohlen, Russ und chlorhaltigem Reinigungsmittel?

Das verdammte Schneckenhaus

Im Moment arbeite ich wieder fast so viel wie früher. Es hat bei der Onkologie einen Kurswechsel gegeben. Erst morgen werde ich erfahren, ob ich nun wirklich eine Chemotherapie machen sollte. Die Ärzte wollten weitere Gewebeproben machen. Die Resultate könnten zeigen, dass eine Hormontherapie reicht, um dem Krebs den Rest zu geben. Arbeiten tut mir gut in solchen Zeiten der Ungewissheit – manchmal fühlt sich beim Arbeiten viele Stunden lang alles vollkommen normal an, wie früher. Alle Ängste und all diese lästigen Gedanken, die sowieso nichts bringen, sind wie verpackt und weggeräumt.

Mein Wanderrucksack, 50 Zentimeter hoch, mit dem ich nun mein ganzes Büro täglich herumtrage. (Bild: ochsnersport.ch)
Ich ermüde nur schneller als vor der OP. Und dass ich neuerdings auch noch das verdammte Schneckenhäuschen herumtragen muss, empfinde ich als brandschwarze Zumutung. Beim verdammten Schneckenhäuschen handelt es sich um meinen Wanderrucksack, in dem ich mein Büro überall bei mir habe. Eigentlich ist mein Büro nur ein einziger, neuer Laptop, dazu kommt das Portmonee und der Schirm. Aber das verdammte Schneckenhäuschen kommt mir tonnenschwer vor, die Riemen des Rucksacks wie eine Zwangsjacke.

Ich gehe ja oft zu Fuss zur Arbeit, 40 Minuten von Tür zu Tür. So schütze ich mich einerseits vor Covid-19 – wir werden ja hierzulande hemmungslos durchseucht, auch die Maskenpflicht im Bus ist schon vor Wochen gefallen. Ganz bestimmt will ich eine allfällige Chemotherapie nicht mit aktivem Coronavirus antreten. Andererseits tue ich auf dem Arbeitsweg allerhand Dinge, die das Leben lebenswert machen: Blitzschnell das Handy zücken und fotografieren zum Beispiel; dabei auch mal in die Knie gehen; Umwege erproben; Hügel ersteigen. Alles fast nicht leistbar mit Schneckenhaus.

Eigentlich ist es merkwürdig, dass mir das Ding so verdammt sperrig vorkommt. Der Laptop ist lediglich 1,5 Kilo schwer, und beim Wandern mache ich ja auch Fotos. Es liegt vielleicht daran, dass das Gewicht auf meinen Rücken noch an meinen Narben zerrt. Oder daran, dass der schicke Laptop mit einer unschönen Diskussion mit meinem Chef kam. Kaum hatte ich ihm meine gesundheitlichen Probleme auseinandergesetzt, sagte er: „Du bekommst jetzt endlich auch so einen Laptop, wie alle anderen, denn Du musst jetzt auch im Homeoffice arbeiten können.“ Ich würde weiterhin lieber täglich ins Büro pilgern, und zwar unbeschwert. Während der Pandemie hat man das auch von mir verlangt. Wahrscheinlich hat der Chef recht, schon wegen der Sache mit Covid-19 im Bus. Aber die Art, wie das alles gelaufen ist, erfüllt mich trotzdem mit vernehmlichem Groll.

Das alles kann jedoch nicht hinreichend erklären, weshalb ich beim Herumtragen des Schneckenhäuschens so elend müde werde, dass ich manchmal schon noch einer halben Stunde Gehen kaum noch das Gleichgewicht halten kann. Ich frage mich, ob ich in dem verdammten Rucksack, nur unzureichend verpackt, auch alle diese Ängste und Gedanken herumschleppe, mit denen sich zu befassen sowieso nichts bringt.