Das verdammte Schneckenhaus

Im Moment arbeite ich wieder fast so viel wie früher. Es hat bei der Onkologie einen Kurswechsel gegeben. Erst morgen werde ich erfahren, ob ich nun wirklich eine Chemotherapie machen sollte. Die Ärzte wollten weitere Gewebeproben machen. Die Resultate könnten zeigen, dass eine Hormontherapie reicht, um dem Krebs den Rest zu geben. Arbeiten tut mir gut in solchen Zeiten der Ungewissheit – manchmal fühlt sich beim Arbeiten viele Stunden lang alles vollkommen normal an, wie früher. Alle Ängste und all diese lästigen Gedanken, die sowieso nichts bringen, sind wie verpackt und weggeräumt.

Mein Wanderrucksack, 50 Zentimeter hoch, mit dem ich nun mein ganzes Büro täglich herumtrage. (Bild: ochsnersport.ch)
Ich ermüde nur schneller als vor der OP. Und dass ich neuerdings auch noch das verdammte Schneckenhäuschen herumtragen muss, empfinde ich als brandschwarze Zumutung. Beim verdammten Schneckenhäuschen handelt es sich um meinen Wanderrucksack, in dem ich mein Büro überall bei mir habe. Eigentlich ist mein Büro nur ein einziger, neuer Laptop, dazu kommt das Portmonee und der Schirm. Aber das verdammte Schneckenhäuschen kommt mir tonnenschwer vor, die Riemen des Rucksacks wie eine Zwangsjacke.

Ich gehe ja oft zu Fuss zur Arbeit, 40 Minuten von Tür zu Tür. So schütze ich mich einerseits vor Covid-19 – wir werden ja hierzulande hemmungslos durchseucht, auch die Maskenpflicht im Bus ist schon vor Wochen gefallen. Ganz bestimmt will ich eine allfällige Chemotherapie nicht mit aktivem Coronavirus antreten. Andererseits tue ich auf dem Arbeitsweg allerhand Dinge, die das Leben lebenswert machen: Blitzschnell das Handy zücken und fotografieren zum Beispiel; dabei auch mal in die Knie gehen; Umwege erproben; Hügel ersteigen. Alles fast nicht leistbar mit Schneckenhaus.

Eigentlich ist es merkwürdig, dass mir das Ding so verdammt sperrig vorkommt. Der Laptop ist lediglich 1,5 Kilo schwer, und beim Wandern mache ich ja auch Fotos. Es liegt vielleicht daran, dass das Gewicht auf meinen Rücken noch an meinen Narben zerrt. Oder daran, dass der schicke Laptop mit einer unschönen Diskussion mit meinem Chef kam. Kaum hatte ich ihm meine gesundheitlichen Probleme auseinandergesetzt, sagte er: „Du bekommst jetzt endlich auch so einen Laptop, wie alle anderen, denn Du musst jetzt auch im Homeoffice arbeiten können.“ Ich würde weiterhin lieber täglich ins Büro pilgern, und zwar unbeschwert. Während der Pandemie hat man das auch von mir verlangt. Wahrscheinlich hat der Chef recht, schon wegen der Sache mit Covid-19 im Bus. Aber die Art, wie das alles gelaufen ist, erfüllt mich trotzdem mit vernehmlichem Groll.

Das alles kann jedoch nicht hinreichend erklären, weshalb ich beim Herumtragen des Schneckenhäuschens so elend müde werde, dass ich manchmal schon noch einer halben Stunde Gehen kaum noch das Gleichgewicht halten kann. Ich frage mich, ob ich in dem verdammten Rucksack, nur unzureichend verpackt, auch alle diese Ängste und Gedanken herumschleppe, mit denen sich zu befassen sowieso nichts bringt.

6 Gedanken zu „Das verdammte Schneckenhaus“

  1. Der Rucksack sieht ja eigentlich sehr praktisch aus. An dem kann’s wohl eher nicht liegen. Da liegt deine letztgenannte Vermutung doch nahe.. Ich drücke sehr die Daumen, dass dir morgen ein großer Teil von dieser Last genommen wird!!

  2. Für morgen drücke ich dir auch die Daumen! Fest!
    Nach einer Narkose und besonders nach einer Vollnarkose muss der Körper die Narkosegifte ausscheiden. Es handelt sich hierbei schließlich um Betäubungsgifte. Das geschieht sehr individuell. Ich habe schon von Anfang an gleich nach den Knie-Operationen diese Entgiftung unterstützt, aber trotzdem wurde ich nach der zweiten Operation, der Metallentfernung nämlich, noch hinfälliger als nach der ersten. Das zeichnet sich aus in gesteigerter Erschöpfung, Infektanfälligkeit, verringerter Hirntätigkeit und so weiter.
    Anfangs erwachst du aus der Narkose, und denkst ja, hey, mir geht’s ja ganz gut. Das war früher in den Neunzigern, noch nicht so. Da habe ich nach einem kleinen operativen Eingriff erstmal 24 Stunden wie tot geschlafen. Oder meiner Freundin Maria, der war es immer nach OPs längerfristig speiübel. Also sie hatte wirklich den Eimer…🤢
    Wie gesagt, diese bleierne Erschöpfung kann unterschiedlich lange anhalten, und du kannst auf unterschiedliche Art und Weise dagegen vorgehen. Frag mich einfach…

    Dies alles hätte ich dir eigentlich zu deinem Beitrag mit dem Titel „Narkose“ hinzufügen sollen oder wollen, aber es sollte wohl nicht sein … 🤔

  3. Danke Dir, liebe Edith! Ja, es kann sein, dass die Narkose noch nachwirkt, das wäre eine Erklärung, die mich irgendwie erleichtern würde. Danke auch für den Tipp, dass man der Entgiftung nachhelfen kann. Wenn es dafür Methoden gibt, bei denen man keine alternativmedizinischen HeilerInnen aufsuchen oder irgendwelchen Tinkturen nachrennen muss, bin ich dafür sehr dankbar. Alles andere würde mich im Moment zu sehr anstrengen, fürchte ich.

    Meine Mutter hat mir auch erzählt, dass Vollnarkosen früher eine echte Qual waren. Es tut mir leid, dass Dich Deine Knieoperationen derart mitgenommen haben. Ist ja auch keine einfache Sache…

    1. Danke dir, nur kurz jetzt, aus Zeitnot wie immer, ich muss schauen, ob ich noch mal irgendwo in die Kommentare bei Dir rein gelangen kann. Daher also erstmal dieser einfacher Rat, wozu du im Übrigen tatsächlich keinen Heilerinnen oder komplizierten Mixturen nachzulaufen brauchst: alles was für die Leber gut ist, bringt dich jetzt weiter. Da reicht schon ein mindestens zehn minütiges Nickerchen in der Horizontalen, auf den Bauch in Leberhöhe möglichst etwas Warmes legen. Ein Wickel wäre natürlich genial, aber ich habe auch immer nur einfach eine Wärmflasche darauf gelegt. Für die Nieren gilt ganz klar: jede Menge Wasser trinken. Eingehenderes von mir gerne beizeiten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.