Wutanfall am Infusionsständer

Bei der zweiten Dosis Aperol Spritz intravenös gab ich versehentlich dem Infusionsständer einen Schubs, dass es klirrte. Ich bat den netten Pfleger um Entschuldigung. „Ach, solange sie das Ding nicht wütend von sich schleudern und alle Schläuche herausreissen, ist das doch kein Problem!“ sagt er. Ich schaue ihn ungläubig an. Warum sollte ich denn hier eine solche Show abziehen?! Ich meine, sie wollen einen doch heilen auf der Onkologie, nicht quälen. Auch wenn es annähernd auf dasselbe herauskommt, das vergisst man doch nicht!

„Ja, das staunen Sie, aber das ist alles schon vorgekommen“, sagt der Pfleger. Aha. Wir murmeln etwas über Krebs als lebensveränderndes Ereignis, und dass damit nicht jeder einfach so klarkomme. Später gehe ich nach Hause und vergesse das alles. Bis ich am dritten Tag danach wieder mal am Tiefpunkt ankomme. Ich meine, das ganze Salben, Spülen und Medikamenteschlucken zur Linderung der Nebenwirkungen ist ja allein ein 50-Prozent-Job. Dazu erträgt man seinen eigenen Geruch nicht mehr, diese Mischung aus Pharma, Schweiss und Todesangst. Und dann hat man Zeit, alles im Internet zu recherchieren, was einen so plagt. Wenn man gewisse Symptome in die Suchmaske eingibt, diagnostiziert Dr. Google dann auch mal eine Leberzirrhose. 20 Tage lang kämpft man sich aus diesem Loch heraus, sieht wieder Sonnenschein und grüne Wiesen – um am 21. Tag wieder einen Nachmittag am Infusionsständer zu verbringen. Plötzlich verstand ich, dass man darob ins Infusionsständerherumschleudern verfallen kann.

Was mich an jenem Tag gerettet hat? Ich fand einen Krimiklassiker im Büchergestell, Eric Ambler’s „Maske des Dimitrios“. Während der Held immer tiefer in den Bannkreis gewissenloser Verbrecher gerät, bleibt die Sprache des Buches stets über der Sache – knapp, pragmatisch und oft durchtränkt von einer wunderbaren Ironie. Zudem gibt es darin hübschen Lokalkolorit aus Istanbul, Izmir, Sofia und Paris. Ein bisschen wie wie ein alter James Bond, nur ohne das Geknalle. Die Leberzirrhose vertrieb Herr T. innert weniger Tage mit seiner ausgezeichneten Küche. Ich goss die Blumen auf unserem Balkon. Ich traf meine Freundinnen. Und wenig später arbeitete ich wieder, layoutete Seiten und parierte die Empfindlichkeiten merkwürdiger Kunden. Ich muss gestehen, dass ich etwas weniger Geduld mit diesen Empfindlichkeiten habe als sonst. Aber Seiten layouten ist etwas Wunderbares. Das Gesetz des Lebens ist stark in mir.

Jedenfalls bis nächsten Mittwoch. Dann kommt wieder so ein Nachmittag am Infusionsständer.

4 Gedanken zu „Wutanfall am Infusionsständer“

  1. Was für eine Tortur! Ist dir auch so übel? Ach menno… mir fehlen jetzt doch tatsächlich die Worte. Wortlos war ich bei den Freundinnen auch immer, aber die konnte ich wenigsten tröstend in den Arm nehmen.

    1. Ach, Piri, das ist lieb von Dir! Aber mach Dir nicht zu viele Sorgen. Es geht schon wieder gut, ich gehe spazieren und geniesse es, dass mein Basilikum endlich wächst 🙂 Übel ist mir jeweils am Anfang, ein bisschen, jetzt esse ich schon wieder mit viel Appetit.

  2. Liebe Frau Frogg,
    ich lese von jeher gern deinen Blog und daran ändert auch der derzeit regelmäßige Aperol-Spritz-Konsum nichts. Dass du trotz alledem nicht aufgehört hast zu schreiben, finde ich mutig, gut und wichtig.
    Immer wieder denke ich an dich und hoffe dann stets, dass du diese Zeit gut durchstehst und dich mindestens am gedeihenden Basilikum freuen kannst.
    Herzliche Grüße von Natascha

    1. Liebe Natascha, ganz herzlichen Dank für Deinen mitfühlenden Kommentar. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Gestern hatte ich etwas Zeit, Deinen Blog wieder mal richtig nachzulesen. Da habe ich gesehen, dass Euer kleiner Haushalt auch gerade eine Menge durchmacht. Ich schreckte ein wenig davor zurück, gute Wünsche zu schicken, weil Du es ja nicht so mit dem Wünschen hast. Aber ich werde – gerne, wie ich das immer mal wieder tue – nachlesen, wie Euch geht, in der Hoffnung, dass das Gute wieder zu Euch kommt, ohne, dass Ihr Euch allzusehr anstrengen müsst. Und dass die grosse Reise dann klappt!

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