Alteisen und künstliche Intelligenz

Einmal im Jahr noch sehe ich Veronika, weil ihr Sohn Tim mein Patensohn ist. Ich begegne ihr jeweils, wenn ich ihm am ersten Weihnachtstag sein Geschenk überbringe. Er wird bald 18. Sie arbeitet mit 57 an ihrer Doktorarbeit und redete mir an unserem halbstündigen Treffen die Ohren voll über künstliche Intelligenz.

Selten fühle ich mich jeweils so sehr zum alten Eisen versetzt wie bei diesen jährlichen, kurzen Treffen mit Veronika. Ich meine: Seit Jahr und Tag versehe ich, auch 57, ein- und denselben Job. In meinen Lebensumständen die Stelle wechseln zu wollen, wäre – vorsichtig ausgedrückt – bekloppt. Daneben spaziere, fotografiere und meditiere ich, ohne grössere Ambitionen. Einfach, weil es mich glücklich macht. Jaja, künstliche Intelligenz habe ich auch schon ausprobiert. Ich bin ja auch noch Hobby-Schriftstellerin.

Aber wenn Veronika zu mir spricht, dann fühle ich mich abgehängt wie ein rostender Bahnwaggon auf einem Abstellgleis – ein Memento des Industriezeitalters inmitten herumsausender Bytes und Bits. Und wer „Memento“ denkt, denkt auch gleich „memento mori“ – vergiss nicht, dass Du sterben wirst. Ob sich meine früheren Freundinnen an ihre Hinfälligkeit erinnern, wenn sie mich sehen?

Zum Glück fand ich wenig später ersten Trost bei meinem Lieblingskolumnisten Daniel Binswanger in der „Republik“. Sein Text vom 7. Januar, Die Ökologie des Verschwendens, ist ein einziger Aufruf dazu, den zweckfreien Genuss wieder zu erlernen. Denn nur wenn wir uns der kapitalistischen Logik des ständigen persönlichen und materiellen Maximaleinsatzes entzögen, könnten wir die Welt vor dem Klimakollaps retten, so seine These: „Um Ressourcen zu sparen, müssen wir wieder lernen, zu verschwenden: unsere Zeit. Wir müssen die Welt so annehmen, wie sie ist. Bei ihr verweilen. Um sie zu betrachten und zu feiern.“ Das ist ja ungefähr das, was ich tue. Und es hat also durchaus einen Sinn. Es ist eigentlich sogar das einzig richtige.

Ich wollte mir aber beweisen, dass ich dennoch auf der Höhe der Zeit stehe und befragte künstliche Intelligenz zum Thema, genauer, GPT-3, hier zu finden. Ich frage: „Gehören Menschen ab 57 zum alten Eisen, wenn sie seit Jahren den gleichen Job haben?“

GPT-3 antwortet spitz: „Nein, das denken nur diejenigen, die selbst alt und eingeschlafen sind.“

6 Gedanken zu „Alteisen und künstliche Intelligenz“

  1. Danke für den Link zu GPT-3 beziehungsweise zum Artikel darüber im Tagesspiegel. Hab’s gleich ausprobiert und fand das Ergebnis auch sehr gut. Von „ChatGPT“ hatte ich schon mehrfach gehört und gelesen, werde mich mal genauer damit befassen. Dank und liebe Grüsse!

    1. 🙂 Ja, ich wollte mir eigentlich auch Chat-GPT vorknöpfen heute, aber ich war zu faul für den Download. Die Antwort von GPT-3 ist unerwartet hinterlistig, wenn man es sich richtig überlegt 🙂

  2. Sehr schön! Jetzt sitze ich hier und feiere erst mal die Welt, nachdem ich eben Ihren kleinen Bericht las. Danke! Obgleich ich die Steuer ’22 fertig machen sollte. Mein tumbes Argument ggü. tech-affinen Jüngeren (oder Gleichaltrigen, die ja wie ich auch noch Telefon-Wählscheiben kennen…) werde ich derweil trotzig beibehalten: „Und wenn der Strom ausfällt?“ Dann lachen immer alle, auch ich. Sowas sollte mal die KI antworten, da wär‘ was los! / Herzliche Grüße!

    1. Danke für den Besuch, Herr Schneck! Sehr erfreut. Nun, dass der Weltgenuss angesichts der Steuer 22 besonders lockt – das wird wohl auch bei mir dann noch der Fall sein, wenn es bald soweit ist. Vielleicht ist jeder Zeitpunkt für den Weltgenuss günstig – aber die Steuer-Prokrastination wohl nicht die allergünstigste. Dennoch: Viel Spass beim Weltgenuss!

  3. Ich staune, die künstliche Intelligenz bei Chat-GPT scheint im Hintergrund sehr kluge und weise Macher zu haben. Ich habe provokativ gefragt:“Bin ich doof, weil ich hier nichts kapiere?“ Antwort:
    „Es ist nicht notwendig, sich selbst als „doof“ zu bezeichnen, nur weil Sie Schwierigkeiten haben, etwas zu verstehen. Jeder hat manchmal Schwierigkeiten beim Verstehen von neuen Informationen oder Konzepten. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um Dinge zu erforschen und Fragen zu stellen, wenn man etwas nicht versteht.“ Sehr freundliche Antwort, aber sie macht mich auch fassungslos. Ich stelle mir vor, wie man solche KI-Fähigkeit auch schändlich missbrauchen kann, um Menschen zu manipulieren.

  4. Nun ja, es ist ja der Roboter, der solche Antworten gibt, und er scheint darauf programmiert zu sein, Selbstzweifel zu erkennen und zu zerstreuen. Bei mir hat er das ja auch gemacht (oder etwas Ähnliches). Aber es ist schon sehr beunruhigend, dass diese Maschinen nicht nur den Inhalt, sondern auch den Gestus einer Frage erkennen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert