Kaffeepflanze

Erstaunliche Früchtchen in Frogg Hall.

Es ist nun bald fünf Jahre her, dass wir an die Vrenelisgärtlistrasse zogen. Zum Wohnungswechsel bekam ich damals von einer Arbeitskollegin eine kleine Kaffeestaude geschenkt. Das Sträuchlein war dekorativ in eine Kaffeetasse gepflanzt. Ich spottete: „Wenn wir die ersten Kaffeebohnen ernten, lade ich Dich zu Kaffee und Kuchen ein.“ Ich ging davon aus, dass die Pflanze wachsen und Blätter tragen würde. Aber Früchte?! Das gibt’s doch nur in den Tropen.

Die Pflanze stand am Nordfenster und wuchs und trug Blätter und ist ein Süffel. Ich muss sie mindestens zweimal in der Woche giessen. Auch umgetopft wollte sie werden, mehrmals. Mittlerweile steht sie in einem Kübel mit 27 Zentimetern Durchmesser und ist 90 Zentimeter hoch. Genauer angeschaut habe ich sie selten, sie war halt einfach ein Blätterhaufen. Sie muss aber geblüht haben, denn vor etwa einem halben Jahr entdeckte ich zwei, drei kleine, blassgrüne Früchtchen an ihr. Ich jauchzte: „Schau mal Herr T.! Kaffeebeeren!“ Mittlerweile weiss ich, dass sie nicht Beeren, sondern Kirschen heissen und habe an einem Ast neue Blüten entdeckt. Nun habe ich neue Fragen: Was für ein Insekt befruchtet wohl diese Blüten? Waren es die Obstfliegen, gegen die wir ständig kämpfen? Wie weiss man, wenn Kaffeekirschen reif sind? Wie erntet man sie? Kann man sie lagern? Kann man sie selbst rösten? Wie viele Bohnen braucht es für eine Tasse Kaffee? Falls jemand mehr weiss: Bitte antworten!

Glücklich

Er lächelte, ich auch.

Am vergangenen Samstag, 14.15 Uhr, packte ich meine Kamera ein und eilte an die Strassenfasnacht. Ich liess mich von der Menschenmenge treiben und knipste. Und lächelte. Und knipste. Schaltete die Hörgeräte aus und hörte nur noch ferne Rhythmen, keinerlei Lärm. Nach einer Stunde wusste ich: Ich bin genau jetzt der glücklichste Mensch auf der Welt. Ich muss gar nichts. Ich muss keinen Mann suchen, der sich mir an den Hals wirft wie als ich 16 war. Ich muss nicht meine Kreativität unter Beweis stellen wie mit 22. Ich muss die Fasnacht nicht zu meinem Beruf machen und tagelang konfettibedruckte Seiten zutexten wie mit 35. Ich kann genau das tun, was ich an der Fasnacht am liebsten tue. Ich kann zuschauen und diese leicht surrealen Momente geniessen, in denen der Alltag dem Ausnahmezustand weicht – oder umgekehrt.

„Verkauf bitte meine Bitcoins, und zwar sofort.“

Bei der Brücke steht ein unten als Clown verkleideter Mann – und spricht oben so dringlich ins Handy, als würde er zu seinem Gesprächspartner sagen: „Bitte verkauf meine Bitcoins, und zwar sofort!“ Oder da sind diese beiden kleinen, drahtigen Frauen im kleidsamen Matrosenkostüm. Ihnen winken zwei aufwändig und wunderschön herausgeputzte Piraten in mittleren Jahren zu – „hallo, winkt doch zurück, wir sind schliesslich auch in der Hochseeschifffahrt tätig!“ Ich konnte sehen, wie die beiden Frauen nicht sicher waren, ob sie belästigt wurden, oder ob es einfach Spass war. Sie entschieden sich nach kurzem Zögern für „einfach Spass“ und winkten zurück. Ich schaute und hatte keine einzige Sorge auf der Welt. Und als mir nach einer Stunde das Gedränge unangenehm wurde, konnte ich einfach nach Hause gehen und ein Buch lesen – und das war dann auch schön.

Der literarische Tod und der echte Tod

Mein Vater hat nun ein Zimmer im Heim am Talgrund und findet dort allmählich etwas Ruhe. In den letzten Wochen war er eine ständige, oft auf ganz neue Art liebenswürdige Präsenz in unserem Leben. Jetzt haben der Krebs, die Demenz und der Heimalltag ihn bei der Hand genommen. Es scheint oft schwierig, ihm dorthin zu folgen, wo er gerade ist. In diesen Tagen bezweifle ich oft, dass sein Tod so sein wird, wie wir Tode hundertfach gelesen und am Fernsehen gesehen haben: Der oder die Sterbende blutet, spricht ein letztes, handlungstreibendes Wort, dann kippt sein Kopf zurück, seine Augen brechen.

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Der Zufall will es, dass ich dieser Tage die letzten Kapitel eines Buches las, das mir eine sehr liebe Freundin ausgeliehen hat: „Rainer Maria Rilkes Schweizerjahre“ von Jean-Rodolphe von Salis. Einige Grundkenntnisse über Rilke gehören immer noch zur deutschsprachigen Allgemeinbildung. Der Autor des Buches, Jean-Rodolphe von Salis, ist hingegen nicht mehr so präsent. Aber er war einer der bedeutendsten Journalisten der Schweiz im 20. Jahrhundert. Von Salis hatte in jungen Jahren Rilke noch persönlich kennengelernt. Die letzten Kapitel seines Buches enthalten eine mitfühlende Schilderung der Krankheitsjahre, die Rilke grösstenteils in der Schweiz verbrachte. Rilke starb an einem Blutkrebs, der jenem meines Vaters ähnlich ist. Deshalb sind mir die letzten Kapitel des Werkes besonders nahe gegangen. Von Salis scheinen ähnliche Fragen beschäftigt zu haben wie mich gerade. War der Tod dieses Literaten so wie er sich selbst den Tod vorgestellt hatte? Sicher dürfe man diesen Tod nicht mit Bildern beschreiben, die dem Werk des Dichters entnommen seien, das verbiete der Anstand, die Scham „vor dem Unaussprechlichen“, schreibt von Salis.

Aber wie hat Rilke selbst es gehalten? Von Salis: „Der Mann, der seit jungen Jahren als Dichter des Leidens und des Todes hervorgetreten war, vermied soviel wie möglich die Aussprache über die grossen Rätsel, als sie sich seiner eigenen Existenz bemächtigten.“ Und: „Es ist auffallend, dass er in seinem letzten Jahren und in seinen reifsten Werken die berühmten alten Bilder nie mehr brauchte, die er einst im Malte-Roman und im Stundenbuch geprägt hat, um den Tod zu bezeichnen.“ Rilke glaubte offenbar auch bis fast zuletzt daran, dass er wieder gesund werde – in dieser Hinsicht ist ihm mein Vater nicht unähnlich. Von Salis zieht das Fazit: „Es war keine literarische Krankheit und kein literarischer Tod, die sich Rilkes bemächtigt haben, und er erlitt beide als ein mannhafter, tapferer Mensch.“ (S.216)

Wie man den Fehlerteufel besänftigt (hoffentlich)

Wer denkt, der Fehlerteufel Titivillus (am linken Bildrand) habe nur mittelalterliche Scribenten geplagt, täuscht sich (Quelle: Wikipedia)

Warum machen wir Fehler? Das ist eine Frage, die mich schon lange beschäftigt (auch hier nachzulesen). Mich interessieren vor allem jene, von denen wir sehr genau wissen, dass sie uns nicht passieren dürfen. So genau, dass wir präzise Vorkehrungen getroffen haben, um sie zu vermeiden. Und trotzdem passieren sie uns. Als hätte ein Dämon unsere Hand geführt. Wir Zeitungsmacherinnen der alten Schule kennen solche Vorkommnisse nur zu gut. Auf einer fertigen Seite alles Wesentliche nochmals kontrolliert – und dann doch in einer Bildlegende einen Namen verwechselt; in der Nachrichtenspalte eine uralte Nachricht aus dem Stehsatz nochmals veröffentlicht. Das klingt harmlos. Aber je nach Art und Relevanz des Lapsus konnte eine solche Panne früher Leserbrief-Shitstorms auslösen. Oder seine Urheberin entschuldigte sich danach tagelang telefonisch bei Menschen, die sich – oft verständlicherweise – beleidigt fühlten. Ja, solche Ausrutscher konnten Karrieren beenden.

Auch bei mir hat eine Häufung solcher Fehler vor 15 Jahren einen beschämenden Karriereknick verursacht. Sie passierten trotz mit der Zeit geradezu panischer Kontrollen. Sie schienen auf einen unhaltbaren Zustand in mir drin zu verweisen, den ich nicht verstand. Erst im letzten Herbst habe ich mich mit dieser finsteren Phase meiner Laufbahn versöhnt, als mich ein gewisser Tarcisius Schelbert aus Weggis (hier sein köstlicher Leserbrief) mit dem Dämon aller Schreibtischtäter bekanntmachte, dem Titivillus. Dass ein Gehilfe des Teufels bei solchen Fehlleistungen seine Finger drin hat – und dass schon die Scribenten des Mittalalters diesen kannten – schien mir keine billige Entschuldigung zu sein. Es half mir, meine Unzulänglichkeiten von damals gelassener zu sehen.

„Dieser Dämon hat Humor“, schreibt Schelbert und weist darauf hin, dass aus „Unfällen“ in der Hektik des Tagesgeschäfts schnell „Umfälle“ werden. Und er gibt Anleitung zum Umgang mit dem Titivillus:  „Also, wir Texter, Männer und Frauen, müssen den Titivillus besänftigen. Ich opfere ihm deshalb eine Flasche Wein. Man muss seine Feinde lieben, vielleicht schadet das ihnen. Viva!“

Dieser Tage machte meine Nichte Marie-Christiane (23) an einer wichtigen Prüfung an der Uni erste Bekanntschaft mit dem Titivillus. Ich werde hier keine Einzelheiten ausbreiten. Nur, dass sie infolge eines Versehens als Betrügerin dasteht, was die erfolgsverwöhnte und äusserst korrekte, junge Frau zutiefst erschüttert hat. Ich bin sicher, dass sie sich retten kann. Aber ich opfere hiermit einen Sonntagmorgen, indem ich dem Titivillus eine Huldigung schreibe. Möge er damit zufrieden sein und von meiner Nichte für lange Zeit ablassen. Und möge Marie-Christiane in zehn Jahren über den Aufruhr von heute lachen können.

Lebenszeichen

Etwas verspätet wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern ein glückliches 2024.

Einige von Euch werden hier die Fortsetzung meines Luzerner Stadtrundganges erwarten oder wenigstens einen Rapport über die mit unseren englischen Freunden verbrachten Feiertage. Aber dafür fehlt mir im Moment die Musse. Mein Vater braucht mich mehr denn je, seit er Anfang Dezember an Covid-19 erkrankte. Durch eine Krebserkrankung bereits geschwächt, erlitt er während der Konvaleszenz einen schweren Sturz. Seither machen wir Bekanntschaft mit den Stärken und Schwächen des schweizerischen Gesundheitswesens. Und mit den Stärken und Schwächen unserer Planung für seinen letzten Lebensabschnitt. Wir – das sind immer noch in erster Linie meine Mutter, die sich in diesen Tagen mit ihren bald 82 Jahren als höchst führungsstark erweist. Aus zwei Fahrstunden Entfernung mein Bruder, der gelegentlich wie ein Deus Ex Machina herbeigerauscht kommt. Und ich. Ich besuche meinen Pa, so oft ich kann, wo immer er gerade ist. Er hat bereits drei Ortswechsel hinter sich, ein vierter liess sich gerade noch verhindern. Jeder riss ihn von Neuem in einen Strudel der Verwirrung und Unruhe, aus dem er jeweils nur sehr langsam wieder aufsteigt.

Die Hooligans waren hier, und wir hatten grossartige, auch sehr verbindende Momente. Aber Frau Frogg glänzte öfter mit Abwesenheit. „Never a dull moment“, schrieb Herr Hooligan in seiner Dankesmail – uns wurde nie langweilig. Eine Redensart, die auch ironische Untertöne hat, im Sinne von: „Was für ein Drama die ganze Zeit!“