Herr T. wollte den Canal d’Entreroches sehen, einen kuriosen, von Niederländern gebauten Verkehrsweg aus dem 17. Jahrhundert. So nahmen wir in Yverdon eine S-Bahn und stiegen nach einer Viertelstunde an der einsamen Haltestelle Bavois aus. Dort war einmal der Wasserweg, er ist verschwunden. Jetzt sind dort Wiesen und Felder, meist Futtermais, dazwischen dann und wann eine Reihe Pappeln, ein Kartoffelacker.
Als ich erste Kartoffelblüten sah, wurde ich von einer Flut von Erinnerungen überwältigt. In einer ähnlichen Ebene in der Westschweiz kauerte ich vor mehr als 40 Jahren in einem solchen Acker. Der Monsieur rügte mich, weil ich die Kartoffeln nicht der Reihe nach geerntet hatte, sondern die grössten zuerst (und dabei ein paar kleinere hatte liegen lassen). Ich hatte wieder den Dialekt des Monsieurs im Ohr, der zweitletzte Silben nahezu synkopisch betont und verlängert. Er hätte zum Beispiel „Baavois“ gesagt, und nicht Bavois.
Ich war im Landdienst. In der Generation meiner Eltern war es noch üblich, dass Jugendliche ein Jahr lang „is Wäutsche“ geschickt wurden – also ins Welschland (so nannte man damals die Suisse romande. Heute sagt man das nicht mehr, es gilt als pejorativ). Man arbeitete als Erntehilfe oder als Au pair. Um Französisch zu lernen, etwas zu leisten und – beaufsichtigt durch verantwortungsbewusste Monsieurs und Madames – erste Erfahrungen im Leben ausserhalb des Elternhauses zu sammeln. Mein Vater organisierte einen solchen Aufenthalt für mich. Er dauerte nur fünf Wochen, die Sommerferien mussten reichen. So kam ich, wahrscheinlich 1982, in die Rhoneebene, in ein Dorf in der Nähe von Aigle.
Ich arbeitete nicht nur „dans les pommes de terre“, sondern auch „dans les betteraves“ (in den Zuckerrüben) und vor allem „dans le tabac“ (bei der Tabakernte). Tabak wächst in der Schweiz nur in tiefen Lagen, wo es warm genug ist. Im Juli erntet man die untersten Blätter, die dann schon gelblich sind. Das war Handarbeit. Heisst: Man kriecht mit krummem Rücken den Tabakreihen entlang. Ich war stolz, dass ich das konnte, ich liebte die Hitze, das Rascheln der Tabakblätter zwischen meinen Händen und sogar die Schmerzen im Kreuz, wenn ich mich nach zwei Stunden wieder aufrichten wollte. Habe ich Französisch gelernt? Oh ja. Gewiss habe ich den Monsieur oft mit meiner Fragerei genervt. Zu gerne hätte ich gewusst, wie und wo genau der Tabak in die Zigaretten kam, die er reichlich rauchte.

Als Herr T. und ich beim Hafengebäude des Kanals anlangten, war ich ganz bei der Landwirtschaft. Das Haus steht am Fuss einer Hügelkette. Nur Umrisse im Gras hinter dem Haus lassen erkennen, dass hier einmal ein Hafenbecken war. Ich interessierte mich mehr für die mächtige Linde an der Zufahrt. Sie blühte. Neben ihr stand ein kleiner Kran mit einem angehängten Personenkorb, der zwischen ein die Äste des Baumes gezwängt war. Man konnte niemanden sehen, aber Herr T. sagte, er höre zwei Personen darin reden. Wahrscheinlich ernteten sie „les fleurs de tilleul“.

Die Lindenblüten haben bestimmt wunderbar geduftet.
Ja, ich glaube schon! Ich habe immer Mühe, Lindenblüten zu riechen. Es stehen Lindenbäume im Park bei uns um die Ecke, deshalb bin ich den Duft wohl zu sehr gewohnt (ich habe sonst durchaus eine empfindsame Nase).
Mir fällt der Duft immer sehr auf und ich genieße ihn, wenn ich im Park an einer der zwei oder drei blühenden Linden vorbeigehe. Hier gibt’s mehr Platanen und Eichen.
Ja, das glaube ich. Es geht mir so bei Holunder! Linden sind so mächtige Bäume!
Wie romantisch (nicht romanisch, hier welsch)! Nicht unter dem Lindenbaum, gleich in der Linde! Das nenne ich doch mal einen Modernen Ort für Liebende.
Und ach, wie einst: Die Arbeit geht vor. Als wenn nicht schon bei anderen Gartenarbeiten sich die nachlässigen Werker nähergekommen wären.
Und den Kanal? Gibt es nicht mehr. Solche Verkehrswege, etwa für die romantische Bootsfahrt, werden offenbar nicht mehr gebraucht.
🙂 Nun ja, im Lindenbaum liebt es sich wohl etwas gar anstrengend – kratziges Laub und Äste und wer weiss was für Insekten!
Nun ja, den Kanalbau finanzierten niederländische Geschäftsleute im 17. Jahrhundert. Sie wollten einen Wasserweg zum Mittelmeer unter Umgehung Spaniens, mit dem sie sich im Krieg befanden. Im felsigen Land hinter dem Kanal finden sich noch Reste des alten Wasserwegs. Es stellte sich jedoch heraus, dass der Hügel hinunter zum Genfersee zu steil war. 49 (!) Schleusen hätten sie bauen müssen, das war denn doch zu teuer. Der Kanal wurde zwischen Entreroches und Solothurn dann jahrzehntelang genutzt, für den Transport von Wein und Salz, wenn ich mich richtig erinnere. Es hiess, dass die Fährleute dem Wein bei den langen Reisen selbst gut zusprachen. Vielleicht schreibt Herr T. noch einen Beitrag. Wir hatten dort eine hübsche Begegnung mit einem Bauern, der uns das ehemalige Wasserreservoir zeigte, in dem es eine kleine Ausstellung über den Kanal gibt. Er erklärte uns alles, verdankenswerterweise auf Berndeutsch. Es ist aber Stoff für den Kulturflaneur. Ich werde den Beitrag verlinken, falls er noch darüber schreibt.