
Wer mit der Eisenbahn über Fribourg Richtung Genfersee fährt, sollte auf der linken Seite sitzen. Denn wenn der Zug aus dem Tunnel südwestlich von Palézieux hinauszieht, erblickt man links ein weiten, sanft abfallenden Hang, über und über bedeckt mit Weinreben, bis hinab zum See – und auf der anderen Seite die französischen Alpen. Das ist das Lavaux. Herr T. sagte: „Es heisst, wenn die Deutschschweizer das sehen, schmeissen sie ihr Retourbillet weg!“
Um ehrlich zu sein: Wir hätten es uns nicht leisten können, unser Rückfahrticket wegzuschmeissen. Hotelzimmer sind hier knapp und teuer. Aber wir leisteten uns den Luxus dreier Hotelnächte im „Préalpina“ in Chexbres. Der Blick vom Frühstückssaal auf den See ist betörend.
Als wir in Chexbres aus dem Zug stiegen, wehte mir der säuerlich-schweflige Duft des nahen Rebberges entgegen. Man könnte vielleicht fragen, ob es der Geruch der Gifte ist, mit dem sie hier ihre Kulturen vor Schädlingen schützen, wie überall sonst auch. Aber ich hatte keine Zeit dafür. Ich wollte einfach dasitzen und auf die fast unwirkliche Bläue des Sees schauen, auf das smaragdgrüne Laub der Weinstöcke. Auf die Strässchen und Dörfchen, die aussehen, als wäre die Zeit hier Mitte des letzten Jahrhunderts stehengeblieben.
Das sieht nicht nur so aus. Es ist tatsächlich so. Die Waadtländer Stimmbevölkerung hat diese Landschaft mitsamt der alten Weinbaukultur 1977 per Volksabstimmung vor dem Bauhunger der Immobilienwirtschaft geschützt. Und diesen Schutz über die Jahre weitgehend bestätigt, trotz immer wieder neuen Anläufen, Teile des Gebietes zur Überbauung freizugeben. Heute ist das Lavaux mitsamt seiner Weinbaukultur Unesco-Weltkulturerbe. Dass wir es so lieben, ist auch ein bisschen helvetischem Narzissmus zuzuschreiben.
Aber, ehrlich: Wie wir im Café de la Poste in Chexbres sassen, Chasselas tranken und über das Land blickten, wird für immer zu meinen glücklichsten Erinnerungen an diesen Sommer zählen. Und auch, wie wir am zweiten Tag unten am See einen kleinen Kiesstrand fanden und uns in diesen atemberaubend blauen, kühlen See gleiten liessen.

Wunderschöööön … 🙂
Danke 🙂 🙂 🙂
Das klingt schon märchenhaft schön, den Schwefel kann man sich ja bei Bildern wegdenken (weshalb auf Bildern selbst die Hölle noch einigermaßen gut wegkommt. Oder so ein Vulkan!). Ich erinnere mich an Wanderungen in Südtirol. Weiter oben geht’s, aber unten sind die Obstbauern fleißig am Fahren mit ihren kleinen, wendigen Traktoren und beständig am Spritzen und man fragt sich schon, ob man hier oder am Bodensee eigentlich Urlaub in einer Chemiefabrik macht.
Oft wurde alte Bausubstanz ja nur aus Geldmangel bewahrt, heute sind die Städte und Gegenden meist froh und verkaufen ihr altertümliches Aussehen teuer. An Einheimische, Zugezogene und vor allem Touristen.
Nun ja, es ist halt dieser ewige Kampf zwischen Landwirten, die mit ihren Produkten die Welt ernähren und auf Teufel komm raus an den Bäumen Ertrag (und im Portmonee Gewinn) herausholen wollen. Und Städtern, die ihr Essen nicht nur reichlich und billig, sondern gerne auch giftfrei hätten. Ich stehe in meinem Job oft genau an der Kampflinie und verstehe beide Seiten und mich selbst als Städterin. Schwieriges Thema.
Aber Deine Diagnose vom alten Gemäuer: auf den Punkt!