Vorläufig keine Schweizerdeutsch-Lektiönli – wegen Trump

In der Nacht auf den 1. August traf uns der Zollhammer aus den USA: 39 Prozent „Strafzölle“ für die Schweiz. Danach war Nationalfeiertag. Bei Bratwurst und Kartoffelsalat lästerten wir über Donald Trump. Aber in unserer Sprache gibt es kein adäquates Schimpfwort für einen Autokraten wie den amtierenden US-Präsidenten. Alle unsere Schimpfwörter sind auch ein bisschen niedlich, und das geht in diesem Fall gar nicht. Auch haben wir in unserer Sprache nur wenige Möglichkeiten, Dinge zu sagen wie: „Wir fühlen uns hilflos und gedemütigt.“ Oder: „Wir sind abgrundtief verunsichert.“

Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP), (Quelle: Wikipedia).

Statt dessen keiften meine politisch interessierten Landsleute einander auf X an, stillos wie üblich: „Frau Keller-Sutter hat schlecht verhandelt!“ „Mitte-links ist schuld!“ Erstaunlich, dass unsere rechten Ober-Eidgenossen noch nicht herausgefunden haben, wie man die hiesigen Ausländer für das Desaster beschuldigen könnte.

Ja, ich sehe es als Desaster. Zufälligerweise arbeite ich mich gerade durch ein Standardwerk des Postkolonialismus, „Orientalismus“ von Edward Said. Meine Analyse lag deshalb nahe und war genau dieselbe wie diejenige des Polit-Experten Michael Hermann, heute in der „Schweiz am Wochenende“. Er bezeichnet Trump als Kolonialisten und Raubtierkapitalisten und sagt: „Die Schweiz ist aus Sicht Trumps maximal unwichtig.“ Oder, in meinen eigenen Worten: Trump sass so da und dachte, „oh guck mal, ein kleines, reiches, isoliertes Land. Wir können es vögeln, damit angeben und weiterziehen! Ist das nicht geil?!“ Die Menschen, die hier leben – egal. Was unsere Bundespräsidentin sagt oder nicht sagt – egal. Mehrere zehntausend Arbeitsplätze in der Schweiz – egal. Und was es der US-Ökonomie bringen soll, wenn er unsere kaputtmacht, versteht wohl nur er selbst. Ich wiederhole mich ungern, aber ich sage es nochmals: Wir müssen jetzt bei unserer Beziehung zur EU endlich Fortschritte machen.

Ich habe meine Schweizerdeutsch-Lektiönli immer auch mit einem gewissen Selbstbewusstsein geschrieben. Was soll ich jetzt noch sagen, Schweizerdeutsch oder anders? Ich muss erst mal mein zerzaustes Federkleid zurechtschütteln, dann schauen wir weiter.

7 Gedanken zu „Vorläufig keine Schweizerdeutsch-Lektiönli – wegen Trump“

  1. Mir fehlen für diesen Menschen schon lange die Worte und ich habe tatsächlich Angst vor der Weltenlage. Wohin steuern wir? Haben wir das Steuer nicht längst verloren?

  2. Ja, mir fehlen sie auch schon lange, deshalb habe ich eine Weile nicht über ihn gebloggt. Dass er gestern von Atom-U-Booten gefaselt hat, die er in die Nähe von Russland verlegen will, macht alles ja noch viel schlimmer. Ich wollte nur wieder einmal mitteilen, wie gefährlich ich diesen Mann finde (und seine Entourage ist keinen Deut sympathischer).

  3. Doch, doch, da gibt’s schon eine schweizerdeutsche Antwort: «Dem Volltubel hät’s eifach is Hirni gschisse!» — will heissen: «Dieser Vollidiot hat ein Hirn voller Scheisse!». Aber wenn die Devise auf gut Amerikanisch heisst: «Flood the zone with shit!», «dänn mues es irgendwo zimli vill Schissdräck umeha.» Uns Schweizer:innen bleibt nur ungläubiges Kopfschütteln ab soviel unverhohlener Grossmachtpolitik, die rational beim besten Willen nicht nachzuvollziehen ist, «aber mit eus cha mer’s ja mache…».

  4. Das letzte Wort in dieser Sache ist noch nicht gesprochen. Vielleicht sollten wir aufhören, den Politclown ernst zu nehmen, wenn auch zugegeben werden muss, dass sein Tun insbesondere im globalen Süden (Stichwort USAID) und bei der ärmeren Bevölkerung im eigenen Land (Stichwort Big Beautiful Bill) viel Leid auslöst. Die Erfahrung lehrt, dass wir in der Schweiz im Vergleich dazu glimpflich davonkommen werden.

    1. Ja, der Verweis auf USAID und Big Beautiful Bill ist absolut gerechtfertigt. Ich habe mir noch überlegt, ob ich hier nicht auf zu hohem Niveau klage, wenn ich über unseren Zollschock schreibe. Aber dies ist eben auch ein Blog über Schweizer Angelegenheiten, da darf Trump’s Übergriff nicht unerwähnt bleiben.

      Ich möchte der Vollständigkeit halber auch erwähnen, dass die Schweiz im Kolonialismus immer auch als Täterin mitgemischt hat. Vielleicht ist es sogar heilsame Medizin, wenn wir auch mal mitbekommen, wie Kolonialismus sich anfühlen könnte. Aber im Moment überwiegt einfach dieses Gefühl des Ausgeliefertseins.

      Und ob da wirklich noch etwas zu machen ist und zu welchem Preis? Ich bin nicht ganz sicher.

  5. Man bekommt, was man wählt. Die Amerikaner haben einen Immobilienhai zu ihrem Chef gemacht. Und er ließ nie einen Zweifel daran, dass er uns seine Konsorten gar nicht daran denken, diesen Posten wieder zu räumen.
    Andere haben gleich einen Geheimdienstmann rangelassen. Als hätte es nie einen Film über die mörderischen Vorgehensweisen dieser Leute gegeben!
    Wir könnten noch andere Länder heranholen, daran erinnern, dass Italien wieder zu seiner ureigenen Erfindung, dem Faschismus zurückgekehrt ist. Aber man sollte vor der eigenen Türe kehren. Also auch nicht vor der Schweizerischen, wenn das gemacht würde, würde es nur hier bei mir Staub aufwirbeln, Europa ist halt nicht so groß, und das will ich nicht!
    Deutschland versucht sich in der Nachahmung genau dieser Vorbilder. Es kann gar nicht rechts genug sein, es kann gar nicht militaristisch genug sein (und die anderen applaudieren noch – noch!), es kann gar nicht rückwärtsgewandt und menschenfeindlich genug sein. Offenbar wollen die Leute das. Sonst würden sie das doch nicht wählen? Mindestens ein Viertel der Wähler würde sogar noch eins draufsetzen und es direkt so machen wie Italien!
    Ich weiß auch nicht, was mit den Leuten los ist. Dass das für die Wirtschaft, für die international tätige, nicht gerade gut sein kann ist klar. Bloß nicht den Wählern und denen, die so laut raustrompeten, dass sie es besser können. Aber, so ärgerlich das ist, das ist es noch nicht, was mir Angst macht. Sondern das, was die dann arbeitslosen, elenden wollen, da sie immer noch nicht kapiert haben, dass auch das gewollt war, damit sie zu allem bereit sind.

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