Schweizerdeutsch 48: Ein Feiertag

Maria obsi (Eigenname und Adverb)

Jugendslang der späten achtziger Jahre für den Standarddeutsch als Mariä Himmelfahrt bezeichneten katholischen Feiertag am 15. August.

Wir haben im Kanton Luzern ja diese Feiertage, deren Sinn niemand mehr kennt: Fronleichnam, Mariä Empfängnis, Mariä Himmelfahrt. Sie sollen wohl zur inneren Einkehr und Besinnung rufen. Aber als ich jung war, besann ich mich nur auf sie, wenn ich an ihrem Vorabend um 17 Uhr unerwartet vor verschlossenen Lebensmittelladentüren stand. Dann musste ich in den Tankstellenshop oder ins Bahnhofshopping rennen, um überhaupt etwas zu essen im Haus zu haben. Oder im Restaurant einkehren, wenn denn ein offenes zu finden war. Frei hatte ich nie. Entweder arbeitete ich in einem reformierten Kanton, da existieren diese Feiertage nicht. Oder ich musste die Zeitung vom nächsten Tag machen, der ja jeweils wieder ein Werktag ist. In meiner Jugendclique nannten wir Mariä Himmelfahrt «Maria obsi», wobei «obsi» so viel wie «nach oben» bedeutet,  und es ist bezeichnend, dass das kein richtiges Deutsch ist, auch kein richtiges Schweizerdeutsch.

Am Vorabend des diesjährigen 15. August sass ich bei meinem Vater im Talgrund und sagte: «Morgen ist wieder so ein Feiertag, welcher nur?! Ah, Maria Himmelfahrt!» Er schaut mich an mit dieser steinernen Miene, die er jetzt hat, wenn ihm irgendetwas aus der Vergangenheit einfällt. Er sagt: «Wir nannten ihn Maria Flüguf!» – Maria Fliegauf! Ich überlege mir kurz, ob ich jetzt an flatternde Hühner denken soll. Dann entscheide ich mich für ein inneres Bild von einer weiss gekleideten Frau, die senkrecht wie eine Kerze dem blauen Himmel entgegenschwebt und stelle mir vor, wie schön es wäre, so nach oben zu sinken.

19 Gedanken zu „Schweizerdeutsch 48: Ein Feiertag“

  1. Danke, liebe Kraulquappe! Das freut mich sehr! Ich wollte ja schon aufhören, aber dann dachte ich: Jetzt erst recht! Umso besser, wenn ich weiss, dass Du die Lektiönli magst!

    1. Lektiönli, Lehrstückli – immer her damit.
      Ich finde Sprache und Dialekte spannend und wunderbar.
      Bin gerade mit dem Dackelfräulein im Zillertal und lernte dieser Tage: zu den Kühen sagen sie hier „Mohzilang“ (Moh = Muh / zi = Verkleinerungsform / -lang-Endung = hängt der Tiroler an alles dran). Von einem Hiesigen ausgesprochen, klingt das großartig.

      1. Oh, danke! Das ist ja ein hübsches Wort, „Mohzilang“! „lang“ ist, um mal eine etymologische Vermutung anzustellen, eine Tiroler Variante von „lein“, eine zweite Verkleinerungsform. 🙂 Dann wären Tiroler noch Diminutiv-Verliebter als wir in der Schweiz, wir haben ja nur einen: „li“, „es Chueli“, „es Muneli“ (ein süsser, kleiner Stier, so es das gibt…)

  2. „nach oben sinken“: auch ein schöner Ausdruck. Ich dachte, der wäre von Dir, aber hab es grad gegoogelt, das war wohl mal ein Buchtitel. Aber Du bist ja auch belesen. Vielleicht ist es trotzdem von Dir.

    Bei Deiner „Maria obsi“ muss ich immer an Schreibmans „Maria breit“ denken, die sie ja auch als junge Messdiener damals so genannt hatten: Die „Maria breit den Mantel aus“. Als ich das dem Pfarrer erzählte beim Beerdigungsgespräch, fand er das nicht gaaanz so lustig, wie ich dachte. Für ihn war das wohl eher ne Art Gotteslästerung. Für mich nicht. Eine schöne Art, sich das Göttliche irgendwie anzueignen. So, wie die jungen Leute halt sind.

    Maria obsi find ich lustig! 👍🏻

    1. Oh, Du hast mich ertappt, liebe Nell! Dieses „nach oben sinken“ ist eine kleine Notiz an mich selbst. Meine Freundin Paulina hat mir das erwähnte Buch von Wilfried Meichtry zum Geburtstag geschenkt, ich will es noch lesen, es spielt ja im Wallis, und ich weiss noch nicht, was der Titel genau bedeutet. Aber für mich bedeutet das „nach oben sinken“, zugleich umsinken (wie wir das in diesen heissen Tagen schier wie von selbst tun) und in die Lüfte entschweben.

      1. Ich dachte bei „nach oben sinken“, dass die Welt irgendwie Kopf steht und man deshalb sinkt, aber trotzdem nach oben geht. Oder so ähnlich. Jedenfalls ein schöner Ausdruck!

  3. Und dann wäre da noch Mariä Lichtmess. Sicherlich nicht ein groß gefeierter Tag, aber der Tag, an dem es höchste Zeit wäre, den beseelten Weihnachtsschmuck endlich wieder zurück in den Keller zu verstauen.

    1. Lichtmess! 2. Februar! Das ist bei uns kein arbeitsfreier Tag (zum Glück, denn das würde ja alles noch mehr verkomplizieren)! Aber Dein Hinweis auf die Weihnachtsdekorationen ist zweifelsohne sinnvoll. Bei uns gehen die Meinungen auseinander, wann man die wegräumt. In unserem Haushalt: spätestens am Dreikönigstag.

      1. Wird hier natürlich auch nicht gefeiert. Ich brauche die Zeit – das ist sowieso sehr anstrengend mit der ganzen Deko hin und her. Wenn sie dann endlich überall schön ausgebreitet ist – es hat ja alles seinen Platz – dann will ich auch was davon haben. Heuer hat es bis zum Sommeranfang ungefähr gebraucht bis ich das letzte Teil wieder zurückräumen konnte. 🙊

        1. 🙂 Bei unseren Nachbarn ist es zum Teil auch so. Wir haben jeweils einen Weihnachtsbaum zum Ausleihen, der Gärtner will ihn spätestens am Dreikönigtag wieder haben, weil die Kunden oft vergessen, ihn zu giessen. Sonst haben wir nicht viel Weihnachtsschmuck. Bis vor wenigen Jahren gar keinen. Es ist aber schöner mit!

  4. @ Nell: „Maria breit“ hätte ich auch als Gotteslästerung angesehen, denn wenn jemand „breit“ ist, heißt das, dass er betrunken ist, also die besoffene Maria. Das wäre dann fast so schlimm wie „Happy Cadaver“ (Verballhornung seitens evangelischer Christen, die mit dem katholischen Feiertag 60 Tage nach Ostern nichts anfangen können).

    1. Ja, diese Bedeutung von „breit“ ist mir bei Deinem Kommentar auch durch den Kopf gegangen, @nell. Aber man sollte doch meinen, der Herr Pfarrer könne über ein solches Beispiel von Messdiener-Humor lächeln. Ich hatte mehrere Freunde, die Ministranten waren, sie hatten alle auch die Gabe, über das Sakrale zu spotten, und das nahm man mit einem Schmunzeln.

    2. Ich wiederum kenne „breit“ nur als bekifft. Bei nem Betrunkenen würde ich niemals breit sagen. Auch in meinem Bekanntenkreis meinen mit breit alle bekifft. Aber wie Schreibman das gemeint hatte, weiß ich gar nicht. Hab es irgendwie versäumt, ihn da auch nur ein einziges Mal danach zu fragen. Fand es einfach lustig. Schade eigentlich.

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