Schwerhörig: Die Frau im Rollstuhl

Ich bin auf dem Trottoir an einer verkehrsreichen Strasse unterwegs. Da höre ich diese dünne, gereizte Frauenstimme: «Hallo!» ruft sie. Vielleicht gilt das doch mir, denke ich – jetzt, wo die Stimme etwas lauter ist, fällt mir auf, dass ich sie vorher schon ein- oder zweimal gehört habe. Vor mir ist niemand, also vielleicht hinter mir. Ich habe wegen der Schwerhörigkeit ein miserables Richtungsgehör. Ich drehe mich um, aber auf Augenhöhe ist da niemand. Ich senke den Blick, und da ist sie: eine Frau im Rollstuhl, die mich überholen will.

«Oh, Entschuldigung!» sage ich freundlich und trete zur Seite. Sie rollt mit grimmiger Miene an mir vorbei. Ich kann den Gedanken hinter ihrer Stirn lesen: „Existieren wir Rollstuhlfahrerinnen denn nicht?! Ist diese blöde Kuh eigentlich taub?!» Ja, bin ich, und ihre Unfreundlichkeit stört mich zunächst. Ich erlebe eine solche Szene an dieser Strasse schon zum zweiten Mal, und wie beim ersten Mal verzichte ich dennoch darauf, meine Hörgeräte herauszureissen, sie ihr zu zeigen und zu brüllen: «Sie sind hier nicht die einzige mit einer Behinderung, Sie dämliche Ziege!» Obwohl ich Lust dazu hätte.

Aber im Grunde glaube ich auf dem Gesicht dieser Frau einen Ingrimm zu erkennen, den ich manchmal auch spüre. Mit den Jahren habe ich gelernt, mit meinen Beeinträchtigungen umzugehen. Ja, ich betrachte sie mittlerweile als das Normalste der Welt. Deshalb erwarte ich – oft irrtümlich – dass andere selbstverständlich auch mit meinen Einschränkungen umgehen können. Wenn sie es dann – aus was immer für Gründen – nicht tun, kommen sie mir manchmal vollkommen idiotisch vor.

 

14 Gedanken zu „Schwerhörig: Die Frau im Rollstuhl“

  1. Ich bin so einer, der, mit dem Swiss-Trac ausgerüstet, einem Zuggerät für Rollstuhlfahrer, sich auf dem Gehsteig ungeduldig von hinten den FussgängerInnen nähert. Die Armen ahnen nichts, wenn ich von hinten komme. Ich rattere nicht, ich röhre nicht. Nur ein leises Summen ist zu hören. Und ich bin sicher: Würde ich sie von hinten anfahren – etwas, das ich trotz meiner Ungeduld niemals tun würde –, wären sie es, die sich entschuldigen …

    Ich habe mir eine feine Klingel zugelegt, nicht aggressiv, eher einschmeichelnd. Die betätige ich, wenn ich es gar nicht mehr aushalte hinter den furchtbar langsamen FussgängerInnen, die zudem die ganze Breite des Trottoirs beanspruchen.. Und beim Überholen möchte ich mich entschuldigen, dass ich – ein Fahrzeug mehr auf dem Gehsteig – sie dazu geradezu nötige, mir Platz zu machen. Meist kommen diese allerdings mir zuvor und entschuldigen sich ihrerseits. Peinlich Peinlich!

    1. Oh, eine Freundin von mir hatte so einen Swisstrac, sie war jeweils sehr sportlich unterwegs damit 🙂 Es freut mich sehr, dass Du hier einen Kommentar schreibst. So sieht die Welt, dass es eben nicht nur ingrimmige Rollstuhlfahrer gibt, sondern auch solche mit einem feinen Humor und einem zarten Glöckchen – die die Peinlichkeiten, die sich bei solchen Überholmanövern auch ergeben können, sehr präzis zu schildern wissen.

  2. Was einem da alles einfällt, von „unter den Blinden wird der Einäugige König sein“ bis zu diversen Behindertenwitzen. Es erinnert aber vor allem daran, dass die Mindeslohnarbeiter auf die Arbeitslosen herabblicken, die auf die Flüchtlinge und jeder Jemanden braucht, auf den er herabblicken kann und dessen Schicksal er fürchtet. So kann es statt der Solidarität all jener – hier in diesem Falle all derer mit einer Behinderung – dazu kommen, dass jedes Grüppchen für sich kämpft, vorwärtsdrängt und keinen gemeinsamen Erfolg erzielt.
    Hier fuhr die Rollstuhlfahrerin vorbei. Weil man sie gelassen hat. Aber wie gelassen wird der nächste Passant reagieren?

    1. Danke, Gerlint, dass Du hier so viele mögliche ableistische und Mindestlohnarbeiter diskrimierende Reaktionen auf diesen Text zusammenfasst. Das gibt mir die Möglichkeit, gleich auf sie einzugehen. Das mit den Witzen lassen wir mal weg, das erklärt sich von selbst. Aber ich erlaube mir, Dir ein paar Fragen zu stellen: Wie kommst Du darauf, dass man Menschen mit Behinderung mit Mindestlohnarbeitern gleichsetzen kann? Und warum setzt Du voraus, dass Mindestlohnarbeiter nun mal so denken, wie Du das beschreibst? Wie kommst Du darauf, dass hier mindestens eine der beteiligten Personen das Schicksal der anderen fürchtetet? Und wenn ja, welche, und welches Schicksal?

      Und: Wie kommst Du darauf, dass man dieses durch faktische Zwänge erzeugte Hinunterblicken als Metapher für soziales Hinunterblicken lesen kann? Wie kommst Du überhaupt darauf, dass man Behinderungen als Metapher für alle erdenklichen menschlichen Unzulänglichkeiten lesen könnte? Ist es ok, wenn Erasmus von Rotterdam es getan hat, wie bei den Blinden und Einäugigen?

      Natürlich darf jede den Text lesen, wie sie will. Aber Dich bitte ich: Lies ihn für mich noch einmal und diesmal nicht als Anhäufung von Metaphern, sondern ganz wörtlich: Dann ist er die Beschreibung einer Alltagssituation zwischen zwei Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen. Von denen zumindest eine von beiden das Gemeinsame zwischen beiden erkennt. Ich habe den Schluss jetzt noch geändert, damit er auch für Menschen ohne Behinderung einfacher zu verstehen ist.

      1. Ich musste erst mal „ableistisch“ googeln. – Solche Reaktionen kommen wahrscheinlich aus dem Gefühl heraus „Ach, was bin ich froh, denn zum Glück geht’s mir nicht so“ (Komischerweise konnte ich dieses Zitat bei Google nicht finden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ICH gerade es erfunden habe).

        Die Sache mit dem „Herunterblicken“ habe ich auch erst im zweiten Anlauf verstanden. Wahrscheinlich hast du als Journalistin (genauso übrigens wie Populisten !!!) ein besseres Gespür als ich für solche sprachlichen Feinheiten.

  3. Für mich sind Radfahrer „eine Gefahr für die Menschheit“, weil sie sich in großer Anzahl und mit großer Geschwindigkeit auf Fußgängerwegen bewegen. Rollstuhlfahrer bewegen sich auf Fußwegen dagegen eher „harmlos“.

    Allerdings empfinde ich Rollstuhlfahrer als „relatives Ärgernis“ in Bussen und Straßenbahnen, weil ihr Ein- und Aussteigevorgang Extra-Zeit kostet und beim Aus- und Einfahren der Rampe so ein schreckliches Pieps-Geräusch erzeugt wird (das man als Schwerhörige zum Glück nicht ertragen muss).

    1. Damit wir uns richtig verstehen, werter Rabi: Das hier ist kein Freibrief, um über die Erfordernisse von Menschen im Rollstuhl zu lästern. Ja, ich habe mir erlaubt, über das verärgerte Gesicht einer Frau im Rollstuhl zu lästern. Aber nur über ihr verärgertes Gesicht. Nicht über die Tatsache, dass sie im Rollstuhl unterwegs ist und deshalb vielleicht etwas mehr Platz braucht als eine Fussgängerin. Von Dir mag es ein wenig Geduld erfordern, gleichzeitig mit einer Person im Rollstuhl in den Zug einzusteigen. Aber stell Dir vor: Die Person im Rollstuhl braucht diese Art von Geduld jeden Tag, 24/7, und ganz bestimmt jedes Mal, wenn sie in einen Zug steigt. Und wenn das mit dem Zug nicht geht, ja, dann bleibt sie vielleicht einfach zu Hause. Und: Sie muss sich jedes verdammte Mal, wenn sie in so einen Zug einsteigt, von irgendwelchen ungeduldigen Fussgängern anstarren lassen. Ich kann nicht für eine Frau oder einen Mann im Rollstuhl sprechen, aber ich halte es für denkbar, dass so jemand froh ist, wenn jemand wie Du dem offenbar so störenden Piepgeräusch (für die Person im Rollstuhl ist das wahrscheinlich ein B-Problem) einfach ausweicht und durch eine andere Tür in den Zug steigt.

  4. Damit wir uns richtig verstehen, werte Frau Frogg: Jeder darf seine persönliche Meinung frei äußern. Aber einige Leute (von links und von rechts) versuchen seit einiger Zeit, das zu verhindern. Ich interessiere mich nicht so stark für Politik wie du, aber mir gehen trotzdem manche Entwicklungen auf den Geist, und es ist mir auch egal, ob die Linken oder die Rechten daran schuld sind.
    L’enfer, c’est toujours les autres <== die Gegenseite hat immer schuld

    Vor allem ging es nicht einmal darum, was jemand TUT, sondern was jemand DENKT. Und das Denken werde ich mir von Niemandem verbieten lassen! Und nein, man sollte heutzutage nicht alles sagen, was man denkt. Nicht in Russland, nicht in Nordkorea, nicht im Iran – und wahrscheinlich auch nicht in der Schweiz und in Deutschland. Auf jeden Fall hat man dann seine Ruhe – und das ist wohl besser so. Mehr will ich auch nicht.
    Soll es doch jeder so machen wie Nolte – und der machte alles so, wie er es wollte.

    "Ich habe fertig" (sagte Trainer Trapattoni am Ende seiner Wutrede, nachdem Bayern München gegen Schalke04 verloren hatte)

    1. Ja, Rabi, Du hast grundsätzlich das Recht, Deine Meinung frei zu äussern. Deshalb habe ich Deinen Kommentar ja auch stehen lassen, auch wenn ich ihn für grenzwertig halte. Ich habe aber auch das Recht darauf, eine Antwort zu geben, auch eine scharfe. Auf meinem Blog, für den ich verantwortlich bin, fühlte ich mich in diesem Fall sogar dazu verpflichtet. Die Äusserung in Deinem Kommentar finde ich heikel, möglicherweise diskriminierend, weil Du verallgemeinernde und negative Äusserungen über Rollstuhlfahrer im öffentlichen Verkehr machst.

      Über das Recht auf freie Meinungsäusserung auf Blogs hier ein Link:

      https://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2014/04/21/geloeschte-kommentare-sind-keine-zensur-was-ist-meinungsfreiheit/
      https://www.internet-law.de/2014/04/meinungsfreiheit-und-blog-kommentare.html

      Und noch etwas: Doch, ich höre in der Regel Piepgeräusche von solchen Hebebühnen (ob sie bei uns bei Rollstuhl-Hebebühnen auch ertönen, weiss ich nicht. Ich habe seit längerer Zeit keinen solchen Vorgang mehr gesehen, viele Züge sind bei uns mittlerweile besser zugänglich, es braucht weniger Hebebühnen). Die Piepgeräsuche würden mich aber nicht stören, weil ich weiss, dass diese Hebebühnen eine wichtige Funktion haben.

  5. Ich bin mit dir völlig einer Meinung, dass Hassreden und diskriminierende Äußerungen – gegen wen auch immer – nicht toleriert werden dürfen.
    Andererseits habe ich oft den Eindruck, dass manche Leute – insbesonders die Linken – oftmal recht „mimosenhaft“ sind. Und dann wirkt manches richtig lächerlich.

    Aktuelles Beispiel: in Berlin wurde gerade die „Mohrenstraße“ umbenannt. Da frage ich mich, WER so einen Antrag gestellt hat, mit dem sich dann Gerichte jahrelang beschäftigen. Und jetzt mache ich einen rabiesken Witz dazu: Statt diese Straße in „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ umzubenennen, was nochmal einen Haufen Bürokratieaufwand und Geld kostet (Straßenschilder, Briefbögen etc.), hätte man sie ja auch in „Möhrenstraße“ umbenennen können.

    Aber wahrscheinlich ist nun auch Friedrich Schiller (in den Augen der Linken) ein Rasist wegen „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“.

  6. Hattest du bereits vorher von der Straßen-Umbenennung gehört oder erst durch meinen Kommentar?
    Mir persönlich ist so etwas nicht wichtig. Ich finde nur, dass die Politik wichtigere Probleme lösen sollte als sich um irgendwelche „Befindlichkeiten“ zu kümmern, die auch noch Zeit und Geld verschlingen – und dann wird wieder gejammert, wofür das Geld überall fehlt (für Schulen und Kitas und Straßen und Brücken und und und).
    Gerade den „Linken“ scheint der Fokus verloren gegangen zu sein, nämlich sich für die arbeitende Bevölkerung einzusetzen, gleicher Lohn für Frauen bei gleicher Arbeit, Mindestlohn etc.
    Aber nachdem in Jahrzehntelangem Kampf bereits vieles erreicht wurde, meinen sie nun, sich ums Gendersternchen kümmern zu müssen – oder um Straßenumbenennungen.

    Wie gesagt: mir soll es egal sein. Aber den Kopf schüttel ich trotzdem darüber.

    1. Ich hatte erst durch Deinen Kommentar von der Sache gelesen. Aus Berlin bekommen wir in der Regel nur die neusten Koalitions-Querelen mit, Lokales wenig. Ich habe mir dann doch einige Gedanken gemacht, etwa so:

      Schillers „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ stehen lassen und in Schulausgaben einen Kommentar anfügen: Das Textbeispiel zeigt präzis, weshalb das M*-Wort vielen sauer aufstösst: Weil ein M* über seine dienende Funktion definiert ist und sonst nichts zu melden hat. Schiller hat das sehr genau beschrieben und in einem gewissen Sinn ja auch angeprangert. Ausserdem soll man historische Zeugnisse nach der Zeit bewerten, in der sie entstanden sind. Sonst versteht mit der Zeit ja kein Mensch mehr, weshalb es mal Probleme gab.

      Die Mohrenstrasse: unbedingt umbenennen. Es gibt dort, wie eine kleine Recherche ergab, auch einige repräsentative Gebäude, in denen womöglich internationale Gäste ein- und ausgehen. Was sollen denn die fortschrittlichen Franzosen und Briten denken, wenn sie sich an einer Strasse mit einem derart reaktionären Namen einfinden müssen? Ausserdem prangert die Vereinigung Schwarzer Menschen in Deutschland den Strassennamen an, und die soll man ernst nehmen, wenn es um solches geht.

      Du verhältst Dich ja selbst etwas widersprüchlich bei diesem Thema. Du behauptest, die ganzen Sprachdiskussionen seien Dir egal, aber dann regst Du Dich über die Umbenennung auf. Es geht mir ähnlich. Es geht halt um die Frage: Wer besitzt meine Sprache sonst noch ausser mir? Fühle ich mich noch zu Hause in meiner Sprache, wenn sich so etwas ändert? Ich glaube, man muss da etwas grosszügig sein. Aber was die Aufgabe der Linken betrifft, finde ich auch: Die Schaffung gerechter sozialer Verhältnisse im materiellen Sinn hat Vorrang. Nur: Geld für Gerichte kann man ja nicht einfach so für den Strassenbau umwidmet, nicht wahr?

  7. Zu „Was sollen denn die fortschrittlichen Franzosen und Briten denken, wenn sie sich an einer Strasse mit einem derart reaktionären Namen einfinden müssen?“ – Da sollten sich die Franzosen und Briten aber erstmal an die eigene Nase fassen. Wie kann man eine Brücke Pont d’Iena nennen oder einen Bahnhof Waterloo-Station? Nur weil dort eine Schlacht gewonnen wurde. Man stelle sich vor, in Berlin wäre eine Straßee nach einem Ort benannt, wo die deutschen Truppen ihre Feinde besiegt hatten.

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