Schweizerdeutsch 49: Wenn vertraute Sprache plötzlich rassistisch ist

E Tonkle (N, m)

Standarddeutsch: „Ein Dunkler“, eine Personenbeschreibung. In meiner Familie verwies sie immer auf die Haarfarbe einer Person, denn praktisch alle Menschen, die wir kannten, waren ohnehin weiss. In jungen Jahren war ich selbst mit meinen dunklen Haaren trotz Schneewittchenteint „e Tonkli“. Man konnte das auch auf der Strasse sagen, es wurde verstanden.

Aber die Welt verändert sich und mit ihr die Sprache. Vor wenigen Jahren hatte ich einen Kollegen, nennen wir ihn Riza. Er hat dunkle Hautfarbe und ist fast immer liebenswürdig und humorvoll. Damals ass ich an an guten Tagen noch in der Cafeteria mit den Kollegen, Riza war jeweils auch am Tisch. Ich wollte einer neuen Kollegin erklären, wie unser  Kollege Albin aussah, ein immer seltener auf der Redaktion auftauchender Kollege mit langen Haaren und bleichem Gesicht. „E Tonkle“, sagte ich.

Riza war gerade in einer anderen Konversation beschäftigt, aber nun schoss er herum und starrte mich ungläubig an: „Was sagst Du da?! E Tonkle?!“ Er teilte mir unmissverständlich mit, dass das eine abwertende Bezeichnung für Schwarze sei.

Nun hätte ich in Protesthaltung verfallen können, weil Riza mich vor versammelten Kollegen zurechtgewiesen hatte – obwohl ich nicht die geringste Absicht gehabt hatte, etwas Böses zu sagen. Ich könnte wehklagen, weil ein mir vertrautes Wort nun nicht mehr verwendbar ist. Ich könnte quängeln und darauf beharren, das Wort immer noch im alten Sinn zu verwenden. Aber, hey, es sind junge Menschen herangewachsen in diesem Land, ihnen gehört die Zukunft (worum ich sie nicht nur beneide), und einige von ihnen sind Schwarz. Würde ich ihnen Steine in den Weg legen, dann wäre ich eine wehleidige, grauhaarige, alte Schachtel: „E Graui“ vielleicht sogar: „e Gröiel“ – ein Gräuel.

18 Gedanken zu „Schweizerdeutsch 49: Wenn vertraute Sprache plötzlich rassistisch ist“

  1. Dass sich Gebrauch und Konnotation verschiedener, häufig althergebrachter Begriffe zuweilen verändern, ist ein Wesensmerkmal einer lebendigen Sprache. Dass man aber zum Beispiel farbige Menschen wokenesshalber auf Deutsch nimmer als farbige Menschen zu bezeichnen habe, sondern als »People of Color« (= engl. für: »farbige Menschen«), entzieht sich freilich dem landläufigen Logikverständnis.

    1. Ja, das kann ich auch nicht restlos nachvollziehen. Es gäbe dazu wahrscheinlich viel zu sagen, und ich sträube mich auch gegen Anglizismen in dieser Sache. Ich habe jetzt einfach das neuste Vorgehen aus den USA gewählt, aber statt „Black“ halt „Schwarz“ geschrieben. KI auf Google erklärt das so: „We write „Black“ with a capital ‚B‘ to denote a shared racial, ethnic, and cultural identity, distinguishing it from the color black. This capitalization, adopted by organizations like The New York Times and The Associated Press, acknowledges the culture, history, and community of people of African descent, reflecting a move towards greater inclusivity and social justice.“ Wobei man jetzt noch darüber diskutieren könnte, ob die kulturelle Identität einer Schwarzen Deutschen und eines Schwarzen US-Amerikaners gleich sind. Aber wir sind möglicherweise nicht die Richtigen, dazu eine Meinung zu haben.

  2. Ob nun „Ne…“, „Schwarzer“ oder „People of Color“. Es ist insofern dasselbe, weil es sich in allen Fällen auf ein äußerliches Merkmal bezieht, genauso wie „der Bucklige“ oder „die Dicke“ oder „der große Blonde“

    Statt „E Tonkle“ hättest du auch „der liebenswürdige Humovolle“ sagen können (ich weiß nicht, wie das auf Schweizerdeutsch heißt). Aber weil dann wahrscheinlich nicht so klar gewesen wäre, wen du meinst, werden oft äußerliche Merkmale genannt.

    Übrigens hatte ich mal gelesen, dass es in USA verpönt sei, Menschen anhand von äußerlichen Alleinstellungmerkmalen zu beschreiben.

    1. Nun ja, in diesem Fall ist die Situation leicht anders, weil es viel zum Textverständnis beiträgt, dass Riza ein Mensch mit dunkler Hautfarbe ist. Hätte mir das einer meiner bleichgesichtigen Kollegen gesagt, hätte das ganz anders gewirkt. Ich versuche es hier wie Geraldine Brooks in ihrem Roman „Horse“ zu machen, denn in ihrem Buch ist ebenfalls essenziell, dass einige der Protagonisten Schwarz sind. Aber ich akzeptiere selbstverständlich Tadel in dieser Hinsicht, wenn er nötig erscheint.

  3. „…..weil Riza mich vor versammelten Kollegen zurechtgewiesen hatte…“ Hat sie das kalt gelassen, Frau Frogg ? Bei uns sagt man dazu, na ja, die feine Art ist das auch nicht.

    Ich denke das es gut sein könnte, sich später einmal in einem ruhigen Moment unter 4 Augen über diesen Vorfall auszutauschen. Möglicherweise erhält jeder dabei neue und weitere Informationen, Ansichten und Erkenntnisse für zukünftige Handlungsoptionen.

    Ich betrachte die zunehmenden gesellschaftlichen/sprachlichen Umbrüche nicht als Einbahnstraße, von denen sie hier nur ein Beispiel aufgeführt haben. Nicht den Anderen verletzend müssen sie moderiert werden und ich glaube, das können sie sehr gut.

    1. Lieber Menachem, danke Dir! Ich kann Dir versichern, dass ich seinerzeit nicht kampflos vom Platz gegangen bin. Ich muss auch sagen, dass das Gespräch in recht lockerer Atmosphäre vor sich ging, ich hätte es peinlicher gefunden, wenn er mich danach beiseitegenommen hätte, weil schwerwiegender.

      Ich habe dann natürlich erklärt, welche Bedeutung das Wort für mich hat, aber ich glaube, die anderen waren gar nicht so aufmerksam, es waren alle in ihre eigenen Gespräche vertieft. Ich weiss auch nicht mehr, wie das ganze dann geendet hat. Möglicherweise hat er mich davor geschützt, mich später einmal im Kreise junger Leute zu blamieren. Und mit älteren Leuten kann ich das Wort ja immer noch in seinem ursprünglichen Sinn brauchen. Es war keine weltbewegende Sache.

  4. Riza scheint nicht nur liebenswürdig und humorvoll zu sein; vor allem aber hat er deiner Beschreibung zufolge auch übersinnliche Fähigkeiten. =>“Riza war gerade in einer anderen Konversation beschäftigt, aber nun schoss er herum und starrte mich ungläubig an.“ Also kann er sich mit Jemandem unterhalten und hört GLEICHZEITIG, was am Nebentisch gesprochen wird. Auch für einen Normal-Hörenden ist das eine bemerkenswerte Leistung.

    Vielleicht aber – und das würde ich eher negativ bewerten – hat er sich gar nicht auf seinen eigentlichen Gesprächspartner konzentriert und war sowieso schon mit einem Ohr bei dir.

    1. Nein, ich glaube, er hat einfach gut gehört 😉 Und war wohl auch sehr sensibilisiert auf rassistische Äusserungen, was ich gut verstehen würde.

  5. Philip Roth hat in seinem Roman «Der menschliche Makel» aus einem ähnlichen Missverständnis heraus, das als Rassismus ausgelegt wurde, aber keinesfalls war, eine menschliche Tragödie entwickelt, die einem in die Knochen fährt. Sehr lesenswert und erhellend, wohin falsch verstandener und mit dem Zweihänder geführter Antirassismus arichten kann. (Damit soll nichts gegen Antirassismus gesagt sein. Rassismus ist immer falsch und menschenverachtend.)

  6. Danke für den Hinweis auf den Roman, Walter. Den habe ich sogar vor Jahren gelesen, fand ihn aber nicht so besonders und erinnere mich nur noch daran, dass der Protagonist ein Schwarzer war, der sich als weisser Jude ausgab und – so schien es mir jedenfalls – ein etwas seltsames Frauenbild hatte. Den Rest habe ich vergessen, und ich würde ihn jetzt wohl auch nicht zuoberst auf meine Leseliste stellen. Aber, klar, zu viel Wokeness finde ich auch nicht hilfreich, vor allem dann nicht, wenn es gar nicht mehr um Inhalte geht, sondern nur noch um Wokeness.

    Ich muss allerdings erwähnen, dass ich 2018/19 öfter ein ein dunkelhäutiges Baby spazieren führte, die Tochter einer Freundin. Die Neugier und Zudringlichkeit, mit der die Leute, auch völlig Unbekannte, diesem Kind – oder einfach nur seiner Hautfarbe – damals begegnet sind, fand ich schwer zu ertragen, und ich habe auch dann und wann gereizter reagiert als es eigentlich meine Art ist. Noch heute habe ich viel Verständnis dafür, dass dunkelhäutige Menschen auch mal die Nase voll haben von diesen ständigen Kommentaren.

    1. Ich frage mich, woher das eigentlich kommt (welchen Grund es hat), dass sich immer nur dunkelhäutige Menschen rassistisch diskriminiert fühlen – und nie anders herum. Wie wird ein Weißer denn von Schwarzen bezeichnet? Gibt es da auch freundliche und weniger freundliche Bezeichnungen?

      Und wie sieht es hinsichtlich Nationalitäten aus? Stimmt es eigentlich, dass in der Schweiz lebende Deutsche als „Gummihals“ bezeichnet werden? Diesen Ethnophaulismus nannte jedenfalls die KI; aber der darf man nicht alles glauben.

      1. Wobei: Immerhin gibt es ein Buch von Bruno Ziauddin mit dem Titel „Grüezi Gummihälse. Warum uns die Deutschen manchmal auf die Nerven gehen“

      2. Die Antwort, warum sich dunkelhäutige Menschen vielleicht etwas schneller diskriminiert fühlen als andere, kannst Du in meinem obigen Kommentar lesen. Nur schon mit jemandem mit dunkler Hautfarbe unterwegs zu sein, kann buchstäblich „zum aus der Haut fahren“ sein. Wenn Du diese ständigen, dummen Fragen und Bemerkungen tagaus tagein aushalten musst, dann musst Du einen langen Geduldsfaden haben.

        Dazu kommen diese merkwürdigen Dinge, die passieren, Polizeigewalt und so, aber neeeein, das hat doch mit Rassismus alles nichts zu tun!!! (Ironie off) Letzte Woche verstarb zum Beispiel in Lausanne ein Schwarzer Teenager auf der Flucht vor der Polizei in Lausanne. Hier der Link:

        https://www.srf.ch/news/schweiz/tod-nach-flucht-vor-polizei-lausanne-ein-stiller-marsch-fuer-marvin-als-kontrapunkt

        Und, ja: Es gab eine Zeit, da nannten gewisse Leute in der Schweiz Deutsche „Gummihälse“. Die Zuwanderung aus Deutschland war damals gerade in akademischen Berufen sehr hoch. So kam es auch zu Vorfällen, die nahelegten, dass Professuren an den Unis an Deutsche vergeben worden waren, obwohl gute Schweizer Bewerbungen am Start waren. Halt, weil die Gremien, die diese Stellen besetzten, in der Mehrzahl aus Deutschen bestanden. Ich glaube aber, das hat sich geändert, und die abfällige Bezeichnung für Deutsche habe ich schon sehr lange nicht mehr gehört.

  7. Hinsichtlich Polizei-Rassismus sage ich es als mathematisch denkender Mensch mal so: Anhand von Statistiken weiß man, dass Mitgleider bestimmter äußerlich erkennbarer Gruppen häufiger irgendwelche Delikte begehen als andere. Aus diesem Grunde ist die Trefferwahrscheinlichkeit größer, wenn man Mitglieder dieser Gruppe kontrolliert. So eine „Sippenverdächtigung“ ist natürlich für alle Gruppenmitglieder, die sich korrekt verhalten, ein großes Ärgernis.
    Ich habe auch schon den Fall erlebt, wo sich ein Ausländer mit „Verbrecher-Visage“ im Zug lauthals beschwerte, dass er nun schon zum dritten Mal von der Polizei kontrolliert werde. Nach dem reinen Zufallsprinzip hätte der Polizist natürlich auch die alte Frau daneben kontrollieren können. Vielleicht schmuggelt die ja Drogen und guckt nur so harmlos.

    Ich weiß nicht, ob es Vorsicht oder Vorurteil ist, wenn man manche Unbekannte als vertrauenswürdiger einstuft als andere. Als mathematisch denkender Mensch halte ich das für statistische Wahrscheinlichkeit, mit der man im Einzelfall aber oft daneben leigt.

    1. Ich denke, das, was Du beschreibst, würde man racial profiling nennen, und das ist in Deutschland verboten, auch in der Schweiz. Mit gutem Grund, wie Du selbst anmerkst. Für die unbescholtenen 99 von 100 Menschen aus einer Minorität ist das massiv diskriminierend. Und wenn daraus dann gleich noch Todesfolgen resultieren, dann, nein, ist das nicht die Gesellschaft, in der ich möchte, dass die Tochter meiner Freundin aufwächst.

  8. Bei dem von dir verlinkten Artikel fiel mit ein Nebensatz auf „…dass der Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei…“. = Da frage ich mich, warum ein unbescholtener Bürger vor der Polizei flieht. In USA sollte man so etwas auf keinen Fall tun. Da werden sogar öfters mal Kinder bei einem Klingelstreich erschossen (ist gerade letztes Wochenende vorgekommen).
    Natürlich haben die Täter kein Exekutionsrecht. Aber warum gingen die Opfer ein Todesrisiko ein und sei es noch so klein? Da nützt eine Solidaritätskundgebung und ein schöner Spruch auf dem Grabstein auch nichts mehr.

    1. Ein Jugendlicher ist eben ein Jugendlicher, kein Erwachsener. Er hat Flausen im Kopf, zum Beispiel jene, mit einem Scooter der Polizei entkommen zu können, wenn er nur schnell genug fährt …

      Noch was zu den unbescholtenen Bürgern – wenn es die überhaupt gibt. Die werden ja oft ins Feld geführt, wenn es darum geht, neue (repressive) Gesetze etwas naiv zu legitimieren: Unbescholtene Bürger hätten dadurch ja nichts zu befürchten, nur jene, die wirklich Dreck am Stecken haben. Schmöcksch dr Bögg? (Züridütsch für: Riechst du den Braten?)

      1. Trotzdem ist auffällig, dass die Opfer solcher Polizei-Aktionen in vielen Fällen eben nicht ganz „unbescholten“ waren.

        Die Einen fordern, dass die Polizei härter durchgreifen müsse, um die (Mehrheit der) Bevölkerung zu schützen, und Andere fordern wiederum, dass Minderheiten besser geschützt werden sollten.

        Abgesehen davon, dass was-immer man tut, es stets falsch ist: wer ist denn Mehrheit und wer ist Minderheit? Und vor allem: Warum ist eine Minderheit zur Minderheit geworden? Wollte sie das so, oder konnte sie nicht anders?
        In irgend einem Aspekt gehört sicherlich Jeder zu einer Minderheit – wie z.B. die Hörgeschädigten, oder auch die Farbenblinden (so wie ich).

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