Gfeeu (N, n)
Es gibt Wörter, die ich in den Knochen spüre. Sie sitzen dort seit Jahrzehnten, mächtig, aber fast vergessen. «Gfeeu» ist so ein Wort. Meine aus dem Solothurnischen stammende Grossmutter brauchte es zum Beispiel, wenn eines von uns Kindern mit Glück einer potenziellen Kalamität entronnen war. «Do heit der Gfeeu gha»* bedeutete, dass wir von einer höheren Macht beschützt worden waren. Es war eine Macht, die es auch weniger gut mit uns hätte meinen können.
Ich kenne niemanden, der das Wort «Gfeeu» heute noch verwendet. Aber als ich neulich meinem Vater aus dem Roman Quatemberkinder von Tim Krohn vorlas, begegnete es mir wieder. «Gfell» geschrieben. In manchen Schweizer Dialekten wird aus einem «l» nach einem Vokal halt ein «u». In anderen nicht. Krohn schreibt über die von glückbringenden und gfürchigen Mächten durchwalteten Glarner Berge. «Oh, hier steht ‹Gfell›, wie Gfeeu», sagte ich zu meinem Vater, «Habt ihr das bei euch zu Hause auf dem Bauernhof auch gesagt?»
Mein Vater fragt mich manchmal in einer Stunde dreimal, welchen Wochentag wir gerade haben. Aber jetzt sagte er ohne zu zögern: «Gfeeu im Schtaau**. Ja, das haben wir auch gesagt.»
Tim Krohn: «Quatemberkinder», Eichborn Verlag, Frankfurt, 1998.
* «Da habt ihr Glück gehabt!»
** «Glück im Stall»

Das ist interessant, da sich lt. Schweizerischem Idiotikon alle gleichlautenden oder ähnlichen Vokabeln Gefäll, Gefell, G’fäl, G’fell, G’fel et al. (von mittelhochd. gevelle) in den unterschiedlichsten Bedeutungen sämtliche aufs Fallen beziehen: Abfall (=Dünger, was das Vieh hinten fallen lässt); Gefälle, Abhang (einer Alm, einer Straße); Abgabe (was wem anderem zufällt); Zufall, Glücksfall (was einem durch Glück zufällt) u.a.m.
https://digital.idiotikon.ch/idtkn/id1.htm#!page/10745/
Danke nömix! Der Hinweis darauf, dass in „Gfell“ das Wort „fallen“ steckt, ist mir beim Kürzen untergegangen, obwohl er tatsächlich wichtig ist. Später habe ich mich dann auch gefragt, ob „Gfeu“ nicht einfach auf einen glücklichen Zufall verweist. Aber ich war immer überzeugt, dass da höhere Mächte mitgedacht wurden. Ich kann es nur so erklären: In den Bergen ist der Herrgott (und sind die bösen und guten Geister) so mächtig, dass sie auch für Zufälle veranwortlich gemacht werden.
Ganz spontan fällt mir ein, dass mein Schulfreund (in den 1960er Jahren) immer „Da hast du Sott gehabt“ sagte für „Glück gehabt“. Aus keinem anderen Mund hatte ich das jemals gehört. Erst jetzt habe ich entdeckt, dass das Plattdeutsch ist und dass „Sott“ ursprünglich Ruß bedeutet, also etwas Pechschwarzes.
Hm, interessant. Das ist mir auch völlig unbekannt. Mag einen Zusammenhang mit dem Kaminfeger haben, der ja verrusst ist und Glück bringt.
Oh ja, das ist eine gute Erklärung. An den Zusammenhang mit dem Kaminfeger hatte ich nicht gedacht.