Mit Hörgeräten kann ich Musik zwar sehr wohl noch hören. Aber bei Kammermusik zum Beispiel klingen für mich sogar Virtuosen ausnahmslos wie damals die siebenjährige Mina nach ihrer ersten Geigenstunde. Es ist zum Davonlaufen, und davonlaufen tue ich auch, wenn jemand zum Beispiel seinen Geburtstagsgästen mit einem Orchesterständchen eine Freude machen will. Eine Zeitlang sah ich mir noch die Youtube-Videos von smalin an (hier ein schönes Beispiel). Aber der Ton krankt bei mir auch dort am Erste-Geigenstunde-Effekt.
In letzter Zeit passiert es mir dafür dann und wann, dass ich Bilder sehe wie Musik. Zum Beispiel dieses hier.

Leider sieht man das sublime Leuchten der weisslichen Fläche im Hintergrund auf dem Foto nicht gut. Dieses Leuchten ist die Grundierung und Einleitung, legt eine sehnsüchtige Grundstimmung. Vielleicht sind es Stimmen, vielleicht eine Orgel, vielleicht Septakkorde einer hell klingenden Gitarre. Das Haus im Mittelgrund ist natürlich ein Tasteninstrument, aus dem oben die Töne in schnellen Läufen purzeln (im Original haben die Schindeln unendlich viele, warme Farben). Im Mittelteil des Hauses dann sind die Töne tiefer, im untersten Stock, wo der Zaun ist, kommen sie in Stössen, es könnte eine Trompete sein. Die Baumreihe darunter dann, das sind zwei, drei Streicher, die zum Schluss achtmal dasselbe, dunkle Motiv andante wiederholen. Die Zeit vergeht so von oben nach unten.
Aber, seien wir ehrlich: Auf meiner grau gestimmten Fotografie des Gemäldes knattert das Schindelhaus eher wie eine Schreibmaschine aus dem letzten Jahrhundert, und von hinten nahender Donner wird sie wahrscheinlich demnächst in ihre Einzelteile zerlegen.

Sehr schön beschrieben. Es gibt immer wieder Bilder, die Geräusche, Klänge und Töne erzeugen. Aber Du hast daraus ein regelrechtes Musikstück komponiert.
Danke, Sori, das freut mich sehr, gerade von dir 🙂
Meine These ist, dass man Bilder genau wie Musik am besten live erleben sollte um die Feinheiten zu erfassen.
Du hast das wunderbar erklärt, ohne diesen Beitrag wäre mir das nicht so bewusst gewesen.
Liebe Grüße
Danke, piri, das freut mich! Ich muss sagen, dass ich nicht oft „Musik sehe“, wenn ich in Galerien gehe. Aber dieses Bild hat mich wie ein Wirbel von Klaviertönen erfasst, als ich davorstand. Aber du hast recht: Es funktioniert nur im Original so richtig.
Übrigens gibt es im Netz Abbildungen des Gemäldes, auf denen man einzelne Ausschnitte vergrössern kann, zum Beispiel hier – aber der Effekt ist natürlich nicht derselbe:
https://www.posterlounge.ch/p/741658.html?trc_gcmp_id=20339359433&gad_source=1&gad_campaignid=20334663264&gbraid=0AAAAAC8U1eC21yH4VjnS5UI8eN1ZAvii_&gclid=EAIaIQobChMIiPv4z9L2kAMVUJqDBx0hkTEyEAQYASABEgLaHfD_BwE