Lesen: Glückliche und unglückliche Familien

Eine Freundin berichtete mir, sie versinke gerade in Leo Tolstois «Anna Karenina» als Hörbuch, es sei wunderschön. Da begann ich kürzlich spontan, den Roman zum zweiten Mal zu lesen. Beim ersten Mal war ich noch nicht 20 Jahre alt und sah in der Geschichte der russischen Ehebrecherin Anna vor allem eine Blaupause für meine eigenen Dreiecksbeziehungen. Je mehr ich mich heute wieder in diesen Text versenke, desto sicherer bin ich, dass ich das Buch damals nicht sehr genau gelesen habe. Ich suchte darin wohl einfach eine Rechtfertigung für mein Verhalten, das ich heute, mit 60, nicht untadelig finde – aber besser verstehe als damals.

Das Buch ist 975 Seiten stark, man kann es also nicht einfach in zwei, drei Abenden weglesen. Und schon der erste Satz bietet reichlich Stoff zum Nachdenken: «Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.» Wenn wir im 21. Jahrhundert das Wort «Familie» denken, dann denken wir: Mutter, Vater, Kinder. Doch Tolstoi schreibt vorerst nur wenig über Kinder, dafür viel über Mütter und Väter und Charaktere, die es vielleicht noch werden. Wie also hat Tolstois Erzähler das gemeint? Will er uns einfach sagen, dass er sich hier an unglücklichen Menschen abarbeiten wird, weil die glücklichen nicht interessant genug sind?

Mit 20 hätte ich geschworen, dass ich aus einer unglücklichen Familie komme. Meine Eltern hatten ernste Probleme, über die ich mich gerade lieber ausschweige. Und weil sich die meisten Leute gerne über ernste Familienprobleme ausschweigen, war ich damals überzeugt: Wir sind die einzigen, die in einer solchen, mir damals fast unerträglichen Lüge leben. Je mehr ich lese und erlebe, desto klarer wird mir: Wenn man zum Gradmesser nimmt, dass Eltern Streit, Dreiecksbeziehungen, Suchtprobleme, schwierige Geldprobleme oder psychische und andere Krankheiten haben, dann gibt es keine glücklichen Familien, sondern nur unglückliche. Dann wäre «glückliche Familie» ein Oxymoron, ein Widerspruch, ein unerreichbares Ideal.

Nein, so bösartig kann Tolstoi nicht gewesen sein, denke ich. Vielleicht wollte er uns zum Nachdenken darüber anregen, was eine glückliche Familie ist. Ich dachte nach und wage mal eine provisorische Definition: Glückliche Familien sind jene, die sich von Widrigkeiten nicht zerstören lassen. Familien, die Unglücke überwinden und dabei so biegsam und liebevoll bleiben, dass sich in ihnen auch jene dauerhaft geborgen fühlen, die sich vielleicht nicht ganz untadelig verhalten oder denen das Glück nicht auf Schritt und Tritt folgt.

Das gibt nicht nur eine Richtlinie für die Tolstoi-Lektüre, sondern auch für das nahende Weihnachtsfest.

Leo Tolstoi: «Anna Karenina», dtv, München, 18. Auflage, 2008; aus dem russischen übersetzt von Fred Ottow

 

 

11 Gedanken zu „Lesen: Glückliche und unglückliche Familien“

  1. An Tolstois «Anna Karenina» habe ich mich nie gewagt. Zu lange und zu langweilig, so mein jugendliches Vorurteil. Zudem eine Familiengeschichte, ein tausendseitiges Melodram. Bestimmt lag ich da falsch – oder war einfach zu jung.

    Tolstois Erzählungen hingegen haben mich berührt und in einem tief menschlichen Sinn belehrt, zum Beispiel die Geschichte »Wie viel Erde braucht ein Mensch?». Und sie haben mir die russische Welt, die russische Seele näher gebracht, wenn es so etwas überhaupt gibt. Das wird «Anna Karenina» bestimmt auch leisten.

    1. Ja, das glaube ich, dass du die Erzählungen sehr bereichernd fandst. Vielleicht enthalten sie im einzelnen das, was der Roman alles miteinander enthält: Grossartige Gesellschaftskritik bis -satire (auf eine zurückhaltende Art humorvoll), präzise Charakterstudien und geradezu berührend anschauliche Schilderungen russischen Alltags, vor allem bei den Szenen, die auf dem Bauernhof spielen.

  2. Anfang 20 habe ich alles von Tolstoi verschlungen und fand die Filme „bescheiden“, weil sie die komplexen Inhalte und Charaktere auf die öden Liebesgeschichten reduzierten.

    1. Du hast mit 20 alles von Tolstoi verschlungen?! Du musst eine wahre Vielleserin gewesen sein. Ich schaffte damals nur „Anna Karenina“. Aber dafür noch „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert. Ich hatte es wirklich mit den Eherbrecherinnen. Aber ich glaube, beide Bücher standen auf den Gestellen meiner Grosseltern.

        1. Ja, stimmt. Ich habe auch immer viel gelesen (bevor ich 20 war, habe ich gar nicht ferngesehen, es muss also auch etwas zusammengekommen sein). Aber ich erinnere mich kaum noch. Wohl deshalb schreibe ich heute alles auf.

          Ich habe zwei Verfilmungen gesehen, diejenige mit der Garbo, vor langer Zeit. Und jene mit Keira Knightley. Deine Kritik an den Filmen kann ich voll nachvollziehen. Knightley fand ich damals eine Fehlbesetzung, aber beim zweiten Lesen kann ich besser nachvollziehen, wie es gemeint ist. Und natürlich fällt immer die ganze Lewin-Geschichte in beiden amerikanischen Verfilmungen weg, die ist ja auch wichtig (und enthällt unfassbar schöne Landszenen).

  3. Morgen werde ich das Wort bestimmt schon wieder vergessen haben, das ich heute zum ersten Mal in meinem Leben gehört / gelesen habe: Oxymoron.
    Dafür kannte ich das Wort Tautologie („still und leise“), was wohl im Gegensatz zu Oxymoron („stummer Schrei“) steht.
    Würdest du denn sagen, dass es sich bei einer unglücklichen Familie um genauso eine Tautologie handelt wie bei einem weißen Schimmel?

    1. Du hast das Wort Oxymoron noch nie gehört?! Mich hat der Begriff schon am Gymnasium begeistert und es gehört zu den wenigen Begriffen für rhetorische Figuren, die ich nie vergessen habe. Tautologie haben wir damals auch gelernt. „Unglückliche Familie“ kann man aber nicht aus Tautologie bezeichnen, denke ich mal spontan. Selbst wenn man annimmt, dass alle Familien unglücklich sind, folgt bei Erwähnung des Wortes Familie nicht gleich die Assoziation „unglücklich“. Wenn du dagegen „Schimmel“ sagst und keinen Pilz meinst, dann weiss jede*r, dass das ein weisses Pferd ist.

      1. Du hast auf jeden Fall am Gymnasium viel gelernt. Aber du wusstest nicht spontan, wie man ein schwarzes Pferd nennt, sondern dachtest dabei eher an ein Geldstück.

  4. P.S.: Wenn wirklich ALLE Familien unglücklich wären, dann wäre „unglückliche Familie“ meines Erachtens schon eine Tautologie. Dass du das intuitiv nicht so siehst, liegt wohl daran, dass in der Realität eben nicht ALLE Familien unglücklich sind, und man deshalb das Wort „Familie“ nicht automatisch mit „unglücklich“ gleichsetzt.

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