Julian Barnes und wie man über seine Familie schreibt

Julian Barnes (Quelle: Britannica.com)

Ich freue mich ausserordentlich, Mitglied einer kleinen Lesegruppe zu sein. Sie besteht aus sechs Frauen. Sobald ich Zeit habe, werde ich ihnen allen für diesen Blog Nicks von Frauenfiguren aus der Weltliteratur geben. Für den Moment müssen Initialen genügen. Unsere erste Diskussion drehte sich um «Abschied(e)» von Julian Barnes. Wir stellten fest: Wir hatten beim Lesen gelacht, hatten uns teils fast wie im Zwiegespräch mit dem Autor gefühlt, hatten uns dann und wann gefragt: Warum erzählt er mir das jetzt? L. war befremdet darüber, dass Barnes sehr offen über einen Mann und eine Frau schreibt, die er gekannt haben will. Die beiden, Stephen und Jean, lernen sich durch Barnes kennen, verlieben sich zweimal, heiraten beim zweiten Mal sogar. Da sind sie schon um die 60. Autor/Erzähler Barnes muss den beiden schwören, nicht über sie zu schreiben. Aber dann sterben beide und er tut es doch.

So offen über Bekannte oder auch die Familie zu schreiben, das sei «unethisch», fand L. Dabei war sie sich sehr wohl bewusst, dass Barnes Stephen und Jean möglicherweise frei erfunden hat. Sie meinte es allgemein: Ein Autor/eine Autorin darf jene, die ihm nahe stehen, nicht an der Öffentlichkeit blossstellen.

Nach guten Buchclub-Diskussionen gehen mir oft Dinge durch den Kopf, die beim Treffen gerade nicht präsent hatte. Gestern erinnerte ich mich, dass Barnes in «Abschied(e)» auch sagt: In jüngeren Jahren habe er es sich zur Regel gemacht, «zu schreiben, als ob seine Familie tot wäre, obwohl sie es nicht war (und ich das auch nicht wollte).» Er habe es getan, um seine Bücher «so gut wie möglich» zu machen (S. 147).

Er erklärt nicht, was er mit «gut» meint. Wir können aber sicher sein, dass er seine Romane nicht geschrieben hat, um seine Verwandtschaft der Sensationslust seines Publikums preiszugeben. Sicher ist: Das Buch ist auch die Lebensbilanz eines mittlerweile 80-jährigen, erfolgreichen Schriftstellers. Es dreht sich durchaus um die Frage, was Schreibende ihrer Leserschaft überhaupt geben. Es ist eine Frage, die mich zurzeit auch als Bloggerin sehr beschäftigt.

Julian Barnes: «Departure(s)», London, Jonathan Cape, 2026. Die Übersetzung des Zitats ist von mir, die deutsche Ausgabe heisst «Abschied(e)».

6 Gedanken zu „Julian Barnes und wie man über seine Familie schreibt“

  1. Die Überlegung, ob ich überhaupt über Schreibman schreiben darf, hatte ich auch. Zuallererst einmal hab ich ihn gefragt und er war einverstanden. Aber bei mir ist es ja auch keine Öffentlichkeit, sondern ein kleiner Kreis, es ist auch kein Buch und mein Blog ist ja nicht öffentlich, sondern privat. Außerdem schreibt ja Schreibman selber Blogeinträge, auch über mich und über seine Familie. Es war bei uns immer so üblich, dass wir uns gegenseitig die Einträge zuerst gezeigt haben, ob das so okay ist, entweder vorher oder direkt als erstes, wenn man es postet. Dann ist es ja eine gewisse Gegenseitigkeit. Aber ich habe auch über diesen Gedanken nachgedacht. Für mich galt Schreibmans Einverständnis als Erlaubnis.

    1. Die KI macht folgende Vorschläge für deinen Nickname:

      Frau von Stein (Charlotte von Stein): Passt, da sie in der Literaturwelt als intellektuelle, reife und kultivierte Gesprächspartnerin (ähnlich den literarischen Reflexionen auf dem Blog) bekannt ist.

      Effi Briest (aus Theodor Fontanes Werk): Aufgrund der Verknüpfung von Alltagsbeobachtungen, einem gewissen Charme und der Beschäftigung mit gesellschaftlichen Rollen.

      Madame Bovary (aus Gustave Flauberts Werk): Wenn der Fokus auf der Suche nach dem Besonderen im Alltäglichen liegt, passend zum „kulturflaneur“-Aspekt.

      Pippi Langstrumpf: Aufgrund der selbstbewussten, unabhängigen und humorvollen Art, die oft in Blogs über das Leben widergespiegelt wird.

      Zusammenfassend: Ein Nickname, der eine selbstbewusste, intellektuelle und humorvolle Frauenfigur darstellt, ist am treffendsten.

    2. Danke, Nell. Ja, wenn ich über den Kulturflaneur schreibe, mache ich das auch so. Mich d¨ünkt auch deine Entscheidung, ein privates Tagebuch zu führen, sehr sinnvoll. Es verhindert, dass wir beim Schreiben die Grenze des Peinlichen, des allzu Intimen nicht ständig suchen müssen, sondern uns mehr Freiheiten nehmen können. Ich selbst habe die Öffentlichkeit gewählt, weil ich eine breitere Leserschaft eben doch will. Der Preis dafür ist, dass man mitunter Neulesende vor den Kopf stösst, weil man sie mit allzu grosser Härte präsentiert hat. Oder sich eben doch der Peinlichkeit hat anheimfallen lassen.

  2. Griaßdi, liebe Frau Frogg, fast beneid ich dich ein bisserl wegen Buchclub und so … wo nehmt Ihr nur so viele interessierte und meinungsstarke Frauen her? Hab auch schon oft überlegt, eine Lesebühne zu erschaffen, aber ich kenn einfach keine Frauen, die da mitmachen wollen, die vor allem auch bei der Organisiererei mitarbeiten wollen und auch Verantwortung übernehmen! Ich hoffe, Du erzählst, wie es so weitergeht mit und in Deinem Buchclub … ich häng sowieso förmlich an Deinen virtuellen Lippen, gierig nach jedem Wort! Ganz liebe Grüße!

    1. Danke, liebe Graugans, ich nehme es als Ermutigung, über den Buchclub weiterzuschreiben, ich freue mich schon jetzt auf die nächste Sitzung. Eigentlich hat mich in dieser Hinsicht das Glück in der Gestalt von M. gefunden, die den Anstoss zur Gründung unserer kleinen Lesegruppe gegeben hat.

      Eine kleine Lesegruppe erfordert am Schluss bestimmt weniger Übernahme von Verantwortung als eine Lesebühne, die ja bestellt sein will. Bei uns reicht (zum Glück) ein Esstisch mit Platz für sechs Personen und dass alle die Agenda, das Buch und ein paar gute Gedanken mitnehmen.

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