Blick in die Berge: Die viereckige Firnfläche oben auf dem Berg in der Bildmitte heisst Vrenelisgärtli. (Quelle: Wikipedia).
Als ich meinen Vater (86) vor drei Wochen im Talgrund besuchte, merkte ich, dass er eine belegte Stimme hatte. Ich war alarmiert, wenn auch nicht übermässig. Ich meine: Er hatte seit 2023 mehrere Lungenentzündungen durchgemacht und sich immer wieder erholt. «Ich will neunzig werden», sagte er, als er sich im Talgrund eingelebt hatte.
Es ging ihm schnell schlechter. Als ich ihn Montag besuchte, lag er schwer atmend im Bett und sprach undeutlich. Ich fragte, ob ich ihm überhaupt noch vorlesen solle wie üblich. Er nickte: «Ja, machen wir das Buch fertig», sagte er.
Ich las aus «Quatemberkinder» von Tim Krohn. Der Roman erzählt, wie der Melk und das Vreneli tief im Glarnerland einander lieben und doch nicht zusammenkommen können. Ich war auf Seite 154. Unwahrscheinlich, dass ich es diesmal bis zum Schluss schaffen würde. Der Roman hat 210 Seiten. Ich muss erwähnen, dass die Geschichte beim Vorlesen Längen hat. Doch die zahlreichen Schweizerdeutschen Einsprengsel hatten meinen Vater und mich immer wieder zum Lächeln gebracht.
Auch auf Seite 154 hat Melk mal wieder vergessen, dass er eigentlich zum Vreneli gehört. Als er endlich ins Tal zu ihr zurückkehren will, sind drei Jahre verflossen wie eine einzige Nacht. Das Vreneli ist verschwunden.
Mein Vater lag da und horchte mit geschlossenen Augen.
Auf Seite 165 erfährt der Melk, was mit dem Vreneli passiert ist: Sie hat während seiner Abwesenheit ein Kind geboren, Melks Kind. Aber das kleine Geschöpf schläft eines Tages einfach ein «und vertwachte nicht mehr». An dieser Stelle musste ich mich zusammennehmen, damit mein Vater nicht merkte, wie brüchig meine Stimme war.
Das Vreneli beginnt nun wie von Sinnen, hoch am Glärnisch im Schneefeld ein Gärtli anzulegen, das Vrenelisgärtli eben, und verschwindet eines Tages in einem Sturm. Wie ich nun vorlas, dass der Melk das Vreneli zunächst verzweifelt sucht und immer wieder von ihm träumt, kämpfte ich heftig mit meiner ungehorsamen Stimme. Ich kam noch bis Seite 168, ans Ende des Kapitels, dann schloss ich das Buch und verabschiedete mich. Draussen kamen mir die Tränen.
Am Donnerstag ist mein Vater gestorben.

Ich kann dir zutiefst nachfühlen, wie es dir geht, liebe Frau Frogg!
(Und das „Gefällt mir“ – du weißt es eh – ist fürs Erzählen und deine immer so gelungene Wortwahl und das gekonnte Zeichnen der Stimmungsbilder)
Danke, liebe Kraulquappe!
Mein Beileid 💐
Das Vorlesen war letztlich gut, besonders auch, weil ab und zu ein Lächeln möglich war!
Grüße von Sonja
Oh ja, das war es. Er hatte einen feinen Humor und war ein guter Zuhörer. Und das Vorlesen bringt auch immer wieder Gespräche in Gang. Man muss ja zum Glück keine Zielvorgaben einhalten.
Ich geb Dir die Hand, liebe Frau Frogg. Und ich weine ein bisserl mit Dir und uns alten papalosen Kindern.
Oh, ich gebe dir gerne die Hand, liebe Graugans, und bin froh zu wissen, wie gut du diesen spezifischen Schmerz verstehst.
Mein Beileid. 💐
Danke, Erinnye!
Das war doch ein schönes letztes Vorlesen.
Mein Beileid. 🖤
Danke, liebe Nell.
Ein Like für deine berührende Schilderung der Geschichte und der Geschichte in der Geschichte. Meine Stimme wurde zwar nicht brüchig, aber meine Augen wässrig – obschon ich deinen Vater nicht kannte.
Danke Walter, für’s Lesen und für dein Mitgefühl.
Ich bin auch traurig geworden. 🫂
Danke, liebe Edith!
Mein Beileid. 😔
Danke herzlich!
Mein herzliches Beileid❣️
Danke, Rosa!
Mein Beileid. Wie schön, dass Ihr bis fast zuletzt etwas teilen konntet, das Euch gemeinsam berührt hat.
Danke, Karin. Ja, es wird mir erst allmählich klar, was für eine schöne Verbindung das geschaffen hat.