Kürzlich diskutierte ich mit einem Bekannten über unsere Väter – meiner ist vor 20 Tagen verstorben. Der Bekannte sagte: «Ich würde gerne noch einmal mit meinem Vater sprechen. Ich möchte ihm sagen, dass ich meine Meinung geändert habe. Dass er in vielen Dingen recht hatte.» Es ging ihm um Politik, um die Weltlage. Mein Bekannter war in jungen Jahren ein Rebell, autoritätskritisch, armeekritisch, AKW-kritisch. Er hat sich seinen Platz im Leben erkämpft. Aber jetzt haben die Zeiten sich geändert. Wir müssen unsere Überzeugungen von damals neu beurteilen.
Politisch betrachtet habe ich mit meinem Vater keine offenen Rechnungen. Wir respektierten einander – auch wenn wir beide wussten, dass unsere Meinungen in gewissen Belangen auseinandergingen. Wie die Weltlage in seiner letzten Zeit war, hat er gnädigerweise nicht mehr so richtig mitbekommen. Aber ich denke manchmal darüber nach, dass ich vielleicht in emotionalen Fragen zu engstirnig gewesen bin mit ihm. Dass ich mir vom täglichen Kleinklein den Blick auf Wesentliches habe verstellen lassen.
Als ich an seinem Grab stand, hatte ich jedenfalls ein überwältigendes Gefühl von Liebe und Dankbarkeit. Ihm gegenüber, aber auch der Welt gegenüber, in der er uns hat aufwachsen lassen, den vielen freundlichen Nachbarn und Kollegen gegenüber, der Familie, den Nichten, den Cousinen gegenüber, die von nah und fern gekommen waren. Das Gefühl war so mächtig, dass ich mich beinahe davon überzeugen konnte, dass es bis ins Jenseits zu ihm hinüberreichte. Und doch: Als auf dem Nachhauseweg danach der Bus bei der Station Talgrund hielt, wäre ich gerne ausgestiegen, um ihm von all dem zu erzählen.

Danke sehr. Wie gern wuerde ich meinen Vater noch einmal sehen, um ihm alles zu erzaehlen, was uns und meiner Kleinfamilie gerade passiert.
Ja, das glaube ich. Wie sie uns fehlen, die Verwandten, die von uns gegangen sind!
Mit meiner Mutter hätte ich gern einmal gesprochen, denn zeitlebens hatten wir das nie getan. Jetzt ist es 55 Jahre zu spät …
Oh, das tut bestimmt oft noch weh! Es ist auch deshalb traurig, einen Elternteil so früh zu verlieren.