Chochlea-Implantat: Aus der Narkose erwacht

Man liegt herrlich im 10. Stock des Kantonsspitals. Als ich dort am vorletzten Freitag aus der Narkose erwachte, konnte ich meinen Blick aus dem Fenster über die waldigen Hügel rund um die Stadt schweifen lassen. Der Himmel war kobaltblau. Mir war, als schwebe ich über grünen Wolken Richtung Pilatus, mit einem dicken Verband über dem rechten Ohr. Bald rollte jemand ein zweites Bett herein, mit einer Frau, die sofort Besuch bekam.

Dann kam mein Chirurg mit der Assistenzärztin. Er hat ein zuversichtlich stimmendes Lächeln. Es sei alles bestens gegangen, sagte er. Die Elektroden in meinem Cochlea-Implantat würden genau am richtigen Ort liegen. Es sei bloss so: Als sie den Hörnerv zum Test stimuliert hätten, habe dieser nicht reagiert.

Was das bedeutet, war mir auch in meinem Dämmerzustand sofort klar: Im Moment noch nicht viel. Im Moment höre ich rechts so oder so einfach mal gar nichts. Richtig ernst gilt es erst Ende Mai. Dann, wenn sie aussen den Knopf mit dem Prozessor auf meinen Schädel setzen. Wenn der Nerv dann auch nicht anspringt, um Geräusche vom Innenohr ins Gehirn zu leiten, dann habe ich mir den Schädel vergebens aufsägen lassen.

Auch die Assistenzärztin schien verunsichert. Ist ja klar: Da hat man einen guten Job gemacht, vielleicht erst wenige Male, und dann funktioniert etwas nicht wie erwartet! Doch der Chirurg lächelte, ich solle mir keine Sorgen machen. Das komme manchmal vor – sie müssten nur noch ein zweites CT machen, um sicherzustellen, dass das Implantat auch wirklich richtig liege.

Ich sagte nicht viel – nicht umsonst bedeutet das Wort «Patientin» die Duldsame. «Man muss sich in solchen Lebenslagen einen gewissen Fatalismus aneignen», pflegt mein Freund, der pedestrian, zu sagen. Und er hat recht. Im Krankenbett ist oft abwarten und ausruhen das Beste. Aber innerlich wälzte ich sofort Worst Case-Szenarien. Was, wenn ich eines Tages gar nichts mehr höre!?

Ich lag so da und blickte hinaus auf die leuchtenden, grünen Wolken unter mir. Es war unfassbar schön. Sehen kann ich ja noch, hier und heute, dachte ich. Was morgen ist, sehen wir dann. Dann ging der Besuch meiner Zimmernachbarin und ich dachte: Ich habe ja noch Restgehör, auf meinem linken Ohr. Ich setzte mich auf die Bettkante ihr gegenüber, damit ich sie anschauen konnte, und wir begannen zu plaudern. Sie hiess Agnes, ist 81, und war gerade in einer viel misslicheren Lage als ich. Aber ich glaube, von all den Menschen, die mir an jenem Nachmittag die Zuversicht zurückgegeben haben, war sie der wichtigste.

12 Gedanken zu „Chochlea-Implantat: Aus der Narkose erwacht“

  1. Der Chirurg schien nicht ohne Zuversicht zu dir gesprochen zu haben, das bedeutet, du solltest ihr möglichst viel Hoffnung bewahren, denn er hat Erfahrung. 🫠 Auch von mir die besten Wünsche für dein neues Gehör. 👍🏻🍀🤗

        1. Isso.
          Habe vergessen, wollte dich fragen, wie du das Post-OP-Delir überstanden hast, und wie es mit der Hinfälligkeit dieses Mal ausschaut? Aber du machst mir keinen schlechten Eindruck.

          1. Nein, da hast du recht. In den ersten Tagen fühlte ich mich natürlich wie ein rohes Ei. Aber das Hirn ging schnell wieder leidlich (mit kleineren Gedächtnislücken). Jetzt fühle ich mich wieder sehr gut. Kostbare Tage, in denen man noch zu verwundbar ist, um zu arbeiten – und dafür ausgiebig lesen und träumen darf.

  2. Wie du das beschrieben hast… genauso fühlt es sich an in diesen unheimlichen Nebelzeiten im Krankenhaus; ausgeliefert und aufs Zuwarten zurückgeworfen. Das Ringen mit den Ungeheuern, die sich nicht in die Wäder zurückscheuchen lassen wollen… und hinterher doch oft das gute Ende. Nach dem ich mir immer wieder vornehme, beim nächsten Mal der Nebelzeit gelassener zu begegnen; klappt aber nur marginal 😉
    Ich hoffe also, dass du Ende Mai einen ähnlichen Blick zurück wirfst… viele liebe Grüße von zora

    1. Danke, Zora. Ich bin viel gelassener geworden in den letzten Jahren. Das hat einfach damit zu tun, dass ich das alles schon so viele Male durchgemacht habe. Aber wenn deine Kinder solche Zeiten der Ungewissheit durchmachen – und du mit ihnen – dann ist das nochmals etwas ganz anderes!

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