Schwerhörig: Das Leben gut Hörender

Noch bis Ende Woche bin ich krankgeschrieben, wegen des Cochlea-Implantats. Die Schmerzen sind deutlich weniger. Aber ich soll mich nicht anstrengen und tue Dinge, auf die ich Lust habe. So experimentiere ich an einer Kurzgeschichte herum, über die ich schon lange nachdenke. Ich versuche, mir eine gut Hörende Protagonistin an einem Cüpli-Anlass* vorzustellen. Glänzendes Parkett, atemberaubender Blick auf den nächtlichen See, knisterndes Apero-Gebäck und Gläserklirren. Acht Anwesende, die durcheinanderreden.

Ich merke: Ich habe Mühe. Ich meine: Früher habe ich viel Zeit an solchen Anlässen verbracht. Aber jetzt kämpfe ich seit bald zwei Jahrzehnten mit merklichem Gehörverlust und habe die Teilnahme an Festivitäten stark reduziert. Jetzt frage ich mich: Ist meine Protagonistin auch nervös, bevor sie an einen solchen Anlass geht? Und wenn ja: Wie nervös auf einer Skala von 1 bis 10? Fragen Hörende sich auch: Wird da jemand sein, den ich kenne? Jemand, mit dem ich eins zu eins reden kann? Wie ist wohl die Akustik in dem Raum? Und dann: Wie ist es, wenn man an so einer Feierlichkeit Konversationen am Nebenstehtisch versteht? Darf man sich da einfach einmischen? Darf man sich an so einem Anlass durch Zurufe verständigen?

Das Leben Hörender kommt mir unglaublich orientierungslos vor. Ich habe das Gefühl, dass es für gut Hörende viel mehr mögliche Arten gibt, unglücklich zu werden.

  • Ein Cüpli-Anlass ist ein kleines, festliches Treffen, an dem in der Regel Cüpli serviert werden, also Gläser mit Prosecco oder Sekt. Dazu Apero-Häppchen, also im einfachsten Fall Pommes Chips, aber auch kleine Quiches, Canapés oder Gemüsedips. Cüpli-Anlässe finden zum Beispiel an Vernissagen oder nach Medienkonferenzen oder Vorträgen statt. In der Regel stehen die Gäste und zirkulieren auch. Sie sind gute Gelegenheiten, um neue Bekanntschaften oder unverbindlich Konversation zu machen.

15 Gedanken zu „Schwerhörig: Das Leben gut Hörender“

  1. Puh, das zu beantworten ist sehr schwierig. Bei mir scheitert es bereits daran, dass ich nicht weiß, was ein Cüpli-Anlass ist. Aber egal, was es ist, kann man die Nervosität der Person nur dann einschätzen, wenn man sie kennt, bzw. danach fragt. Denn die Spanne, wann und warum jemand nervös ist, ist ja ellenlang. 🙂
    Ich wünsche dir weiterhin eine gute Genesung!
    Viele Grüße Bea

    1. Danke, dass du dich an einer Antwort versucht hast, liebe Bea! Dass viele Deutsche nicht wissen, was ein Cüpli-Anlass ist, ist mir kurz nach Freischaltung dieses Beitrags eingefallen. Natürlich! Ich ergänze das gleich.

          1. Mit Sicherheit gibt es solche Anlässe auch bei uns. Allerdings verkehre ich nicht in solchen „Cüpli-Kreisen“ und weiß daher auch nicht, wie man das hier nennt (eventuell: Sektempfang). Als ich noch in der Bank gearbeitet hatte, gab es machmal so etwas.

          2. Ah. Das gibt dem Thema doch eine neue Dimension. Kann es sein, dass bei euch ein Sektempfang etwas für Leute vom höheren Kader aufwärts ist? Hier würde ich sagen, dass das Cüpli der Champagner des aufstrebenden kleinen Mittelstandes ist. „Es Wiibergsöff“, wie mein Mann sagt, pejoratives Wort für ein Frauengetränk.

            Bei uns in der Bibliothek zum Beispiel könnte es durchaus Cüpli-Anlässe geben, zum Beispiel bei einer Buchpräsentation. Es könnte einen Cüpli-Anlass an einer Schule geben, bei dem Lehrpersonen den Abschluss eines nicht ganz einfachen Projekts mit Schülerinnen und Schülern feiern. Oder ein Dienstaltersjubiläum. Oder eine Abschiedsfeier.

            Eine 7 dl-Flasche Freixenet-Prosecco gibt es bei uns für unter 14 Franken. Und weil so ein Cüpli ja nicht mehr als etwa 1 dl fasst und man nicht an einen solchen Anlass geht, um sich die Kante zu geben, braucht es für zehn Personen zwei, zur Sicherheit drei Flaschen. Eine Zehnerpackung Eichhof Lager kostet auch Fr. 11.50. Wobei man mittlerweile bei uns bei Gastlichkeiten mit vielen Teilnehmenden etwa sechs Sorten Bier anbieten muss, damit alle etwas für ihren Geschmack finden.

  2. Ich fände es sehr interessant, eine Geschichte aus der Perspektive einer Nicht-so-gut-Hörenden erzählt zu bekommen.
    Hörend sind ja die meisten, darüber können viele schreiben… aber du hast eine spezielle Perspektive.

    1. Meine spezielle Perspektive als Schwerhörige kannst du ja hier lesen 😉 In den Geschichten, die ich für mich so schreibe, behalte ich mir vor, auch auf andere Dinge eine spezielle Perspektive zu haben als nur auf Schwerhörigkeit. Ich muss sogar ehrlich sagen: Mich verletzt es ein wenig, auf meine Schwerhörigkeit reduziert zu werden.

      Ich kann dir aber gerne schildern, wie ein Cüpli-Anlass für mich als Schwerhörige ist:
      – Ich nehme viel seltener an solchen Stehaperos teil als früher, weil anstrengender – und das Frust-Potenzial ist auch grösser.
      – Ich habe vor einem solchen Anlass Lampenfieber zwischen 4 und 6, mitunter auch leichte Panik, dann 7. Je nachdem, wer vor Ort so zu erwarten ist. Früher wahrscheinlich so zwischen 2 und 5.
      – Selbst bei grossem Hintergrundlärm konnte ich bis vor kurzem noch auf ein einigermassen deutlich sprechendes Gegenüber fokussieren. Deshalb konzentrierte ich mich jeweils darauf, jemanden zu finden, den ich akustisch verstand (und der hoffentlich etwas Hübsches zu erzählen hatte). Ich habe dann manchmal Angst, peinlich zu sein, weil ich mich zu sehr an solche Leute klammere.
      – Früher hatte ich an solchen Anlässen recht viel Stehvermögen, auch Appetit und Lust auf Prosecco. Jetzt ermüde ich schnell und bin oft eine der ersten, die das Weite sucht. Aber es gibt Ausnahmen. Neulich war ich an einem Stehapero, wo ich richtig Spass hatte.

  3. Also, ich wäre nervös vor so einem Anlass. Ich würde sagen, eine gute 6. Aber das liegt auch daran, dass ich einfach nicht so ein geselliger Mensch bin, was solche Anlässe angeht. Da ist wohl Jeder verschieden. Ich würde auch hoffen, dass ich mit Jemandem eins-zu-eins reden kann. Und stimmt, die Akustik macht viel aus. Neulich bin ich mit meinem Chef durchs Treppenhaus gelaufen, da hallt es sehr, ich habe gar nichts verstanden, was er gesagt hat. Aber es stimmt auch, dass ich schon gemerkt habe, dass Leute, die nicht so gut hören, sich über Akustik noch mehr Gedanken machen als besser Hörende.

    Ansonsten schließe ich mich Karin an. Mich würde eine Kurzgeschichte aus der Sichtweise einer Nicht-so-gut-hörenden eher interessieren.

    1. Danke, Nell, besonders für die genaue Einschätzung deines Angstpegels vor einem solchen Anlass. Dann liegen wir etwa ähnlich, du ohne Schwerhörigkeit, ich mit. Ich glaube, viele Leute fürchten sich vor Cüpli-Anlässen. Ich musste früher oft an solche kleinen Stehpartys und hatte daher mit der Zeit weniger Lampenfieber. Ich dachte vorher immer: Ich werde dann schon einen jemanden finden, mit dem ich mich wohlfühle, und meistens war es so.

      Über Akustik mache ich mir in jeder sozialen Situation Gedanken. An Sitzungen: früh genug hingehen, damit ich mit dem besseren Ohr zum Sitzungsleiter sitzen kann. Beim Restaurantbesuch: Gibt es ein Lokal, in dem die Raumgestaltung Hintergrundlärm eher dämpft als verstärkt? Bei jedem Spaziergang mit irgendwem: Gehe ich auf der richtigen Seite? Im Theater: Gehe ich da überhaupt hin oder bin ich zum Vorneherein verloren? (Meistens lautet die Antwort: Ich bin zum Vorneherein verloren, gehe also nicht mehr hin. Es wäre zum Fenster hinausgeworfenes Geld). Beim Weihnachtsessen in der Familie: Am Tisch werde ich nur eine einzige Person richtig verstehen, das ist diejenige zu meiner Linken. Wie also platziere ich mich strategisch geschickt, ohne allen anderen den letzten Nerv auszureissen mit meinen besonderen Bedürfnissen?

      Das, kurz und bündig, gibt es zu Schwerhörigkeit an sozialen Anlässen zu sagen. Das reicht eigentlich und ist auf die Dauer anstrengend und langweilig. Deshalb konzentriere ich mich bei meinen eigenen Kurzgeschichten gerne auf andere Themen. Aber es macht Spass, hier auf dem Blog über die Unterschiede zu diskutieren.

      1. Okay, das mit den anderen Themen bei Kurzgeschichten habe ich verstanden. Es war mir nicht klar, dass Du Dich dadurch auf Dein Hörvermögen reduziert fühlst, das wollte ich nicht, sorry. Du bist auf jeden Fall auch eine gut-Schreibende, das gehört auch ganz grundsätzlich zu Dir, und eine aufmerksame Beobachterin und eine freundliche Person. Und sicher noch viel mehr. Das nur dazu, was Du sonst noch bist.

        1. 🙂 Danke, Nell, das ist sehr lieb von dir! Es ist auch nicht schlimm. Rückblickend glaube ich sogar, dass die Diskussion über das Schreiben ein schöner Gedankenanstoss war. Vielleicht schreibe ich noch mehr darüber.

  4. Etwas ganz Anderes fällt mir gerade ein: Wenn ein Kind von Geburt an schlecht hört, kann es deshalb auch nicht gut sprechen. Bei dir trat der Gehörverlust ja erst später ein. Hatte das dann Auswirkungen auf dein Sprechen? Das meiste lernt man ja auch später noch durchs Hören, z.B. , wie neue Wörter ausgesprochen werden.

    Kannst du deine eigene Stimme noch hören, oder klingt die auch anders als früher?

    1. Gute Frage, Rabi, danke. Ja, ich kann meine eigene Stimme hören und mir haben auch schon Leute gesagt: „Man würde nie denken, dass du schwerhörig bist, weil du doch so deutlich sprichst!“ Ich hatte etwas Mühe, das als Kompliment zu verstehen, aber es bestätigte immerhin den Eindruck, den ich von mir selber habe. Bis vor wenigen Wochen konnte ich auch bei relativ hohem Geräuschpegel einzelne, nicht allzu weit entfernte Gesprächsfetzen gut verstehen. Aber es kann sein, dass jetzt auch mein Restgehör links nachlässt. Neulich, bei einer Zugfahrt zu viert, hatte ich die grösste Mühe mitzukommen.

      Doch auch wenn Leute im Erwachsenenalter das Gehör verlieren, merkt man das oft mit der Zeit an der Sprache. Ich hatte zwei schwerhörige Kolleginnen, die beim „s“ leicht lispelten. Als sie ein CI bekamen, legte sich das dann wieder. Ich glaube, dass dieser Verlust der Sprache für die Betroffenen sehr schwierig sein muss. Denn er führt dazu, dass man „es“ sofort merkt und die sprechende Person viel schneller auf ihre Behinderung reduziert wird. Und Reduktion auf die Behinderung: siehe Kommentar oben.

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