Die Stelle, wo das Cochlea-Implantat sitzt, heilt allmählich. Ich kann seine Umrisse wie die Wählscheibe eines alten Telefons unter der Haut spüren. Ich mache wieder Spaziergänge, obwohl ich etwas mehr Schwindel habe als früher.
Neulich war ich auf Dreilinden, einer Anhöhe über der Stadt. Von dort führt eine steile Treppe mit geschätzten 100 Stufen den Grashang hinunter zur Hauptstrasse. Dort will ich hin, das sollte gehen, denn die Treppe hat einen Handlauf. Nur: Der ist besetzt. Eine alte Frau mit Gehstock klammert sich an ihn wie eine Bergsportlerin an das rettende Seil und steigt ganz langsam ab.
Soll ich umkehren und den Umweg über das Strässchen hinter dem Hügel machen? Nein. Mir fällt das Gedicht Johann Wolfgang von Goethe ein, das ich tags zuvor gelesen habe.
Mut
Sorglos über die Fläche weg,
Wo vom künsten Wager die Bahn
Dir nicht vorgegeben du siehst,
mache dir selber Bahn!
Stille, Liebchen, mein Herz!
Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht!
Bricht’s gleich, bricht’s nicht mit dir!
https://www.aphorismen.de/gedicht/63313
Es handelt vom Eislaufen und davon, dass man etwas riskieren soll. Der Dichterfürst hat wohl zögerliche junge Männer animieren wollen, tollkühne Sportskanonen zu werden. An ältere Frauen, für die so eine Treppe ein Wagnis ist, hat er eher nicht gedacht. Dennoch, ich gehe jetzt zuversichtlich da hinunter: Kracht’s gleich, bricht’s doch nicht!
Breitbeinig steige ich hinab, alle Aufmerksamkeit in den Füssen, wie ich es im Gleichgewichtstraining gelernt habe. Nach vier Stufen muss ich die alte Frau umrunden. Sie dreht sich zu mir um und sagt, etwas unmutig über die Störung: «Grüezi.»

Liebe Frau Frogg, Du bist einfach wunderbar! Liebe Grüße vom Bergland schräg drüberhalb, Nordrand der Alpen!
🙂 Danke!
Ich gehe auch nie eine Treppe nach unten, ohne mich am Handlauf festzuhalten. Ansonsten hätte ich mir schon tausendmal die Knochen gebrochen.
Eine Alternative zum Strässchen hinter dem Hügel wäre wohl gewesen, dieselbe Geduld wie die alte Frau beim Absteigen zu haben. Aus meiner Kindheit kannte ich den Slogan „Lieber erst um sechs zu Haus als um vier im Krankenhaus“. – Zum Glück ist bei dir alles gutgegangen.
So höre, was Herr Goethe spricht,
Und glaub’ es ihm oder auch nicht.
Wenn’s Eis indes doch mit dir bricht,
Dann irrte sich Herr Goethe schlicht.
Richtig, Herr nömix, danke, denn
ich stand so da, mit rätselumwölkter Stirn
Es wollte mir ganz einfach nicht ins Hirn!
Kann Herr Goethe wirklich wollen,
dass wir solche Risiken eingehn sollen?