Locarno: Ein paar Minuten Ewigkeit direkt beim Bahnhof

850 Jahre alt und immer noch gwundrig.

Unsere Freundin Severine, Bernerin und somit reformierter Herkunft, kennt sich im Locarnese bestens aus. Doch als ich einmal die Kirche San Vittore erwähnte, sagte sie in ihrer direkten Art: «Mit den Kirchen hier musst du mir nicht kommen! Sie interessieren mich nicht, und für mich ist die katholische Kirche sowieso eine Art Sekte.» Ich verstehe, was sie meint. Trotzdem werden in meinen Feriengeschichten hier einige Kirchen vorkommen. Nicht, weil ich besonders religiös bin. Sondern, weil ich zugänglich bin für die Wirkung kultischer Räume. Und weil einige dieser alten Gemäuer die Geschichte vieler Jahrhunderte konservieren.

Teile der Basilika San Vittore zum Beispiel stehen seit über 900 Jahren. Das reicht für eine Ahnung von Ewigkeit, die ich dort immer wieder gerne für ein paar Minuten wirken lasse. Die Kirche liegt direkt neben Bahnhof Locarno und ist wohltuend kühl und meist leer. Ihr galt einer unserer ersten Besuche im Tessin. Das Gesicht, das auf dem Bild oben so wissbegierig aus den Büschen äugt, ist 850 Jahre alt und am Kapitell einer der Säulen in der Krypta zu sehen. Ich hoffe jedes Mal, wenn ich dort bin, dass es zu sprechen anfängt.

Lebensmittelpreise nach der Teuerung (Foto: Herr T.)

Auch der Turm der Kirche hat eine Eigenheit, die durch die Jahrhunderte zu uns spricht. An der Ostwand ist auf schätzungsweise 15 Metern Höhe eine Steintafel angebracht. In sie ist die Empörung über die Teuerung von 1527 eingemeisselt. Getreide war damals knapp, weil es verheerende Unwetter und Krieg in der Lomardei gegeben hatte, wo das meiste Korn herkam. Ich kann nur raten, aber ich vermute, «FURM» heisst Weizen, «SICALE» Roggen und «MILO» Hirse. Angegeben sind wohl Pfundpreise, «COST LIBRE», ich weiss aber nicht in welcher Währung. Meine Quelle* erklärt die seltsame Platzierung der Tafel: Wegen dieser wirtschaftlichen Schwierigkeiten musste man den Bau des Turms damals auf der Höhe der Inschrift unterbrechen. Er wurde erst 1932 fertiggestellt, 400 Jahre später.

Bevor uns die Tafel die aktuelle Weltlage in Erinnerung rufen konnte, gingen wir von dort die üblichen, wenigen Schritte bis zum Seeufer und genossen einen Spaziergang Richtung Tenero. Herr T. hat bereits 2016 über diese Route geschrieben (hier).

  • Quelle: Eva Meret Neuenschwander und Jürg Schneider: „Tessin und Lago Maggiore; Handbuch für individuelles Entdecken“ ; Bielefeld, Reise Know-how Verlag Peter Rump, 4. Auflage, 2014

5 Gedanken zu „Locarno: Ein paar Minuten Ewigkeit direkt beim Bahnhof“

  1. Nur eine nicht zu Ende durchdachte, hypothetische Analogie von heute zur Preistafel in der Kirche:

    Ein aufgesprühtes Klage-Graffito über die Benzinpreise an der Wand eines Einkaufzentrums oder eines anderen Konsumtempels.

    Viele Grüße (und spontane Assoziationen) in die Schweiz!

  2. Auch ich besichtige immer gerne Kirchen in fremden Städten, wobei das nichts mit Religion zu tun hat. Die meisten Gebäude sind einfach nur schön gestaltet und haben etwas Beruhigendes.

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