
Viele haben mich gefragt, wie es ist, mit einem Cochlea-Implantat (CI) zu reisen. Nun, die Idee ist, dass man mit CI besser hört. Und ich hörte besser. Das heisst grundsätzlich: mehr Vergnügen an Gesprächen. Dennoch: Ich vernachlässigte das Hörtraining, das man mir aufgetragen hatte. Es war mir zu anstrengend. Natürlich stellte ich mir im Vorfeld auch ein paar bange Fragen, zum Beispiel: Kann man mit CI einen Sonnenhut tragen? Ich meine: Das E-Ohr ist nur mit einem Magneten und einem seidendünnen Plastikfaden an den Kopf geheftet. Und es liegt bei den meisten Hüten etwa auf der Höhe des Schweissbandes. Würde eine Kopfbedeckung es nicht ständig abstreifen?
Meine Sorge erwies sich als unbegründet. Der Sonnenhut passte tiptop. Beim Wandern im Wald erwies er sich sogar als besonders praktisch. Denn er verhindert, dass herunterhängendes Laub den Knopf vom Kopf streift. Ich musste mir lediglich beim Abziehen des Hutes den genau richtigen Schwung angewöhnen, damit ich mir nicht gleichzeitig das Gerät vom Kopf riss.
Den grössten Vorteil des E-Ohrs aber entdeckte ich bei Herrn T.s Lieblingstour auf die Brissago-Inseln (über deren Schönheiten ihr bei ihm nachlesen könnt). Sie beinhaltet zwei Busfahrten, einen anderthalbstündige Spaziergang, zwei Schifffahrten und eine Besichtigungstour und dauert mindestens sechs Stunden. Früher ängstigte mich dieser Ausflug, denn solche Strapazen gingen bei Menière-Patientin Frogg meist mit einem spürbaren Hörverlust einher. Aber dieses Jahr war alles anders. «Du wirst sehen, mit dem E-Ohr wirst du endlich wieder stabil gleich hören», hatte die Hörtherapeutin versprochen. Und sie behielt recht. Das E-Ohr läuft einfach weiter, solange der Akku geladen ist.
Einziger Nachteil: Ich hatte wenig Lust auf schwimmen. Es heisst zwar, das E-Ohr sei wasserdicht. Aber ich wollte nichts riskieren. Auch wenn unsere Ferienwohnung sogar einen kleinen Swimming Pool hatte, den wir mit vier Personen teilten. Ich hätte also nicht mal in die Badi nach Locarno gehen müssen, um mich dort von meinen beiden Hörhilfen zu entkabeln (links trage ich Hörgerät) und dann gehörlos und mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn über Kies ins Wasser zu tappen. Ich konnte über eine simple Leiter in den Pool gleiten. Dennoch suchte ich das Schwimmbecken seltener auf als Herr T.. Ich fand das aber verkraftbar.
Eine Frage zum Reisen mit E-Ohr blieb bei der Reise ins Tessin unbeantwortet: Wie ist es, wenn man mit Metall im Kopf durch Sicherheitsschleusen muss, zum Beispiel an einem Flughafen? Aber im Moment denke ich noch: Das ist für Fortgeschrittene.

Erzählt wird oft, dass es das Beste daran ist, wenn man schlecht hört, dass man so viel Überflüssiges nicht mehr mit anhören muß. Da ist gewiß was dran, aber die Nachteile dürften überwiegen. Man denke nur an den Straßenlärm, auf den man gut verzichten kann – aber man hört eben auch nicht das röhrende Motorgerät, das sich einem mit überhöhter Geschwindigkeit nähert (ich kann all die, überwiegend jungen Leute, nicht verstehen, die mit Stöpseln in die Ohren an eben diesem Straßenverkehr eher nicht teilnehmen).
Tatsächlich dachte ich in dieser Verbindung noch gar nicht an die möglichen Beeinträchtigungen des Gleichgewichtssinns, obwohl ich das, ganz ohne Hörhilfe, auch schon erlebt habe. Es gibt eben nichts ohne Nachteil. Aber insgesamt lese ich, dass das eine wirklich große Erleichterung darstellt, ein solch raffiniertes Hilfsgerät zu tragen!
Und dass es auf der Reise eben oft auch darauf ankommt: Mit allen Sinnen dabei zu sein.
Oh, glaub mir, liebe Gerlint, die Nachteile überwiegen bei weitem. Vom Vorteil, dass wir Schwerhörigen gewisse Dinge auch nicht mitanhören müssen, erzähle zumindest ich jedoch reflexartig und gerne. Das hat einen besonderen Grund: Schwerhörigkeit ist eine soziale Behinderung. Wir müssen Hörenden sagen, dass wir nicht gut hören, damit sie deutlich mit uns sprechen. Damit sie dann weniger Mitleid, Schuld-, Scham- oder anders geartete negative Gefühle uns gegenüber haben (viele bekommen das und wollen dann lieber gar nicht mehr mit uns reden), sage ich zum Beispiel oft leichthin: „Aber weisst du, es hat auch Vorteile. Ich muss mir zum Beispiel den nächtlichen Lärm in unserer Gasse nicht anhören.“ Das ist eine Art Selbstverrat, aber es hilft.
Zu den Nachteilen: Die Erwerbslosigkeit unter Schwerhörigen ist signifikant höher als unter gut Hörenden. Viele Schwerhörige, nicht zuletzt Spätertaubte, haben zudem „dank“ Gehörverlust auch erhebliche Schwierigkeiten mit ihren Partnerinnen und Partnern (wenn auch nicht alle). Schwerhörige haben signifikant öfter Depressionen als gut Hörende. Wegen der Isolation. Isolation heisst für mich zum Beispiel: Ich kann im Treppenhaus wegen des Halls fast kein Gespräch mit Nachbarn führen. Das heisst: Mitten in einer blühenden Nachbarschaft (ich sehe sie plaudern) kenne ich die meisten höchstens beim Namen.
Wiegt der Vorteil, nachts den Lärm in der Gasse nicht zu hören, den Nachteil der Isolation in der Nachbarschaft auf? Das muss jede und jeder für sich entscheiden.
Man nennt das doch auch: Aus der Not eine Tugend machen. So ist etwa für mich als Rollstuhlfahrer eine beliebte Erzählung: Ich muss gewissen Dingen nicht nachrennen.
Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit – oder nicht einmal die halbe …
Mich freut sehr, dass der Kleinwagen in deinem Ohr seinen Dienst tut und sich offenbar bewährt. Super!
Danke, Walter, für diese gelassene Abhandlung des Themas „Behinderungen haben auch ihr Gutes“ 🙂 Sehr liebenswürdig. Ich merke, dass ich bei diesem Thema manchmal ein bisschen gereizt reagiere und bin froh, dass du so cool bleibst. Ja, der Kleinwagen ist eine gute Sache, ich freue mich drüber. Auch hier gibt es Nachteile, aber die Vorteile überwiegen eindeutig.
Liebe Frau Frogg,
es gibt spezielle wasserdichte Stirnbänder, die einem das Schwimmen mit CI erleichtern.
Ich bin keine Wasserratte, einfach dem Umstand geschuldet, dass ich damals Brille und Hörgeräte absetzen musste, bevor ich ins Wasser ging. Horror pur. Deshalb gehört Schwimmen nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, obwohl ich es mir gut vorstellen kann, bei den jetzigen Temperaturen einfach ins Badi zu gehen. Aber da habe ich schon die nächste Ausrede: Die Menschen…
Auch soll eine Flugreise mit CI längst kein Problem sein. Soviel ich weiss, muss ein entsprechender Ausweis vorgelegt werden, damit Du die Sicherheitsschleuse umgehen kannst. Mittlerweile gibt es die Ganzkörper-Scanner an den Flughäfen. Die Dinger sehen wirklich alles, zB was Du in den Hosentaschen hast.
Ja, so ein Stirnband hat man mir auch gezeigt. „Für Sport“, hiess es. Aber ich hatte das CI ja erst drei Wochen, ich wollte erst mal schauen. Deine Badi-Ausrede: Akzeptiert 🙂 Bin auch immer verunsichert von meinen Mitbadenden in der Badi (die ich ja nicht höre).
Den Ausweis zum Reisen, den du erwähnst, habe ich. Ich trage ihn immer mit mir herum, und sollte ich je wieder fliegen (oder mit der Bahn nach Grossbritannien fahren), werde ich ihn auch vorlegen. Aber ich hatte traumatische Erlebnisse mit Schwerhörigkeit und US-Polizeikräften an einem Flughafen in New York (war noch vor Trump). Sicher werde ich nicht in die USA reisen, und bei Flugreisen zögere ich ohnehin aus klimatischen Gründen.