
Ich könnte noch viel erzählen über unsere vergangenen Ferien. Aber ich will das jetzt zu Ende bringen, mit einer Flaniergeschichte. Am letzten Morgen brach ich auf, um im Lebensmittelladen da Inka, im oberen Teil von Orselina, ein paar tessintypische Mitbringsel einzukaufen. Orselina ist ein guter Ort zum Flanieren, einer, an dem verschiedene Orte sich quasi überlagern. Wer Orselina sieht, denkt Fremdenverkehr: Pilgerort, Kurort, heute Feriendorf; dazu Millionärshügel und Agglogemeinde von Locarno – und vielleicht auch einmal einfach Dorf gewesen.

Ich machte einen Umweg hinunter zur Madonna del Sasso. Dort blieb ich – wie schon oft – bei der Nische hängen, wo die 13 Herren im Bild ganz oben seit dem 17. Jahrhundert «ihre finale Konferenz» abhalten, wie Herr T. es hier formuliert hat. Die Terrakottafiguren sind lebensgross und gestikulieren, als seien sie mitten im Reden erstarrt. Ich studiere sie stets vergnügt, diese Herren. Diesmal fiel mir ein neues Kuriosum auf: Der Tisch ist nun gedeckt, wenn auch frugal. Einige der Männer haben eine Banane vor sich. Gab es Bananen im biblischen Jerusalem?
Danach unterquere ich die Standseilbahn, ein ratterndes und knarzendes, 100 Jahre altes Verkehrsmittel für Touristinnen, Pilger und Leute, die Freude an diesen alten Fahrzeugen haben. Dahinter finde ich das Treppchen, das ich suche, eines von vielen, die kreuz und quer das Dorf verbinden. Vorbei an der stillen Villa Orselina, einem kleinen Nobelhotel, das (wieder einmal) geschlossen ist. Die Umbrüche der letzten Jahre sind auch an diesem Ort nicht spurlos vorbeigegangen.
Von dort hinein in die Via Caselle, eine Wohnstrasse. Neuere Wohnbunker säumen das Strässchen. Ferienwohnungen? Zweitwohnungen? Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich teuer. Hier ist Leben, Bauhandwerker steigen gerade in einen Kleinlaster. Links lässig abgestellt ein schwarzer Fiat 500 mit Tessiner Kennzeichen und dem Logo eines Treuhänders. Man sieht diese Kleinwagen hier oft, sie eignen sich gut, um durch die Strässchen an den Hängen zu pfurren. Rechts vor dem Haus ein Blickfang: ein kanariengelbes Cabriolet mit Zürcher Nummer.

Mir folgen zwei blonde Frauen in Beige und Weiss mit insgesamt vier Hündchen. Spitz, Spaniel oder Chihuahua? Ich weiss es nicht mehr. Ich steige links das Treppchen hoch, das Ai Mött heisst, unverkennbar Tessiner Dialekt, aber ich kann nicht eruieren, was es heisst. Dennoch: Hier ist einer meiner Lieblingsorte. Neben einem Bach und unter Walnussbäumen steht eine verwitterte Bank, auf die ich mich gerne setze. Ich wähne mich dann an einem Ort, den die Geschichte vergessen hat, im alten Orselina, falls es das je gegeben hat. Die Häuser, die etwas weiter oben stehen, sehen jedenfalls wie alte Tessiner Häuser aus, zweistöckige, schmale Bauten, sorgfältig saniert. Die Männer, die in den Gärten werken, könnten Deutschschweizer Gymnasiallehrer sein.

Nach wenigen Schritten erreiche ich die Hauptstrasse und somit mein Ziel: den Lebensmittelladen von Inka. Es ist etwa 11 Uhr. Vor dem Lokal, an einem der Stehtischchen, gönnen sich zwei Handwerker eine Pause mit Dosengetränken. Am Nachmittag ist hier jeweils Hochbetrieb, der kleine Laden ersetzt die Dorfbeiz, die es nicht mehr gibt. Kleinlastwagen sind parkiert, wo es gerade geht, an jedem Stehtischchen plaudern und gestikulieren zwei, drei Männer in Handwerkerkluft, mit Feierabendbier oder Red Bull. Ich gehe in den Laden und kaufe Sugo arrabiata und eingelegte Steinpilze für die Nachbarn, die unsere Pflanzen gegossen haben. Wir sind bereit für die Heimreise.

Finalmente ein Abschied. Nicht so endgültig, wie bei den erstarrten Figuren, aber doch wieder zurück, heraus aus dem Tessin.
🙂 Bist du erleichtert?