Kürzlich habe ich «Die Mansarde» von Marlen Haushofer gelesen, einen österreichischen Klassiker aus dem Jahre 1969. Ich habe hier die Bedeutung des Buches für den Feminismus gewürdigt. Doch die temporäre Gehörlosigkeit der Erzählerin liess mir auch danach keine Ruhe. Ich hielt sie zunächst für eine nebulöse Metapher für etwas Schreckliches, was die Erzählerin nicht benennen will. Dann entschied ich: Ich nehme sie jetzt wörtlich und pflüge den Text nochmals durch. Was ich nun sah, veränderte meine Meinung über die Protagonistin. Denn es erinnerte mich frappant an meine ersten Jahre als Menière-Patientin.
Die Erzählerin hat eine Kindheit in grosser Isolation und den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, den jungen Anwalt Hubert geheiratet und einen kleinen Sohn. Und dann ertaubt sie aus scheinbar nichtigem Anlass: «Die Feuerwehrsirene, oder was auch immer es war, heulte, und ich schrak aus dem Schlaf auf und konnte Huberts Stimme nicht mehr hören.» (S. 201).
Und? Was fehlt ihr? Nun, die Ärzte versichern ihrem Mann lediglich, es liege «nichts Organisches» vor (S. 57). Das bedeutet jedoch genau nichts. Denn die organischen Ursachen für Hörnachlässe im Innenohr sind bis heute nicht restlos geklärt. Die Ohrenärzt*innen verlassen sich bei der Diagnose auf Hörtests. Diese dokumentieren die Hörf(un)ähigkeit, sagen aber nichts über den Zustand des betroffenen Organs aus. In meinen Spitalberichten war noch im Jahr 2000 nach ausführlichen Tests zu lesen: «Verdacht auf Hörsturz». Eine wirksame Behandlung gab es auch nicht. Das war alles sehr frustrierend, denn der Hörverlust war real und in den ersten Jahren ungeheuer furchterregend.
Ganz nebenbei werden in dieser Passage auch noch die Rechte der Patientin mit Füssen getreten. Sie selbst müsste über ihren Zustand informiert werden, nicht ihr Ehemann. Aber, gut, die Geschichte spielt kurz nach dem Krieg. Da waren Patientenrechte noch Zukunftsmusik.
Schliesslich machen die Ärzte eine für die Protagonistin besonders abwertende Unterstellung: «Ich hätte nur vergessen, wie man hört», sollen sie ihrem Mann gesagt haben (S. 57). Heisst wohl: «Das ist alles psychosomatisch, lassen Sie uns damit in Ruhe!» Es gab auch vor 25 Jahren noch Ohrenärzte, die sich zu derartigen Aussagen verstiegen. Zu mir sagte ein Mediziner im Jahr 2000, Hörstürze würden oft bei ängstlichen Naturellen (wie mir) auftreten. Dass ich danach erbost den Arzt wechselte, war für ihn wohl auch psychosomatisch. Ich hoffe, dass es heute keine solchen Ärzte mehr gibt.
Plötzlich schämte ich mich der Protagonistin gegenüber. Da war ich beim ersten Lesen selbst auf die Vernebelungstaktik der Ärzte hereingefallen und hatte sie nicht so recht ernst genommen. Dabei hätte ich es besser wissen können! Ich verstand plötzlich wenigstens ein wenig besser, warum sie ein derart abweisendes Verhältnis zur Welt hat.
Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

Großes JA dazu!
🙂 Danke!
Ich habe das Buch auch gelesen und empfand es als als ein bisschen gekünstelt bzw. „gewollt“. Aber vor dem Hintergrund der Zeit in der es geschrieben wurde und dass ich keinerlei Erfahrung mit Schwerhörigkeit oder gar Taubheit habe, ist das sicher ein sehr überhebliches, naiv oberflächliches und selbstgefälliges Urteil gewesen.
Nein, nein, so streng wäre ich jetzt an deiner Stelle nicht mit deinem Urteil. Ich habe das Buch in jungen Jahren gelesen und fand es damals auch, naja, etwas gekünstelt oder „gewollt“ ist vielleicht eine ganz passende Formulierung. Vielleicht liegt es daran, dass wir noch mit Hausfrauen einer vergleichbaren Prägung als Mütter oder Tanten oder Nachbarinnen aufgewachsen sind. Wir können uns unter einer Ertaubung ja auch nicht viel vorstellen, wenn wir sie nicht selbst durchgemacht haben. Ich entdeckte seinen Reiz erst diesmal, es stellte mir ein Rätsel und ich versuchte es zu lösen.
Ich weiß nicht, ob Du den Eintrag von mir gelesen hast. Ich war auch beim Ohrenarzt neulich und der teilte mir mit, dass ich anscheinend 2016 einen leichten Hörsturz hatte. Damals hatte er allerdings zu mir gesagt, es wäre keiner, so habe ich es notiert in meinem Tagebuch. Jetzt doch. Ich bekomme auch ein Hörgerät.
Zu Deinem Thema: Wenn eine Person von einer Minute auf die andere plötzlich vergessen sollte, wie man hört, dann muss doch etwas sehr Traumatisches passiert sein, dass so etwas passieren kann. Einfach so kann man das gar nicht vergessen, das ist gar nicht so einfach. Da müsste dann etwas wirklich sehr schreckliches passiert sein. Was auch dringend behandelt werden müsste, wenn es auf solche eine Weise psychisch wäre.
Dass Hörstürze oft bei ängstlichen Naturellen passieren sollen: Da habe ich ein starkes Gegenbeispiel. Ich kannte einmal eine Frau, die einen starken Hörsturz hatte, und die war alles Andere als ängstlich, sie war sehr durchsetzungsstark und dominant. Ja, das habe ich auch gelesen, dass die Ursachen von Hörstürzen nicht geklärt sind. Psychisch können sie sein, müssen es aber nicht, gibt auch andere Ursachen, hab ich gelesen.
Liebe Nell, nein leider habe ich den Eintrag verpasst, wo du vom Besuch beim Ohrenarzt erzählst. Ich lese das heute Abend nach, wenn ich Zugang zu einer Kiste habe, auf der ich einloggen kann, um deinen Blog zu lesen. Blöd, dass der Hörsturz nicht schon 2016 diagnostiziert wurde. Das war bestimmt sehr beunruhigend für dich. Sei zuversichtlich, was das Hörgerät betrifft. Sie können gewöhnungsbedürftig sein, erleichtern einem aber das Leben oft merklich.
Was „Die Mansarde“ betrifft, teile ich deine Meinung. Ich habe mir überlegt, ob die Sirene, die die Erzählerin hörte, so nahe an ihrem Kopf war, dass es sich um ein Knalltrauma hätte handeln können. Das ist theoretisch denkbar, aber dann müsste tatsächlich etwas wirklich Schlimmes passiert sein (die Erzählerin ist oft sehr nebulös, ich halte es für denkbar, dass sie uns das verschwiegen hätte).
Nun geschieht dieser Teil der Handlung im Buch kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Da kannte man Knalltraumata halt vor allem von den Kampfhandlungen im Krieg. Einen Soldaten hätte man vermutlich entsprechend behandelt, eventuell auch psychologisch (wobei: Worin so eine Behandlung bestanden hätte, zumal im damaligen Deutschland, weiss ich nicht). Bei einer Hausfrau sah man vielleicht einfach keinen Anlass. Aber das sind Spekulationen.
Dass jemand sein Gehör vollständig verliert, ist in der Tat sehr selten, und sicher wäre hier eine angemessene Behandlung vonnöten gewesen.