Lesen: Die Frau, die sich selbst nicht heulen hören konnte

Die Protagonistin von Marlen Haushofers Roman «Die Mansarde» wird nach ihrer plötzlichen Ertaubung aufs Land geschickt und wohnt im Haus eines Jägers. Hier schreibt sie ein Tagebuch und findet darin eindrückliche Bilder des Selbstverlustes. Zum Beispiel: «Der Jäger schien mir von Tag zu Tag mürrischer, und einmal schlug er seinen Hund besonders arg. Der Hund heulte, er heulte lautlos, und das war so entsetzlich, dass ich mich in mein Bett verkroch und weinte. Vielleicht heulte ich ebenso laut wie der Hund.» (133)

Sie kann also weder den Hund noch sich selbst heulen hören. Vielleicht deshalb versucht sie nicht, den Jäger zu stoppen. Sie geht nicht einmal selbst in den Dorfladen, denn sie traut sich in ihrem Zustand nicht unter die Leute. Ich kann das sehr gut nachvollziehen. Ich habe nach Beginn meiner Menière-Erkrankung Jahre gebraucht, bis ich wieder vor Publikum zu sprechen wagte. Und für peinliche Schwerhörigen-Erlebnisse in der Bäckerei siehe hier. Wenn ich starke Hörnachlässe hatte (die sich meist innerhalb weniger Stunden einstellten), verlor ich Teile meines Raumgefühls, stiess mich an Türfallen und Hausecken.

Die Protagonistin betrachtet ihre Abschiebung aufs Land als Verrat ihres Mannes und seiner Mutter. Sie sieht ihre Ertaubung aber auch selbst als eine Art moralisches Versagen: «Wenn Hubert eine Existenz aufgebaut hat, will er eine Wohnung suchen und mich zurückholen. Vorausgesetzt, dass ich mich bewähre und wieder hören kann.» (S. 57) An dieser Stelle muss ich es einfach einmal laut und deutlich sagen: Einer Ertaubung ist mit Willenskraft nicht beizukommen. Auch wenn man es als Spätertaubte natürlich immer wieder versucht.

Auch finde ich: Wir sollten bei der Interpretation dieser seltsamen Störung im Leben der Protagonistin nicht zu weit suchen. Sie muss kein phantastisches Element sein, wie es die Wand in Haushofers Roman von 1963 ist. Gehörlosigkeit ist für sich selbst verstörend genug.

Gleichzeitig muss ich zugeben: Es gibt Stellen, wo die Erzählerin meine Gutgläubigkeit stark strapaziert. Aber dazu mehr in meinem nächsten Beitrag.

Marlen Haushofer: «Die Mansarde», Claassen Verlag, Berlin 1969

5 Gedanken zu „Lesen: Die Frau, die sich selbst nicht heulen hören konnte“

  1. Danke. Und danke für die Geduld 🙂 Angesichts der Weltlage frage ich mich, ob es Sinn macht, Thesen über einen 57 Jahre alten Roman zu entwickeln. Aber es beschäftigt mich halt, und jetzt, wo ich ein Cochlea-Implantat habe, ist das auch eine Art Vergangenheitsbewältigung meinerseits.

    1. Mich würde sehr interessieren, wie du dein jetziges Hören zu dem vorherigen siehst (ähm hörst)? Besteht da ein gravierender Unterschied und hast du erst wieder neu hören lernen müssen?

      1. Danke für das Interesse, piri. Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Ich versuche mich an einem Blogbeitrag über das Thema, sobald ich hier mit Haushofer fertig bin. Noch ein Beitrag.

        Ich muss vorausschicken, dass ich noch ein Hörgerät habe, links. Damit höre ich auf einem Ohr noch 40 Prozent. Das reichte die letzten paar Jahre, um einigermassen durch den Alltag zu kommen. Ich weiss nur, wie es ist, nichts zu hören, wenn ich abends das Hörgerät ausziehe.

  2. Das scheint mehr eine Kaspar – Hauser – Situation zu sein. Sie ist verbannt, ob das mit dem Gehör ernst gemeint ist, ist fraglich, aber so jemanden würde man ja nur „auf’s Land“ schicken, wenn man besonders gemein ist, was soll sie da denn? Wie soll sie sich zurechtfinden?

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