Zahlreiche Behauptungen der Erzählerin von Marlen Haushofers «Mansarde», sind wenig plausibel. Zum Beispiel, dass ihr Hörverlust auf beiden Ohren vollständig ist und innerhalb von wenigen Sekunden eintritt. Aber ich lasse ihr das durchgehen, denn wir haben es hier mit einer Ich-Erzählerin zu tun und Ich-Erzählende sind bekanntlich unzuverlässig. Sie übertreiben, färben schön, spitzen zu und legen Dinge zu ihren Gunsten oder Ungunsten aus, ganz nach ihren Bedürfnissen.
Eins finde ich jedoch inakzeptabel: dass die Erzählerin uns eine schlagartige, vollständige Heilung nach zwei Jahren Gehörlosigkeit weismachen will. Und dass diese Heilung noch dazu mitten in einer bedrohlichen Begegnung mit einem Mann stattfindet, in einem Zustand höchster Angst. Genau in diesem Moment erholt sich plötzlich ihr Gehör.
Hey, so funktionieren Ohren nicht! Normalerweise empfiehlt man Patienten mit akuten Hörproblemen zwecks Genesung nicht Angst und Schrecken, sondern Ruhe. Bei mir selbst – und ich habe mein Gehör unzählige Male verloren und wiederbekommen – bewirkten Stress oder Schock nie eine Besserung, sondern, wenn schon, eine Verschlechterung.
An dieser Schlüsselstelle verweist die Erzählerin die Gehörlosigkeit eindeutig ins Reich der Psychosomatik, des Fantastischen, der schlecht recherchierten Metaphern. Die Stelle liest sich, als würde in Sekundenschnelle die Erkenntnis über die Protagonistin hereinbrechen, dass eine Rückkehr zu ihrem Mann ihre einzige Option ist. Und schon fügen sich die zickigen Innenohren und ihre Besitzerin wird wieder tauglich für den Dienst an der Familie (wenn auch mit erheblichen Ressentiments). Hier lässt die Erzählerin sich selbst im Stich, und ich verstehe nicht, warum. Auch als tatsächlich hochgradig schwerhörige Person fühle ich mich im Stich gelassen. Wer wird eine Schwerhörigkeit noch für voll nehmen, wenn er so etwas gelesen hat?
An dieser Stelle muss ich all jene um Nachsicht bitten, die nach meinen letzten zwei Thesenbeiträgen lesen wollten, dass Marlen Haushofer ein starkes, rundum überzeugendes Buch geschrieben hat. Die sich vergewissern wollten, dass die Frau 1969 auch bei der Schilderung einer Krankheit ihrer Zeit voraus war. «Die Mansarde» ist ein starker Roman. Aber nicht rundum überzeugend.

Ich gehe davon aus, dass der Grossteil der Lesenden eine gewisse Vernunft besitzt und dem Märchen einer solchen Heilung nicht glauben wird. Von Marlen Haushofer habe ich nur die Verfilmung zu „Die Wand“ in der ersten Hälfte gesehen, die zweite Hälfte war ich durch ein Telefonat von meinem damaligen Freund abgelenkt. Das, was ich gesehen hatte, fand ich befremdlich. Ich habe mir auch nachher nie die Mühe gemacht, mir den Film noch einmal vollständig anzuschauen oder zumindest das Buch zu lesen.
Dein Beitrag schickt mich mehr als 30 Jahre zurück: Ich war im vierten Schuljahr und wir lasen im Deutsch-Unterricht eine Kurzgeschichte über eine Engländerin, die in den jungen Jahren ihr Gehör verloren hatte und als junge Erwachsene in eine Umgebung kam, die sie zu heftigen Niesanfällen führte. Und sie dürfte oft genug geniest haben, um ihr Gehör wieder vollständig erlangen zu können. Keine Ahnung, warum ich mich noch an das Detail erinnern kann, dass sie nun auch gern Musik hört und ein Fan der Beatles ist.
Wir haben nachher nie über die Geschichte gesprochen oder die Protagonistin beneidet. Wir schoben diese angeblich wahre Begebenheit ins Reich der Phantasie ab und folgten lieber unseren kindlichen Phantasien.
Leider glauben viel zu viele Leute an den Wahrheitsgehalt psychosomatischer Theorien. Auch mir hat man gesagt, ich hätte mir meine Gehörprobleme insgeheim gewünscht (wie genau muss man sich eine Krankheit wünschen, damit man sie bekommt? Ich meine: Ich habe mir in der Schule so oft eine nette Grippe gewünscht, damit ich nicht in die Turnstunde muss, aber ich habe es nie hinbekommen!).
Die Geschichte von der gehörlosen Engländerin mit den Niesanfällen ist in der Tat geradezu verwerflich blöd. Nun sind Fantasien ja nicht per se etwas Schlechtes, sie trösten uns, geben uns Gedankenfutter und so weiter.
Auch „Die Wand“ ist eine Fantasterei, aber ich glaube, es ist eine, die etwas Grundsätzliches über das Leben in jener Zeit sagt. Als ich „Die Wand“ mit etwa 25 Jahren las, war ich aber auch alles andere als beeindruckt. „Die Mansarde“ fasziniert mich, je mehr ich darüber nachdenke. Auch wenn diese Stelle im Roman aus heutiger Sicht eine Schwachstelle ist, die das Ganze ins Wanken bringt. Momentan denke ich darüber nach, die Gehörlosigkeit als Metapher für eine postnatale Depression zu interpretieren, darüber konnte man ja in den Sechzigerjahren nicht schreiben. Aber sie als Gehörlosigkeit darzustellen, ist eben auch keine Lösung.
Bestimmt nahm die Erzählerin die Sinneseinschränkung als Symbol für genau das: Eine selbstauferlegte Einschränkung. Was übrigens durchaus zu psychosomatischen Symptomen führen könnte. Warum aber einmal die Rückkehr zur Familie, von der sie sich ja wohl nicht ohne guten Grund getrennt hatte, die Aufhebung bedeuten soll, bleibt als Frage stehen (ja, man darf sich eine Auszeit gönnen, unbenommen – aber hier war es doch wohl etwas mehr und etwas anderes und außerdem bedeutet eine Auszeit, auch wenn man in einer Hütte ohne Strom sitzen sollte, nicht die beschwerliche EInschränkung).
Dass aber eine Sinneseinschränkung einfach eine körperliche Erkrankung sein kann, womöglich durch psychische Faktoren verschlimmert, das darzustellen ist bestimmt richtig und sinnvoll. Interessant wäre noch, zu erfahren, wieso die Autorin gerade das Gehör für ihr Romanspiel mit dem Wollen und Sollen hernahm und nicht etwas den Sehsinn oder etwas ganz anderes.
Ja, das Wollen und Sollen. Das Verb „gehorchen“ könnte eine Rolle gespielt haben. Zum Thema Krankheit als Metapher meine bescheidene Meinung: https://www.froggblog.ch/2021/01/17/ein-kluges-buch-ueber-krankheiten/