Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende

Der Rangierbahnhof von Muttenz, im Hintergrund Basel (Bild: Frau Frogg)

Später dachte ich viel über meinen Spaziergang im Baselbiet nach. War das nun ein gelungener Ausflug gewesen? Hatte der Anflug von Panik in Schweizerhalle mich als heiter-distanzierte Flaneurin disqualifiziert? War das überhaupt wichtig? Und woher kamen die Glücksgefühle, die ich bei der Erinnerung an den Spaziergang trotz allem hatte?

Neben der Migros hatte ich mein Laugenbrötchen gegessen. Ich sass in einem Park, der aussah, als wäre es Oktober. Aber es war August und mehr als 25 Grad warm. Danach marschierte ich weiter. Ich ging Richtung Nordwesten und überquerte den Rangierbahnhof, diesmal auf einer Brücke.

Vor Jahren hatte ich eine Weile in Basel gearbeitet und war fast täglich mit dem Zug dieser riesigen Anlage entlanggefahren. Oft, vor allem im Morgen- und Abendlicht, bekam ich dann heftiges Fernweh. Ich dachte an die Städte des Nordens. Hier beginnt die Welt, dachte ich. Hier werden die Weichen gestellt, damit jemand in Kopenhagen sich Salben aus Basel ins Gesicht streichen, jemand in Antwerpen Schmerztabletten von Novartis schlucken kann, und damit wir Wein aus Frankreich auf den Tisch bekommen. Das stelle ich mir jedenfalls vor. Aber was weiss ich schon über die Dinge, die wir trinken und uns ins Gesicht streichen? Mit Eisenbahnfahren jedoch kenne ich mich aus. Eisenbahnfahren, das bedeutet Schotter, Russ und Fahrtwind. Und durchwachte Nächte. Eisenbahnen sind der Rock’n’Roll des Reisens.

Nördlich vom Bahnhof liegt der Hardwald, ein weiterer Park, mit Laubbäumen, vor allem Ahorn und Buchen. Auch er: ein Herbstwald. Vor mir schritt ein junges Paar im okkerfarbenen Laub, die beiden hielten sich an den Händen. Es war alles wie immer und nichts wie es sein soll. Vom Restaurant Waldhaus wirbelten wehmütig die Klänge eines Barpianos durchs Laub. Es war so traurig, dass ich beschloss, nach Hause zu fahren. Bei uns ist es grüner.

Und später dennoch diese Glücksgefühle: vom Draussensein; vom Abenteuer; vom Fahrtwind.

Park in Muttenz am 22. August 2026. Die Strasse, an der er liegt, heisst ironischerweise Heissgländstrasse. (Bild: Frau Frogg, 22. August 2026)

2 Gedanken zu „Muttenz: Rock ’n‘ Roll für Reisende“

  1. Es gibt so liebliche Ecken und Strecken in und um Basel (= mein Zuhause). Was um alles in der Welt hat dich ausgerechnet in die Industrieecke, nein Industriebrache, nein Industriesteppe, nein Industriewüste, nein Industriehölle Basels gezogen? ;-))

    1. Ich habe in den späten neunziger Jahren für eine Weile in Basel gearbeitet. Es hat mich immer gewurmt, dass ich von dieser Stadt (die ich sehr gerne mag) nur ganz wenig gesehen habe. So entschied ich mich für einen Rheinspaziergang, Schweizerhalle war einfach Teil des Pakets. Ich finde Industriestandorte nicht per se etwas Schlechtes. Sie gehören zu unserem Alltag, und ich finde ich, diejenigen, die dort ihr Werk tun, sollen auch damit rechnen, dass wir dort vorbeigehen.

      Was ich gerne von dir wissen würde: Wie hast du das Unglück damals erlebt? Ich hatte damals eine Freundin in Basel, die ich besuchte. Ihr Vater arbeitete in der chemischen Industrie. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie eine sehr ambivalente Haltung zu dieser Situation: Schock, Wut, aber auch das Verständnis dafür, dass die chemische Industrie in Basel Arbeitsplätze schafft.

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