voruse (Adv)
Standarddeutsch: nach draussen.
Sobald es zu regnen aufhörte und die Sonne auch nur einen einzigen Strahl aus dem Himmel schickte, sagte unsere Mama: «Gönd voruse!» Geht nach draussen. Es gab kein Wenn und Aber. Vielleicht war sie auch deshalb so konsequent, weil sie ohne uns ungestört putzen, kochen, Haushaltsgeld abrechnen oder Kreuzworträtsel lösen konnte. Es ist ihr nicht zu verdenken, wir lebten zu viert in einer kleinen Dreizimmerwohnung. Sie gab uns aber stets zu verstehen, dass dieses «Vorusegoh» vor allem einen erzieherischen und gesundheitsförderlichen Zweck hatte: Wir sollten frische Luft bekommen, Gspänli* finden, spielen, Teil der Gemeinschaft werden, unsere kleinen Muskeln trainieren und die Welt entdecken. Es hat uns nicht geschadet. Und doch habe ich manchmal gemurrt: Wenn die Sonne schien, durfte ich nicht lesen, zeichnen oder schreiben.
Mit 61 darf ich schreiben und lesen, wann immer mir der Sinn danach steht. Und doch ist dieser innere Befehl geblieben. Wenn ich Zeit habe und die Sonne scheint, will etwas in mir «voruse». Ich gehe dann spazieren. Auch, wenn kein Gspänli mitkommt. Es ist für mich eine Art, Teil der Welt zu bleiben. Sechs Lebensjahrzehnte haben mich zu einer belesenen Beobachterin der Vorgänge da draussen gemacht. Und jetzt will ich auch wieder mehr über das Spazieren schreiben, eben, weil es die Welt enthält.
- Spielkameraden

Und weil ich viel Musik aus der Schweiz höre, sind mir die Variationen „Voruss“ (Patent Ochsner) und „vorus“ (aus „Herz vorus id Wand“ von Steiner & Madlaina) bekannt. Der heutige Tag lädt dazu ein, „voruse“ zu gehen, aber ich muss noch etwas lernen/vorbereiten und freue mich auf heute Abend. Da geht’s wieder nach draussen auf ein weiteres Freiluft-Konzert.
Viel Spass dann! Du kannst wirklich Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene, Hut ab!
Nicht wirklich. Ich bin nur mit dem Bärndütsch und der Zürcher Aussprache vertraut und die beiden verstehe ich auch nicht immer.
Und in Zürich ist es „veruse“, sowohl das Vorgehen deiner Mutter, liebe Frau Frogg, kenne ich nur zu gut als auch die „Folgen“ Jahrzehnte später: sobald es schön ist, muss auch ich „veruse“, inzwischen auch sehr gerne alleine. Als Kinder versuchten wir es noch mit der Ausrede: „aber es isch ja gar niemert verusse“…
En schöne sunnige Sunntig wünschi uf Luzärn vom Unterland, liebi Frau Frogg ☀️
Ja, „veruse“ bringt es wahrscheinlich auch bei uns in Luzern phonetisch besser auf den Punkt 🙂 Wenn „niemer verosse gsii esch“, sind wir jeweils von Wohnungstür zu Wohnungstür gegangen und haben geklingelt und gefragt: „Chonnsch echli veruse?“ Waren es nicht goldene Zeiten, als man als Kind einfach draussen sein konnte, ohne Aufsicht Erwachsener und ohne, dass unten der Hauseingang (aus guten Gründen) abgeschlossen werden musste und man noch nicht mit Gegensprechanlagen sprach?
Wir mussten nicht einmal klingeln gehen. Sobald das erste Kind draussen stand, folgten die anderen in der Siedlung sehr bald. Vermutlich hatten sie es auch versucht mit der Ausrede, doch die Mütter kannten da kein Pardon.
Ja, es waren schöne Zeiten damals, unbeschwert und frei. Denke nicht, dass man heute zwei Zweitklässler alleine mit dem Velo um den Flughafen fahren lässt, trotz definitiv besserer Velorouten oder gar einfach an den Flughafen fahren lässt, um den Nachmittag mit einem Calippo auf der Zuschauerterasse zu verbringen… Die Welt war noch irgendwie überschaubarer, auch wenn es schon damals Schlimmes gab in der Region, z.B. mit den verschwundenen Kindern anfangs der 80er…
Meine Kinder, Jahrgang 80 und 83 wollten von alleine raus, aber natürlich später erst, und wenn sie keinen Termin hatten. Wir Kinder wurden genau wie ihr vor die Tür gejagt, leider auch bei Eis und Schnee. Und leider warteten selten andere Kinder auf mich da draußen. Folglich wurde ich ganz alleine in der Abenddämmerung dazu verdonnert, beispielsweise zwei bis drei Runden um den mindestens vier Fußballfelder so wie ein Grundschulgelände umfassenden Sportplatz vor unserem Haus zu laufen. Bisweilen mit Hundekacke an den Schuhen, es war ja schließlich finster. Oh Gott, das war so langweilig, und ich fühlte mich so einsam. Ja wirklich, mir fehlten Freunde da draußen.
Heutzutage ist drinnen zu viel zu tun, und wenn ich rauskomme, benutze ich nahezu ausschließlich das Fahrrad. Mit meinen starken Fußschmerzen kann ich mich nicht anders fortbewegen. C’est la vie.
Oh, Edith, das tut mir leid, dass für dich das Draussensein in der Kindheit so elend war! Wenigstens hast du deine Kinder nicht dazu verdonnert und sie die Liebe zum Draussensein selbst entwickeln lassen 🙂